So sing ich doch von deinem Tod, o Freund!

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Samuel Gotthold Lange: So sing ich doch von deinem Tod, o Freund! Titel entspricht 1. Vers(1746)

1
So sing ich doch von deinem Tod, o Freund!
2
Ein Werck, das ich mir sonst von dir versprochen.
3
Es ahnete dir wohl, als ich dich bat;
4
Du schlugst es zärtlich ab, und weintest.
5
Wir stritten lang, und du behieltest Recht.
6
O traurigs Recht, o schwere Pflicht!
7
Wo Seufzer steigen, Thränen rollen,
8
Und mit der Tinte sich vermengen.

9
O Wahrheit, der ich nur den Kiel geweiht,
10
Du meines Freundes Freundin, hilf mir fingen!
11
Er sang mit dir, er ward mit dir verschmäht;
12
Du rächst dich, und mit dir auch deinen Sänger.
13
Es schimpfen sich, die dich und ihn verschmähn,
14
Drum soll mein Lob darinn bestehn,
15
Daß ich, o Wahrheit, dich verehre,
16
Und dich, und meinen Thirsis lobe.

17
Dir, Wehmuth, öfnet sich die treue Brust,
18
Dich flieh ich dießmal nicht, betrübter Kummer,
19
Und das unruhige, dir eigne, Hertz
20
Bemühet sich den Schmertz mehr zu empfinden.
21
Die Phantasey erhitzt sich und erblickt
22
Dich, Thirsis, wie du mich geküßt;
23
Ich seh dich, und dein holdes Wesen,
24
Und wie du mir stets lieber wurdest.

25
Das ist mein Freund! O Thirsis, nahe dich,
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Und lauf, wie vor, in meine ofnen Arme,
27
Gieb mir die Hand. Wie ists? Der Schatten weicht!
28
Ich bin allein! wo ist mein süsser Thirsis?
29
Ach du bist weg, und lässest mich zurück!
30
O daß ich dir nicht folgen kan!
31
O Mus erzähl die heilge Freundschaft,
32
Und seinen Ruhm den spätsten Enckeln.

33
Kein Reim entweih dieß dir geweihte Lied,
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Du, Deutschlands wahre, nicht erkannte Ehre.
35
Ein ewger Schandfleck bleibt dieß deiner Zeit,
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Daß––, doch ich nenne keiner Stümper Namen!
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Sie haben lebend sich schon überlebt.
38
Mein Thirsis, ich beschimpfte dich,
39
Und mein Gedichte würde dunckel,
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Weil dich, nicht sie, die Nachwelt kennet.

41
So lebt Homer im Leben unbekannt,
42
Und ihn wird noch die späte Nachwelt ehren.
43
O theurer Freund! wie hast du mich geehrt?
44
Du Meisterstück der Tugend und der Freundschaft,
45
Indem du mich zum Freunde ausersehn.
46
Der ächten Freundschaft Würdigkeit
47
War so, wie deine Macht im Dichten,
48
Mein Freund, wahrhaftig sonder gleiche.

49
Beliebter Kummer über seinen Tod,
50
O hemme dießmal nicht die Kraft des Geistes,
51
Entweiche nicht, doch ziehe dich zurück,
52
Bis ich dieß Lied von meinem Freund gesungen;
53
Dann komm und fal mit Macht in meine Brust
54
Und ende dich im Tode nur.
55
O! dann, dann werd ich dich umfangen,
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Und in dein Spiel den Höchsten singen!

57
O Tugend, welche stets mein Hertz gerührt,
58
Komm mit der Dichtkunst auf der Freundschaft Rufen,
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Und hilf mir den, der dich und sie geehrt,
60
Kommt helft mit eurem Chor, vom Thirsis singen,
61
Und laßt von ihm, der sich so hoch erhob,
62
Ein wohlverdientes wahres Lob
63
Der Nachwelt zur Ermuntrung lesen,
64
Die späten Enckel drauf zu weisen.

