Die Rache

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Nikolaus Lenau: Die Rache (1842)

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Der dunklen Wolken letzte schwand
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Hinab am glatten Meeresrand,
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Um Schatten fernem Land zu schenken
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Und mit Gewittern es zu tränken.
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Hier regt kein Hauch das durstge Laub,
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Und ruhig liegt der feinste Staub;
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Die Sommerluft ist schwül und matt,
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Und auf der Wasserfläche glatt
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Mag sicher hin die Spinne schreiten,
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Sie kann in keine Furche gleiten;
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Die Möwen taumeln trag und schlagen
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Die schlaffe Luft mit Unbehagen.

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Matrosen baden dort und singen,
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Um Leben in die Luft zu bringen,
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Denn ist der Seemann müßig auch,
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Er liebt des Windes frischen Hauch,
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Auf seinen Fahrten lernt er hassen
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Das stille Meer, vom Wind verlassen.
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Sie singen froh ein irisch Lied,
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Wie dem Matrosen wohl geschieht,
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Wenn er die Fahrt mit Müh vollbracht,
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Die Münze rollt, die Dirne lacht,
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Die Fiedel ... weh! ein banger Schrei!
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Den einen biß ein Hai entzwei.
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Dem Kameraden, ders erblickt,
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Hat Schreck und Wut das Herz durchzückt.

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Doch hat er schnell sich aufgemannt,
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Sein Schreck ist in der Wut verbrannt,
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Er springt ans Land und holt sein Messer
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Und stürzt zur Rache ins Gewässer,
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Die andern starren vom Gestade
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Ihm nach, und flehen Gott um Gnade.

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Wo bist? komm an! – er taucht und dreht
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Die Augen rings und schwimmt und späht
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Und sucht den grimmen Feind verwegen;
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Da schießt das Untier ihm entgegen,
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Weit gähnt ihm zu der Rachenriß
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Und fletscht nach ihm das Mordgebiß.
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Doch denkt er nicht der eignen Sache,
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Nur Rache, seinem Toten Rache.
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Tief in des Meeres Einsamkeit
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Und Dämmerung beginnt der Streit,
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Wild, atemlos, still; wer bezwungen,
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Wird stiller nicht, als er gerungen,
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Der Dolch, die Zähne sind gezückt,
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Das Auge nah dem Auge rückt.

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Am Strande stehn die andern harrend,
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Bang nach dem Ausgang niederstarrend.
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Wohl manchen mahnts: o spring hinein,
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Laß deinen Bruder nicht allein!
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Doch Schrecken hemmt die kühne Tat
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Und raunt ihm zu: Es ist zu spat.
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Da sehn sie rot das Meer sich färben,
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Stets röter quillts – wer mußte sterben?

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Der Hai tat einen Schuß und Schnapp,
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Doch am Gebiß vorüber knapp
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Ist ihm der kühne Held geschwommen,
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Und sucht bauchunter ihm zu kommen;
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Er weicht und schießt und taucht hinab
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Dicht unter seines Bruders Grab,
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Bohrt ein den Dolch bis an die Haft,
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Und zieht den Schnitt mit Lust und Kraft.
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Gestachelt von des Schmerzes Feuer,
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Wälzt seinen Leib das Ungeheuer,
65
Und wendet ihn, den wütend jachen,
66
Dem Tapfern droht der offne Rachen,
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Darin vor grimmigem Erbittern
68
Und Mordbegier die Zähne zittern;
69
Der Mann entglitt zum zweitenmal,
70
Und mordend wühlt der scharfe Stahl.

71
Der Hai an ihm vorübersinkt,
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Doch aus dem Schlund die Wut noch blinkt;
73
Wie sterbend ihn das Auge mißt
74
Des Hais, der Seemann nie vergißt.

75
Er schwingt sich auf nach Luft und Licht,
76
Erschöpft sein Leib zusammenbricht;
77
Das Hurra jauchzt, das Siegsgeschrei:
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Der starke Held bezwang den Hai! –

79
Da wirft sich der verwegne Fechter
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Ermüdet in den Ufersand
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Und schlägt ein helles Lustgelächter,
82
Daß er das Untier überwand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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