Dramatische Szenen

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Nikolaus Lenau: Dramatische Szenen (1843)

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DoN JUAN.

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Willkommen, Bruder, in der Königsstadt!
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So willst du auch, der Studien endlich satt,
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Freilassend dein verhaltnes Jugendfeuer,
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Hier suchen heitre Liebesabenteuer?

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DiEGO.

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Der Vater sandte mich, daß ich dich frage,
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Wie du hier lebest deine Jugendtage,
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Die flüchtigen, die nie zurück dir kehren,
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Ob du sie nützest uns zu Ruhm und Ehren?

11
DoN JUAN

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Spion und Prediger?! ich will mich fügen;
13
Daß du die Reise nicht umsonst getan,
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Magst du mir folgen als mein Feldkaplan
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Auf meinen lustigen Erobrungszügen.

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DiEGO.

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Laß, Bruder, uns das erste Wiedersehen
18
In eitlen Possen nicht vorübergehen.
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O Liebling meines Vaters, sei kein Tor!
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Sprich ein erfreulich Wort; was hast du vor?

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DoN JUAN.

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Den Zauberkreis, den unermeßlich weiten,
23
Von vielfach reizend schönen Weiblichkeiten
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Möcht ich durchziehn im Sturme des Genusses,
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Am Mund der Letzten sterben eines Kusses.
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O Freund, durch alle Räume möcht ich fliegen,
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Wo eine Schönheit blüht, hinknien vor jede
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Und, wärs auch nur für Augenblicke, siegen.
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Wenn ich ein schönes Mädchenkind erblicke,
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So muß ich grollen dem Geschicke,
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Daß ich und sie nicht wurden Zeitgenossen;
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Ich bin ein Greis, bis ihre Blüt erschlossen.
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Und schau ich eine stattliche Matrone,
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Von der noch jetzt entzückte Alte sagen:
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»einst war sie reizend, aller Schönheit Krone!«
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So möcht ich wandeln in vergangnen Tagen.
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Zusammenwerfen möcht ich Raum und Zeit,
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Die Leidenschaft ist wild und überschwenglich;
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Weil sie der Durst verzehrt nach Ewigkeit,
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Drum seht ihr sie so flüchtig und vergänglich.
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Zuweilen auch ist seltsam mir zu Mut,
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Als wäre, was mir durch die Adern zieht,
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Entfremdet einem höheren Gebiet,
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Ein Geist verirrt, verschlagen in mein Blut;
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Ein Ferge, der im Strom des Blutes treibt
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Und nirgendwo an einer Stelle bleibt,
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Der nie gewinnt den Frieden fester Landung,
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Weil ihm entsank sein Ruder in die Brandung.
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Hinwiederum verzaubert er mein Blut,
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Daß jeder Tropfen pocht in trunkner Wut;
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Es fühlt der Geist, der alles will umfassen,
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Im einzlen sich verkerkert und verlassen; –
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Er ist es, der mich ewig dürsten heißt
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Und mich von Weib zu Weib verderblich reißt.
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Die schönste Frau entzückt mich ohne Dauer,
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Der Reize tiefster, bald erschöpfter Bronnen
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Verweist den Durst hinweg nach neuen Wonnen,
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Besitz erzeugt mir Leere, öde Trauer.

59
DiEGO.

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Wohin verirrt der Flug sich deiner Sünden!
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Kannst du auch nur
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Gebeut: willst du dein Erdenlos bestehen,
63
Mußt du geschloßnen Auges und verzichtend
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An manchem Paradies vorübergehen.

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DoN JUAN.

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Ein anderes Gesetz mein ich zu spüren,
67
Es heißt mich meiner Manneskraft vertrauen
68
Und sprengen kühn des Edens feste Türen,
69
Den Cherub an der Pforte niederhauen.

70
DiEGO.

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O Tor! dir droht die bitterste Verarmung;
72
Ein Bettler wirst du in den Abgrund schwanken;
73
Der Gott der Freuden ist ein Gott der Schranken,
74
Dies lehrt dich ja die Fessel der Umarmung.

75
DoN JUAN.

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Das war ad hominem; doch schief geboten;
77
Es trifft den Leib, die Seele trifft es nicht;
78
Auch Reinlichkeit ist eines Weisen Pflicht,
79
Du aber, Freund, philosophierst in Zoten.

80
DiEGO.

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Das eben ist das Falsche und das Scheele,
82
Daß sich in einer lüderlichen Seele
83
Ihr höchstes Gut entadelt und entweiht,
84
Denn all ihr Tun ist schnöder Widerstreit.