65
Sie sinds, die einst bewundrungsvoll sein Lied,
66
Sein göttlich hohes Spiel, oft wiederholen.
67
Sie sinds, die einst gerecht, verachtungsvoll,
68
Der Zeit, die ihn nicht kennen wolte, fluchen.
69
Sie forschen nach dem Held der Barbarey;
70
Zum ewgen Spotte wird allein
71
Sein Name mit Homerens Lästrern
72
Den künftgen Zeiten aufbehalten.

73
Dir aber, Thirsis, bleibt ein ewger Ruhm,
74
Und Deutschland nennet dich bey seinen Dichtern,
75
Und trotzt mit dir gelehrter Nachbarschaft,
76
Und opfert dir den allgemeinen Beyfall,
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Den jetzt das Reich der Dummheit dir versagt.
78
Ihr blöder Blick erreicht dich nicht;
79
Du stiessest mit erhabner Scheitel,
80
Wie dein Horatz, an das Gestirne.

81
Die kleine Zahl der Brüder der Natur
82
Und des Geschmacks in Deutschlands fernsten Enden,
83
Wo Nüchtlands wolckigt Haupt dem Himmel droht,
84
Und wo der Belt ein untreu Ufer netzet,
85
Erkannte deinen Werth, gab dir den Preis.
86
Es knirschte die Unwissenheit,
87
Als du dich gegen sie empöret,
88
Im Lande, wo man sie noch ehret.

89
Mit weiser Faust stimmst du dein Saitenspiel,
90
Und schwingst dich, zweyter Pindar, in die Höhe;
91
Und dringest zu der Dichtkunst heilgen Hain,
92
Verlachst den Schwarm der abgeschmackten Dichter.
93
Du greiffest kühn das Reich der Dummheit an;
94
Wie Zevs die tollen Riesen schlägt,
95
So schlugst du tolle Schmierer nieder;
96
Sie krümmen sich im Staub und lästern.

97
Ihr eignes Gift, ihr Schaum, begeiffert sie,
98
Und schnell vermehrest du die heilgen Chöre!
99
So wie der Blitz den Frevler niederschlägt,
100
Kömmst du, und siehst, und siegst, und gehst zurücke.
101
Dein kurtzes Thun verstört den Aberwitz,
102
Und baut der Dichtkunst Tempel auf.
103
Die Dummen sehn dich, mit Erschrecken;
104
Die Weisen sehn dich, mit Verwundern.

105
Ich segne noch den Tag, der dich mir gab;
106
Ich segne jeden Ort, wo du gesessen;
107
Das Haus, der Garten, Hügel, Busch und Bach,
108
Der Ort, das Bett, in welchem du geschlafen,
109
Wird stets von mir, doch traurig gnug besucht.
110
Die Gegend, wo du dichtend giengst,
111
Ist zwar der Innhalt deiner Lieder;
112
Doch macht sie mir dein Tod zuwieder.

113
Die Nymphen, die sonst in dein hohes Spiel,
114
In Wald und Busch mit frohen Reihen tantzten,
115
Antworten itzt der Flöte bangen Ton,
116
Und meinen Seufzern stets mit Thränen.
117
Wie Phöbus, wenn er sich von uns entfernt,
118
Die schönste Gegend traurig macht;
119
So ist mein Hügel, Busch und Garten;
120
Dein Tod macht meine Gegend öde.

121
Und Echo, die stets auf dein Lied gelauscht,
122
Und es mit Freuden zehnfach wiederholte,
123
Spricht jetzt nur meine Trauertöne nach.
124
Und jeder Baum, an welchem wir gesessen,
125
Ist mir beliebt, und auch zugleich verhaßt.
126
Jetzt geh ich hin, da, wo du sangst,
127
Und denck an dich, und will dich sprechen,
128
Und gehe traurig einsam weiter.

