An die medisierenden Damen

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Nikolaus Lenau: An die medisierenden Damen (1835)

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Sproßt ihr wie des Frühlings junge Triebe,
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Ahmt die Wange seiner Rosen Glut,
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Soll das Herz auch ahmen seine Liebe,
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Wie das Herz des Frühlings – mild und gut.
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Medisiert das Blümlein auf der Wiese,
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Seinem un verlernen Paradiese?
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Tuns im Wald die jungen, grünen Blätter,
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Wenn sie beim Gedröhn der Frühlingswetter
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Wonnig rauschen und zusammenschauern?
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Geht und lauscht und lernet euch bedauern!
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Liebe singt der Vogel von den Zweigen,
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Und im frohen Jugendreigen
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Rauben liebestrunken Maienlüfte
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Aufgeblühten Blumen ihre Düfte;
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Aber keinen guten Namen.
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Medisiert nicht, junge Damen!
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Saß ich einst in einem Mädchenkreise,
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Da begann in ihrem Blütenkranze
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Erst geheim zu zischeln, klug und leise,
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Doch bald laut die Schlange: Medisance.
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Und sie rümpften ihre feine Nase,
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Ekel zuckte mancher Rosenmund,
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Weil ein Name, wacker und gesund,
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Von dem Biß der Schlange ward zum Aase. –
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Ist der Name krank, so laßt den kranken
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Ungeneckt an euch vorüberwanken;
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Wollt ihr lindern nicht die Namenswunde
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Mit des Frauenmitleids weichem Öle,
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Laßt ihn ziehn; doch nicht in eure Runde
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Reißt ihn als in eine Räuberhöhle! –
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Wandelt ihr im Herbste eurer Tage,
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Ist in jedem Mienenzug zu lesen
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Des Verwelkens untröstbare Klage,
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Daß ihr nimmer seid, was ihr gewesen;
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Dann, ihr Damen, lernt vom Herbst die Wehmut,
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Lernet die gedankenvolle Demut,
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Nehmet mit Bedacht
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Euer Grab in acht,
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Statt in andrer Fehler schnöd zu kramen;
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Medisiert nicht, alte Damen!
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Fliegt ein schuldlos Vöglein unbewußt
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Über Guas-Upas giftgen See,
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Stürzt es schnell, die liedervolle Brust
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Ist verstummt in bittrem Todesweh.
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In den Borden eurer Kessel, Kannen
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Flutet Guas-Upas: Tee, Kaffee,
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Und es zog kein Name heil von dannen,
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Dessen Flug verirrt an diesem See;
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Klang der arme Flattrer auch
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Erst im heimatlichen Strauch
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Wie das Lied des Vogels rein und gut,
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Stürzt er tot in eure braune Flut. –
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Aber, gilt es auch nicht gleich den Namen,
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Noch vor einem hütet euch, ihr Damen:
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Flieht auch vor dem spöttischen Belächeln,
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Diesem Schleicher, weichbesohlten Diebe,
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Diesem Vampir, der mit leisem Fächeln
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Lullt in Schlaf die Achtung und die Liebe;
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Wenn sie einnickt, aus den Adern ihr
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Saugt das Herzblut mit verstohlner Gier!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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