85
DoN JUAN.

86
Schont ich in dir den Bruder nicht, den treuen,
87
Die herbe Rede sollte dich gereuen.

88
DiEGO.

89
Wärst du vom Vater mir nicht anbefohlen,
90
Spräch ich vielleicht: mag ihn der Teufel holen!

91
DoN JUAN.

92
Du mußt an meine Weise dich gewöhnen.
93
Ich fliehe Überdruß und Lustermattung,
94
Erhalte frisch im Dienste mich des Schönen,
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Die einzle kränkend, schwärm ich für die Gattung.
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Der Odem einer Frau, heut Frühlingsduft,
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Drückt morgen mich vielleicht wie Kerkerluft.
98
Wenn wechselnd ich mit meiner Liebe wandre
99
Im weiten Kreis der schönen Frauen,
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Ist meine Lieb an jeder eine andre,
101
Nicht aus Ruinen will ich Tempel bauen.
102
Ja! Leidenschaft ist immer nur die neue;
103
Sie läßt sich nicht von der zu jener bringen,
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Sie kann nur sterben hier, dort neu entspringen,
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Und kennt sie sich, so weiß sie nichts von Reue.
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Wie jede Schönheit einzig in der Welt,
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So ist es auch die Lieb, der sie gefällt.
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Hinaus und fort nach immer neuen Siegen,
109
Solang der Jugend Feuerpulse fliegen!

110
DiEGO.

111
Solang sie fliegen! – wenn sie schleichen werden?
112
Hast du denn eine
113
Wenn du es noch ein Weilchen so getrieben,
114
Glaubst du, die Zeche ward nicht aufgeschrieben?
115
Wie wird am Zahlungstag zu Mut dir sein?
116
Meinst du, man zahlt nach lustigen Gelagen
117
Die Gläser nur, die man dem Wirt zerschlagen,
118
Und die gebrochnen Herzen gehen drein?

119
DoN JUAN.

120
Die Gläser und die Herzen, alle Zechen
121
Hab ich bezahlt, wenn meine Augen brechen;
122
Mein letzter Hauch ist Sühnung und Entgelt,
123
Denn er verweht mich selbst, und mir die Welt.

124
Miserere Domine!
125
Mich verwirrt des Mägdleins Näh.

126
ZwEITER MÖNCH.

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Satan in Gestalt des Weibes,
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Apage! und heb von hinnen
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Mir den Irrwisch deines Leibes!
130
Wehe, wehe meinen Sinnen!

131
Ich habe lang Euch nicht gesehen,
132
Es konnt in vielen trüben Tagen
133
Mein leidend Herz sich selbst nur klagen,
134
Wie Lieb und Sehnsucht Euch vergehen.
135
Und nun Ihr endlich seid gekommen,
136
Habt Ihr den Anblick mir genommen,
137
Den lang ersehnten, all mein Glück;
138
Fernando, tretet Ihr zurück?

139
DoN JUAN

140
Wenn brausend stürzt ins Meer der Fluß,
141
Und wenn der heiße Flammenguß
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Dem Herzen des Vulkans entquollen,
143
Frag sie, ob sie zurücke wollen,
144
Nicht mich, der ich von dir nur weiche,
145
Hinweggetragen, eine Leiche.

146
IsABELLA.

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Was flüsterst du? o sprich doch laut
148
Zu deiner angelobten Braut;
149
Erst löschtest du der Lampe Licht
150
Und raubtest mir dein Angesicht
151
Und nun auch deiner Stimme Klang,
152
Was beides ich entbehrt so lang.

153
DoN JUAN.

154
O laß, da sie so nah dem Ziel,
155
Der Lieb ihr süßes Launenspiel;
156
Ich will in dieser Nacht einmal
157
Kein Drittes dränge sich herein,
158
Und wärs auch nur des Lichts ein Strahl.
159
Nur flüsternd soll das Wort begleiten
160
Der Liebe süße Heimlichkeiten,
161
Dies scheue Wild aus Edens Wald,
162
Sonst schrickt es auf, und flieht es bald.

163
IsABELLA.

164
Ich will die Lampe wiederzünden,
165
Dein Antlitz soll die Schrecken bannen,
166
Die heimlich mir das Herz umspannen,
167
Als wollten sie mir Unheil künden.

168
DoN JUAN.

169
O nein! es bleibe Nacht umher;
170
Laß deinen Hauch und Kuß mich trinken,
171
Nur fühlend will ich ganz versinken
172
Im stillen dunkeln Wonnemeer.

173
Laßt ab, ihr Geiger, mich verletzt das Lärmen.
174
Gut Nacht, ihr Mädchen! aus ists mit dem Schwärmen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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