129
Und wenn ich dann unachtsam traurig geh,
130
Kömmt oft mein kleiner Sohn mir nachgesprungen,
131
Das Kind, das du so oft gesegnet hast,
132
Es kömmt, und spricht; Ich höre nicht sein Lallen.
133
Dann rufts: Ach sieh, wie grünet doch der Baum,
134
Den ich und Thirsis hier gepflantzet.
135
Ich küsse meinen Sohn, und ächtze,
136
Und sage: Thirsis ist gestorben.

137
Auch dieser Unschuld geht dein Sterben nah,
138
Und lallend sucht mein Kind dich zu erheben,
139
Bis mir die Fluth aus beyden Augen bricht.
140
Mein Hilas siehts, erschrickt und weinet,
141
Und eilet keichend zu der Mutter hin.
142
Sie spricht: Mein Kind, was fehlet dir?
143
Papa, spricht er mit Schluchtzen, weinet,
144
Und sagte: Thirsis ist gestorben.

145
Und Doris drückt das Kind an ihre Brust,
146
Und spricht: Er singt nunmehro dort im Himmel.
147
Da wirst du ihn dereinstens wieder sehn.
148
Doch must du seiner frommen Tugend folgen.
149
So arm er war, liebt er die Eltern doch,
150
War weise, fleißig, redlich, treu,
151
Ein seltnes Muster wahrer Freundschaft,
152
Der mich und deinen Vater ehrte.

153
O, wahrlich oft bin ich mir selber gram,
154
Daß ich dich nicht genug geliebt, geehret,
155
Gab ich dir gleich, was mein Vermögen war,
156
So haßt ich doch mein Armuth deinetwegen.
157
Oft stritten wir. Ich gab, was dir gebrach,
158
Du gabst zurück, weils mir gebrach.
159
O Freund, daß ich nicht reich gewesen!
160
O grössern Glückes würdger Thirsis!

161
Nun bist du hin, die Welt erkannt dich nicht!
162
Doch, Tugend, komm, hilf meinen Freund besingen.
163
Du Freundin kluger Frommen, Armuth, komm,
164
Gieb meiner Zeichnung Licht durch deine Schatten.
165
Was sonst verächtlich ist, Freund, giebt dir Ruhm.
166
Du prangst, doch nicht durch fremden Schein,
167
Die Armuth selbst muß deinem Leben
168
Den Werth durch deine Tugend geben.

169
Die Liebe zu den Eltern hängt dein Bild
170
Zum Wunder auf im hohen Tugend-Tempel.
171
Du Armer nährtest deiner Eltern Paar;
172
Entbehrtest selbst das Kleid, um sie zu decken,
173
Und hungrig weintest du um ihre Noth.
174
Mein Thirsis, o du frommes Kind!
175
O Freund! O Gott, wer kan dich fassen!
176
Muß Thirsis denn so zeitig sterben?

177
Die Freundschaft dringt herzu, und weint und schweigt,
178
Und zeigt auf dich, und ringt um dich die Hände;
179
Nur du allein, du übtest, ehrtest sie;
180
Nun bist du hin, und ihr Altar steht ledig.
181
O sprich, mein Hertz, mein Hertz, sprich, was du fühlst.
182
Du fühlst zu viel. Mein Freund ist todt!
183
Sein Tod macht mir den Tod ergötzlich,
184
Und jeden Ort zur bangen Wüste.

185
Ich theilte dir so Schmertz als Freude mit;
186
Dein Kuß verschluckte öfters meine Thränen.
187
Nichts war mir so geheim, ich sagt es dir.
188
In deinem nicht wie Glas durchsichtgen Hertzen
189
Kont mein Geheimniß unausforschlich ruhn.
190
Bey dir war nicht einmal der Schein
191
Von Falschheit, Leichtsinn oder Wancken,
192
Ja nicht einmal nur in Gedancken.

