Der Morgengang

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Nikolaus Lenau: Der Morgengang (1836)

1
Ein hoher Berg, vom Morgen angeglüht,
2
Der hell und froh herauf im Osten sprüht;
3
Ein Wandrer kühn, der dort zum Gipfel strebt,
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Von Fels zu Fels im raschen Fluge schwebt.
5
Was willst du, Faust, auf diesen Bergeszinnen?
6
Den Nebeln und den Zweifeln dort entrinnen?
7
Des Abgrunds Nebel werden nach dir schleichen,
8
Auch dort dir Zweifel an die Stirne streichen.
9
O freue dich am hellen Sonnenglanze,
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Freu dich an seinem Kind, der stillen Pflanze,
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Der Alpenlerche, die sich einsam schwingt,
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Am Schneegebirg, das durch den Himmel dringt!
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Laß Bergeslüfte froh dein Herz durchschauern
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Und sie verwehn dein ungerechtes Trauern;
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Laß nicht den Flammenwunsch im Herzen lodern,
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Der Schöpfung ihr Geheimnis abzufordern;
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O wolle nicht mit Gott zusammenfallen,
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Solang dein Los auf Erden ist zu wallen.
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Das Land der Sehnsucht ist die Erde nur;
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Was Gott dir liebend in die Seele schwur,
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Empfängst du erst im Lande der Verheißung,
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Nach deiner Hülle fröhlicher Zerreißung! –
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Umsonst, umsonst! Die ungestümen Fragen
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Ihn ohne Rast von Fels zu Felsen jagen.
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Viel Pflanzen hat er schon entpflückt dem Grund
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Und, kaum besehn, geworfen in den Schlund;
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Viel Steine schon hat dringend aufgerafft,
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Am Fels zerschmettert seine Leidenschaft,
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Und manch Insekt zerknickt des Forschers Hand,
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Weils ihm von seiner Schöpfung nichts gestand.
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Nun bleibt er stehn und lauscht dem Glockenklang
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Vom Tal herauf, und fernem Kirchensang,
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Der Glockenruf – die Lieder – mit den Winden
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Und wechselnd horcht er auf der Töne Flucht
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Und spricht hinab in eine tiefe Schlucht:
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»wie wird mir nun zu Mut mit einem Mal!
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Wie faßt mich plötzlich ungekannte Qual!
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Ich fühls: des Glaubens letzter Faden reißt,
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Anweht mein Herz ein kalter, finstrer Geist.
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O, daß die Töne, die vom Tal sich schwingen,
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Mich wie ein Aufschrei bittrer Not durchdringen!
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Da unten Wandrer durch die Wüste ziehn
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Und jetzt im Notgezelt, dem Kirchlein, knien,
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Und die Verlaßnen rufen sehnsuchtsvoll
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Dem Führer, daß er endlich kommen soll.
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Ob eure Sehnsucht betet, fluchet, weint,
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Der Führer nirgends, nirgends euch erscheint!«
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Und weiter, höher, steiler treibt die Hast,
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Der Unmut fort der Berge trüben Gast,
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Auf Klippen, wo den Pfad die Furcht verschlingt,
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Wohin verzweifelnd nur die Gemse springt.
52
Schon kann der Klang vom Tal ihn nicht erreichen;
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Doch fernher tönts von dumpfen Donnerstreichen.
54
Zu Füßen jetzt dem ungestümen Frager
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Erbraust ein sturmversammelt Wolkenlager,
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Und wilder stets das Wetter blitzt und kracht;
57
Er ruft hinab frohlockend in die Nacht:
58
»die Wetterwolken hab ich übersprungen,
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Daß sie vergebens mir zu Füßen klaffen,
60
Nach mir ausstreckend ihre Feuerzungen:
61
So will ich mich der Geistesnacht entraffen!«
62
Da plötzlich wankt und weicht von seinem Tritt
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Ein Stein und reißt ihn jach zum Abgrund mit;
64
Doch faßt ihn rettend eine starke Hand
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Und stellt ihn ruhig auf den Felsenrand;
66
Ein finstrer Jäger blickt ins Aug ihm stumm
67
Und schwindet um das Felseneck hinum.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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