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Den Zauberkreis, den unermeßlich weiten,
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Von vielfach reizend schönen Weiblichkeiten
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Möcht ich durchziehn im Sturme des Genusses,
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Am Mund der Letzten sterben eines Kusses.
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O Freund, durch alle Räume möcht ich fliegen,
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Wo eine Schönheit blüht, hinknien vor jede
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Und, wärs auch nur für Augenblicke, siegen.
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Wenn ich ein schönes Mädchenkind erblicke,
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So muß ich grollen dem Geschicke,
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Daß ich und sie nicht wurden Zeitgenossen;
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Ich bin ein Greis, bis ihre Blüt erschlossen.
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Und schau ich eine stattliche Matrone,
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Von der noch jetzt entzückte Alte sagen:
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»einst war sie reizend, aller Schönheit Krone!«
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So möcht ich wandeln in vergangnen Tagen.
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Zusammenwerfen möcht ich Raum und Zeit,
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Die Leidenschaft ist wild und überschwenglich;
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Weil sie der Durst verzehrt nach Ewigkeit,
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Drum seht ihr sie so flüchtig und vergänglich.
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Zuweilen auch ist seltsam mir zu Mut,
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Als wäre, was mir durch die Adern zieht,
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Entfremdet einem höheren Gebiet,
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Ein Geist verirrt, verschlagen in mein Blut;
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Ein Ferge, der im Strom des Blutes treibt
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Und nirgendwo an einer Stelle bleibt,
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Der nie gewinnt den Frieden fester Landung,
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Weil ihm entsank sein Ruder in die Brandung.
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Hinwiederum verzaubert er mein Blut,
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Daß jeder Tropfen pocht in trunkner Wut;
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Es fühlt der Geist, der alles will umfassen,
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Im einzlen sich verkerkert und verlassen; –
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Er ist es, der mich ewig dürsten heißt
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Und mich von Weib zu Weib verderblich reißt.
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Die schönste Frau entzückt mich ohne Dauer,
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Der Reize tiefster, bald erschöpfter Bronnen
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Verweist den Durst hinweg nach neuen Wonnen,
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Besitz erzeugt mir Leere, öde Trauer.
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Du mußt an meine Weise dich gewöhnen.
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Ich fliehe Überdruß und Lustermattung,
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Erhalte frisch im Dienste mich des Schönen,
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Die einzle kränkend, schwärm ich für die Gattung.
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Der Odem einer Frau, heut Frühlingsduft,
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Drückt morgen mich vielleicht wie Kerkerluft.
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Wenn wechselnd ich mit meiner Liebe wandre
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Im weiten Kreis der schönen Frauen,
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Ist meine Lieb an jeder eine andre,
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Nicht aus Ruinen will ich Tempel bauen.
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Ja! Leidenschaft ist immer nur die neue;
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Sie läßt sich nicht von der zu jener bringen,
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Sie kann nur sterben hier, dort neu entspringen,
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Und kennt sie sich, so weiß sie nichts von Reue.
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Wie jede Schönheit einzig in der Welt,
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So ist es auch die Lieb, der sie gefällt.
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Hinaus und fort nach immer neuen Siegen,
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Solang der Jugend Feuerpulse fliegen!
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Solang sie fliegen! – wenn sie schleichen werden?
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Wenn du es noch ein Weilchen so getrieben,
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Glaubst du, die Zeche ward nicht aufgeschrieben?
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Wie wird am Zahlungstag zu Mut dir sein?
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Meinst du, man zahlt nach lustigen Gelagen
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Die Gläser nur, die man dem Wirt zerschlagen,
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Und die gebrochnen Herzen gehen drein?
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Ich habe lang Euch nicht gesehen,
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Es konnt in vielen trüben Tagen
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Mein leidend Herz sich selbst nur klagen,
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Wie Lieb und Sehnsucht Euch vergehen.
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Und nun Ihr endlich seid gekommen,
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Habt Ihr den Anblick mir genommen,
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Den lang ersehnten, all mein Glück;
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Fernando, tretet Ihr zurück?
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Wenn brausend stürzt ins Meer der Fluß,
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Und wenn der heiße Flammenguß
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Dem Herzen des Vulkans entquollen,
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Frag sie, ob sie zurücke wollen,
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Nicht mich, der ich von dir nur weiche,
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Hinweggetragen, eine Leiche.
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O laß, da sie so nah dem Ziel,
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Der Lieb ihr süßes Launenspiel;
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Ich will in dieser Nacht einmal
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Kein Drittes dränge sich herein,
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Und wärs auch nur des Lichts ein Strahl.
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Nur flüsternd soll das Wort begleiten
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Der Liebe süße Heimlichkeiten,
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Dies scheue Wild aus Edens Wald,
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Sonst schrickt es auf, und flieht es bald.