Ode an die Weisheit

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Johann Peter Uz: Ode an die Weisheit (1758)

1
Der Nacht getreuer Vogel schwirrt
2
Nun endlich, da es dunkel wird,
3
Vom öden Thurm heraus:
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Wo, sicher vor des Tages Glut,
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Er philosophisch einsam ruht,
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In Epheu, Schutt und Graus.

7
Der feyerlichen Stimme Schall
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Weckt rund herum den Widerhall:
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Es seufzt die Sommerluft.
10
Ich höre, folgsam hör ich dich,
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Minervens Liebling! welcher mich
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Zum Sitz der Weisheit ruft.

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Sie liebt die Stille kühler Nacht:
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Wenn Lunens bleiches Antlitz lacht,
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Täuscht kein geschmückter Tand.
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Der Thorheit nimmt die Dunkelheit
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Ihr an der Sonne schimmernd Kleid
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Und farbigtes Gewand.

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O Pallas, Göttinn ieder Kunst,
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Quell reiner Freuden, deren Gunst
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Uns bessert, uns vergnügt;
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Die, an erhabner Schönheit reich,
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Bewundert und geliebt zugleich,
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Die Sterblichen besiegt!

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Mit stillem Geist fleh ich zu dir;
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Und nicht von stürmender Begier
27
Keicht deines Dieners Brust.
28
Der Thoren eitle Wünsche flieht
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Mein dir gehorchendes Gemüth,
30
Und seufzt nach beßrer Lust.

31
Nicht sey der Ehre Pfauenglanz,
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Des Glückes Prunk, Cytherens Kranz
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Mein Wunsch vor deinem Thron!
34
Für Stolz und Eitelkeit und Geiz
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Sey dieses bunten Spielwerks Reiz
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Betrogner Sorgen Lohn!

37
O du, die beßre Gaben giebt!
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Mein Vorzug sey, von dir geliebt,
39
Inwendig schön zu seyn;
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Nicht reich, als an zufriedner Lust,
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Nicht mächtig, als in meiner Brust,
42
Herr über mich allein!

43
Wenn alles Glückes Glanz verbleicht,
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Die Rosen unsrer Lust, vielleicht
45
Kaum aufgeblüht, verblühn:
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So lacht aus dir Unsterblichkeit;
47
Dein Lorbeer trotzt begrauter Zeit,
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Stets blühend, immer grün.

49
Durch dich beschützet, acht ich nicht,
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Was dumme Schmähsucht spottend spricht,
51
Wozu der Narr mich macht.
52
Mich kränkt nicht plumper Thorheit Hohn,
53
Nicht, wenn mit boshaft feinerm Ton
54
Mich falscher Witz verlacht.

55
Von Misgunst, Unruh, Müh und Streit,
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Den Feinden unsrer Lebenszeit,
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Flieh ich dir freudig zu:
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In stiller Wälder Aufenthalt,
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Wo Platons heilger Schatten wallt,
60
Unsterblich schön, wie du.

61
Des rauschenden Ilyssus Fluth
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Schwieg, wenn er lehrte, was uns gut,
63
Schön und vollkommen sey.
64
Athen hing an dem weisen Mund:
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Der Jüngling horcht' entzückt und stund
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Mit ehrfurchtvoller Scheu.

67
Er gab der stärkern Wahrheit nach,
68
Die seine wilde Freiheit brach:
69
Er fühlte, wenn sie schalt.
70
Der Leidenschaften Sturm entschlief:
71
Die Tugend siegte, da sie rief,
72
Mit schmeichelnder Gewalt.

73
Dir, die des Dichters Lied belebt,
74
Des Patrioten Herz erhebt,
75
Des Helden Muth im Streit;
76
Dir dankt ein häuslich Liebesband,
77
Ein stilles Leben auf dem Land,
78
Geheime Süßigkeit.

79
Weg Namen, die die Fabel preist!
80
Zu dir, vollkommner höchster Geist,
81
Fliegt mein Gesang empor.
82
Du giebst, was Sterblichen gebricht:
83
Die Weisheit quillt aus deinem Licht,
84
Quell alles Lichts! hervor.

85
Mich leit' ihr sichrer Strahl gewiß,
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In zweifelhafter Finsterniß,
87
Wo sich mein Fuß verliert:
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Wenn sie die Nebel nicht zerstreut,
89
Und mich durch alle Dunkelheit
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Zum Glück und Guten führt.

91
Es flieht vor ihrem hellen Blick
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Der Thorheit flüchtig Schattenglück,
93
Manch farbigt Luftgesicht,
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Sie sieht, trotz seiner Mummerey,
95
Daß alles, alles eitel sey,
96
Allein die Tugend nicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Peter Uz
(17201796)

* 03.10.1720 in Ansbach, † 12.05.1796 in Ansbach

männlich, geb. Uz

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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