Komm, banger Sorgen Feindin, edle Dichtkunst

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Samuel Gotthold Lange: Komm, banger Sorgen Feindin, edle Dichtkunst Titel entspricht 1. Vers(1746)

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Komm, banger Sorgen Feindin, edle Dichtkunst,
2
Komm, du, den meisten unbekannte Tugend,
3
Komm, du, von wenigen erfahrne Freundschaft,
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Führ auch itzt den Kiel.

5
Die kluge Nachwelt lobt einst meine Einsicht,
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Wenn sie, mein Thirsis, meine Liebe lieset,
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Mit der ich gegen meine Doris brenne,
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Und dir eigen bin.

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Das Schicksal ist dem heissen Wunsch gehorsam,
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Uns trennen nicht so vieler Stunden Schritte,
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Als Jahre wir uns treu und zärtlich liebten,
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Uns trent kaum der Tod.

13
Ein Weiser sorgt nicht für sein künftig Glücke,
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Die Treue gegen Eltern wird belohnet;
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Aeneens Schultern, die den Vater trugen,
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Deckte der Purpur.

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Der durch sein Vaterhertze gegen Brüder
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Bekannte Procul lebt durch alle Zeiten;
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Ihn trägt auf Flügeln, die Verwesung meiden,
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Der bleibende Ruf.

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Die Ewigkeit, befreyt vom Unvollkommnen,
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Erwartet uns, wenn wir der Welt gedienet,
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Wenn dich die Tugenden schon hier gekrönet,
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Mit demselben Arm.

25
Wir sehn den Bacchus nicht auf fernen Klippen
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Die Nymphen lehren; Nicht die spitzen Ohren
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Des ziegenfüßigen Satyrs; Wir kennen
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Nicht den bessern Wein.

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Doch sehn wir oft, wenn ein beliebtes Rasen
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Uns teuscht, wir hören in dem heilgen Haine,
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Die Gottheit, wenn sie in dem kühlen wandelt,
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An sanften Bächen.

33
In deinem nicht wie Glas durchsichtgen Hertzen
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Entschütt ich mich auch der geheimsten Sorgen.
35
Ich halte dir dein menschliches zu gute,
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Wie du meines deckst.

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Wenn mir Horatz erscheint, schreib ich erhitzet.
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Mit frecher Wuth, und mehr verwegnen Sohlen
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Drück ich die Spur, bin kühn dir nachzueilen,
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Ja dich zu reitzen.

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Mit mindrer Wuth, doch sichrer deiner Stärcke,
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Verachtend gütig trägest du mich Schwachen,
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Senckst dich mit Großmuth bis zu mir hernieder,
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Und schreibest mir gleich.

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Erstaunt, so wenig Widerstand zu finden,
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Und durch die Schmach beschämt, noch mehr erhitzet,
47
Beweg ich dich, mit würdigern Gedichten
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Mich zu belehren.

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Ein junger Leu reitzt so, wenn er die Klauen
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Und Zähne fühlt, den stärckern Spielgesellen,
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Lacht dessen Großmuth, fordert ernstes Kämpfen,
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Und erlieget gern.

53
O du, nach Gott und Doris, höchst Geliebter,
54
So lang ich bin, kan dich kein Unglück treffen;
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Ich würde mit dir eh das letzte theilen,
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Als dich verlassen.

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Die Tugend kan den wahren Ruhm wohl dulden:
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Ich lobe deine Kunst, noch mehr dein Hertze.
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Rühm, was allein mich deiner würdig machet,
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Daß ich dich schätze.

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Die späte Welt belehr ich durch die Dichtkunst,
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Die auch gekrönte Laster nie wird preisen,
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Wie meiner Doris Treu, und deine Freundschaft
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Mein Leben beglückt.

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Itzt leg ich mich in ihre zarten Arme,
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Die sie dir zum Willkommen oft gereichet.
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Laß, wenn du lebest, keinen von uns beyden
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Ohne Klage-Lied.

69
Mit häuffigen und schuldgen Thränen netze
70
Bey blassem Angesicht die werthen Leichen,
71
Und schreibe kein Gedicht ohn diese Namen:
72
Damon und Doris.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Samuel Gotthold Lange
(17111781)

* 22.03.1711 in Halle (Saale), † 25.06.1781 in Könnern

männlich, geb. Lange

deutscher Dichter und Pietist

(Aus: Wikidata.org)

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