Die Bauern am Tissastrande

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Nikolaus Lenau: Die Bauern am Tissastrande (1843)

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Törichte Freunde des toten Alten,
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Fahrend in ausgeleierten Gleisen,
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Tanzend nach verklungenen Weisen,
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Möge dies Märlein euch unterhalten!

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Warme lebendige Lüfte wallen
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Über dem schönen Magyarenlande,
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In den Gebüschen die Nachtigallen
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Singen entzückt am Tissastrande.
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Fischlein, springend mit stillem Ergetzen,
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Holen vom Lenz sich flüchtigen Kuß,
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Fürchten sich nicht vor den silbernen Netzen,
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Welche der Mond warf über den Fluß.

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Brausend vor Freude, münden die Quellen,
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Und das lenzbezauberte Land,
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Weil es nicht blühn kann unter den Wellen,
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Blüht es hier doppelt als üppiger Strand,
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Weil es nicht singen kann unter den Wogen,
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Singt es dafür hier doppelt so laut,
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Liebestönen, schmachtend gezogen,
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Lauscht des Sprossers glückselige Braut.

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Rüstig rudern dort über die Wellen
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Lustige Bauern mit Scherzen und Lachen,
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Und die Zigeuner, ihre Gesellen,
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Stimmen die Geigen bereits im Nachen,
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Stoßen ans Land und eilen zur Schenke;
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Weil so laut das heischende Rufen,
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Springen die Wirte schon mit dem Getränke
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Über die finsteren Kellerstufen.

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Um den Eichtisch sitzen die Alten,
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Vor dem Tanze noch Schmaus zu halten.
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Zum Abschnitt gereicht, in der Runde
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Geht das köstliche Weizenbrot,
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Und sie führen behaglich zum Munde
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Feurigen Wein, tiefdunkelrot;
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Wischen sich trocken und schieben zur Seite,
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Daß er den Speisen den Weg nicht bestreite,
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Schnurrbarts buschigten halben Kranz;
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Braten und Schinken, warme und kühle,
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Wandern geschwind in die knöcherne Mühle,
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Dort die Jungen fliegen zum Tanz.

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Hei! wie die Geigen singen und klingen!
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Heil wie die Hämmer des Zimbals springen
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Über die Saiten frisch auf und nieder,
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Pochender Herzschlag heimischer Lieder.
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Himmel! wie jauchzen die Geigen so helle,
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Schmetternd schreit Klarinette, die grelle.

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Weinendes Klagen, Freudengekicher
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Schüttern im schroffen Wechsel die Luft,
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Setzen gewaltig, keck und sicher
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Über des Mißklangs drohende Kluft.
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Alle die Töne, sie klettern, sie tanzen,
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Wildverschlungen wie Urwaldpflanzen,
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Wildhinfahrend wie schwelgende Flammen,
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Aber der Brummbaß hält sie zusammen.

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Kräftige Bursche tanzen im Saale,
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Schwingen empor die hurtigen Weiber,
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Werfen empor die blühenden Leiber
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Hoch in die Luft, wie süße Pokale;
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Drehen sie schnell im wechselnden Kreise
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Nach der Musik beschleunigter Weise,
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Wie der wirbelnde Strom den Kahn,
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Wie ein Rosenblatt der Orkan.
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Zitternd dröhnt die gestampfte Diele
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Zu der Zigeuner mächtigem Spiele.

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Auch die Alten sind aufgesprungen,
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Als die beliebte ›Werbung‹ erklungen,
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Uralt immer willkommne Klänge,
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Nie vergeßne Ahnengesänge.
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Was längst Asche ruht in den Grüften,
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Tanzte und jauchzte bei diesen Tönen;
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Von den Toten klingt in den Lüften
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Freuden Vermächtnis den späten Söhnen.
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Wie gebannt von den Geistern der Alten,
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Wollen nichts Neues hören die Bauern;
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Und der Zigeuner muß ausdauern,
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Darf nicht wechseln noch innehalten.
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Also tanzen sie Stund auf Stunde
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Immer zur alten beliebten Weise,

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Bis die Zigeuner, müd zum Grunde,
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Heimlich sich winken und – spielen
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Doch die Berauschten merken es nimmer,
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Hören des Liedes Vollklang noch immer.
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Leiser und leiser, bis zur Ersterbung
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Hallt und verhallt die lustige Werbung;
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Baß und Flöte, Zimbal und Geigen
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Haben sich stille hinaus verloren,
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Doch der Musik und des Weines Toren,
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Hören sie immer noch, springen den Reigen;
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Springen ihn, bis der Sonnenschein
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Strahlend bricht durch die Fenster herein
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Und der Wirt rings »Guten Tag!«
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Wünscht mit kräftigem Schulterschlag. –
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Weithin das lachende Märlein fliegt
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Von den Toren, die immer noch sprangen,
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Während schon längst, erschöpft und versiegt
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Ihre Musik war heimgegangen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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