Damons Empfindung, als er nach Thirsis Tode, Heiligenthal besuchte, wo Thirsis sich aufgehalten

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Samuel Gotthold Lange: Damons Empfindung, als er nach Thirsis Tode, Heiligenthal besuchte, wo Thirsis sich aufgehalten (1746)

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Ich seh, ich seh euch selge Hütten,
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Dich angenehmes Heilgenthal,
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Ich grüß euch Gründe und ihr Berge,
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Ich grüsse dich beliebter Ort,
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Den ich zur Wallfart mir geweihet,
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Dich grüß ich, doch mit heissen Thränen,
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Die mir die Liebe ausgepreßt,
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Und die kein Zeitlauf hemmen kan.

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Hier find ich dich, du steiler Hügel,
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Der meinem Freund ein Lustgang war
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Wo seine nimmer müden Schritte
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Bey Sturm und rauhem Kieß und Sand,
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In dem er mir entgegen sahe
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Den neuen Fußsteig sich gebahnet,
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Wo er, voll sehnlicher Begier,
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Oft Stunden lang nach mir gesehn.

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Dort unten rauscht in grüner Dämmrung
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Der kleine lautre Schmerlenbach,
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Dis ist das Thal, das er verschmähet,
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So reitzend es ihn auch gelockt,
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Wenn er, um mich in weiter Ferne
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Von diesen Bergen zu entdecken,
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Nicht Wind und rauhe Luft gescheut
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Und durch der Stürme Strudel brach.

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Nun grüß ich dich beglückte Wohnung,
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Die meinen Thirsis in sich schloß:
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Hier war es, da er mich umarmte,
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Hier drückt er mich an seine Brust
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Wie feurig küßt er im Umarmen?
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O, wie ergötzt ihn nicht die Ankunft
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Des Freundes, der in seiner Huld
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Ein wahres Glück gesucht, und fand.

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Itzt segn' ich dich du Stub und Kammer
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Wo Thirsis saß und wo er schlief,
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Ihr, vormals Sitze keuscher Musen
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Ihr, nunmehr nichts als Wüsteney!
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Hier ist der Ort, wo er gedichtet;
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Hier sang er mich und meine Doris;
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Hier weint er, als ich wieder gieng
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Und er um meine Brust sich hing.

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Wie lieb ich euch ihr stillen Wände,
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Die ihr sein Lied sehr oft gehört!
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Dich lieb ich auch du edle Jugend,
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Die Thirsis tugendhaft geführt:
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Mich rühren deine zarten Triebe,
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Und deine Thränen, die du weintest,
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Als Thirsis, der dich treu geliebt
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Dich, doch gezwungen nur verließ.

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Nun reiß ich mich aus diesen Mauren,
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Doch nein, hier setz ich mich erst hin.
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Hier hat mein Thirsis stets gesessen,
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Und diesen Sitz so hoch geweiht.
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Jedoch, hier ist mir alles öde;
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Denn Thirsis fehlt, drum will ich gehen,
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Was hast du, Dorf, das wohlgefällt?
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Nichts, als daß Thirsis hier gewohnt.

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Und dadurch hat er dich geheiligt.
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Drum mach ich dich der Welt bekannt,
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Der Wanderer soll künftig sprechen,
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Dis ist der Ort, wo Thirsis war.
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Wahlfartend will ich dich besuchen,
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Und jährlich an dem Tage weinen,
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An dem ich vormals mich ergötzt,
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Wenn ich hier meinen Thirsis sah.

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Nun geh ich weg. Und du begleitest,
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Auch mich, du holde Sängerin;
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Du unverzärtelt muntre Lerche:
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Die du gantz frostig und bereift
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Den Freund mit halben Trost erfüllet,
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So oft er mir entgegen eilte
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Und denn, daß ich nicht kam beklagt,
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Und trostlos wieder rückwerts gieng.

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Doch nein, du schweigst. Ich kans nicht tadeln,
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Die gantze Gegend schweigt mit dir:
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Die Gegend, die sonst wieder schalte,
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Wenn Thirsis spielte, wenn er sang.
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Ja schweigt und trauret, Berg und Thäler!
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Seyd stumm, ihr sonst so lauten Hügel,
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Und schweig auch, ekler Wiederschal,
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Denn Thirsis reitzet dich nicht mehr.

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Doch, Echo, weine, wenn ich weine,
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Mir zärtlich und gebrochen nach,
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Vielleicht macht mich die Lieb und Sehnsucht
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In meinem Tode dir einst gleich.
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Denn wiederhol ich Thirsis Liebe:
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Denn wiederhol ich meine Freundschaft.
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So lang ich lebend singen kan,
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Mein Thirsis sing ich auch von dir.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Samuel Gotthold Lange
(17111781)

* 22.03.1711 in Halle (Saale), † 25.06.1781 in Könnern

männlich, geb. Lange

deutscher Dichter und Pietist

(Aus: Wikidata.org)

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