193
Du lebtest nur für mich, mein ander Ich,
194
Du suchtst in mir nur eintzig deine Ehre,
195
So, wie zwey Bäume mit gewundnem Stamm
196
Sich schlingend stützen und vereinigt küssen.
197
Derselbe Wind beugt sie zur Erde hin,
198
Sie richten sich zugleich auch auf,
199
Und mischen ihre Blüth und Früchte.
200
O Freund, nun läst du mich alleine!

201
Was hab ich noch? Mein Vater ist dahin!
202
Du folgst ihm nach, und wäre nicht noch Doris,
203
Nebst meinem Sohn, so brächte mich der Gram
204
Zu euch, ihr nie genug gepriesnen Beyde.
205
Nun leb ich grämend; doch, mein Freund, ich weih
206
Mein gantzes Leben deinem Ruhm.
207
Die Tugend will, ich soll die strafen,
208
Die dich aus Neid und Blindheit schmähen.

209
Die Dichtkunst, die dir ihren Tempel wies,
210
Bekrönt dein Bild mit ihrem Sternenkrantze;
211
Auf ihr Geheiß bläst dich der Nachruhm aus.
212
Der Neid schreit auch, doch schweiget er verspeiet.
213
Die Dummheit rast durch närrisches Bemühen,
214
Doch meine Faust erschrecket sie,
215
Und die Satyre übt die Geissel,
216
Und straft, durch mich, die dich verachten.

217
Du aber, deutscher Pindar, singst in Ruh;
218
Nun hört dich Gott, du göttlich hoher Sänger;
219
Aus deinem Antlitz strahlt ein heitrer Glantz;
220
Aus deinem Mund erschallt die reinste Stimme;
221
Die Rechte schwebt auf hochgestimmter Harf,
222
Die Linke greiffet drein, und Gott
223
Hört dich; dich hört die Schaar der Engel,
224
Und steht entzückt, und sieht und schweiget.

225
Und David, wie ein Gott gestalt, steht auf,
226
Und spielt mit dir nach himmlischen Accorden.
227
Da singet ihr die Macht, die Sonnen schuf,
228
Und in die Welt unzählge Welten setzte.
229
Da singet ihr der Wunden lichte Pracht
230
Des ewgen Sohns. O heiligs Spiel,
231
Das mit Miltonschen Wundertönen
232
Den Himmel trübet und erheitert!

233
Du hast dein Spiel auf Erden nie entweiht,
234
Der Innhalt und die Art war stets erhaben,
235
So überstiegst du, Adlern gleich, den Blick
236
Des Pöbels, und der Innhalt deiner Lieder
237
War Gott, die Muse, Tugend, und dein Freund;
238
Und Deutschland hörte dich und schwieg.
239
Nun wacht es auf. Das Volck des Himmels
240
Bewundert dich dort, hier die Menschen.

241
Und Deutschland macht voll Eifer diesen Schluß,
242
Daß, wer dich schmäht, sich selber schänden müsse.
243
O Freund, die Nachwelt wiederholt dein Spiel,
244
Und Bodmer wird dein ewig Denckmahl setzen.
245
Und wenn mein Geist sich einstens glücklich hebt,
246
Solst du der Lieder Innhalt seyn;
247
Sie soll zu meinem Lobe lesen,
248
Ich sey dein wahrer Freund gewesen.

249
Die spätste Zeit erkennet dich durch mich,
250
Und Bodmers Fleiß, du Deutschlands wahre Zierde,
251
Dein Tscherning, Flemming, neben Rubeens Geist,
252
Dein Opitz, und dein Besser, Canitz, König,
253
Stehn in der Dichtkunst Tempel um dich her.
254
Du, mein und auch der Musen, Freund,
255
Mein Stamm soll unsre Freundschaft erben;
256
Denn wahre Freundschaft kan nicht sterben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Samuel Gotthold Lange
(17111781)

* 22.03.1711 in Halle (Saale), † 25.06.1781 in Könnern

männlich, geb. Lange

deutscher Dichter und Pietist

(Aus: Wikidata.org)

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