Beethovens Büste

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Nikolaus Lenau: Beethovens Büste (1840)

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Traurig kehrt ich eines Abends
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In mein einsam düstres Zimmer,
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Überraschend drin entgegen
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Blinkte mir ein Freudenschimmer.

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Mit dem sichern Blick der Liebe
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Hatt ein Freund den Spalt getroffen,
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Wo des Unmuts düstre Zelle
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Blieb dem Strahl der Freude offen.

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Ha! ich fand des Mannes Büste,
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Den ich höchst als Meister ehre
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Nebst dem schroffen Urgebirge
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Und dem grenzenlosen Meere.

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Ein Gewitter in den Alpen,
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Stürme auf dem Ozeane
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Und das große Herz Beethovens,
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Laut im heiligen Orkane,

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Sind die Wecker mir des Mutes,
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Der das Schicksal wagt zu fodern,
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Der den letzten Baum des Edens
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Lächelnd sieht zu Asche lodern.

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Kämpfen lern ich ohne Hassen,
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Glühend lieben und entsagen,
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Und des Todes Wonneschauer,
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Wenn Beethovens Lieder klagen;

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Wenn sie jubeln, Leben schmetternd,
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Daß die tiefsten Gräber klüften
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Und ein dionysisch Taumeln
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Rauschet über allen Grüften.

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Wenn sie zürnen, hör ich rasseln
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Menschenwillens heilge Speere,
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Und besiegt zum Abgrund, heulend,
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Flüchten die Dämonenheere. –

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Sanftes Wogen, holdes Rieseln;
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Sind des Weltmeers kühle Wellen
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Süß beseelt zu Liebesstimmen?
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Wie sie steigen, sinken, schwellen!

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Auf der glatten Muscheldiele
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Halten Nixen ihren Reigen,
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Keime künftger Nachtigallen
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Träumen auf Korallenzweigen.

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Horch! noch leiser! dem Naturgeist
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Abgelauschte Lieder sind es,
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Die er flüstert in das erste
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Träumen eines schönen Kindes;

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Die er spielt auf Mondstrahlsaiten,
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Ob dem Abgrund ausgespannten,
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Deren Rhythmen in der Erdnacht
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Starren zu Kristallenkanten;

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Und nach deren Zaubertakten
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Rose läßt die Knospe springen,
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Kranich aus des Herbstes Wehmut
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Lüftet seine Wanderschwingen. –

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Ach, Coriolan! vorüber
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Ist das Ringen, wilde Pochen,
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Plötzlich sinds die letzten Töne,
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Dumpf verhallend und gebrochen.

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Wie der Held im schönen Frevel
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Überstürmte alle Schranken,
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Dann – der tragisch Überwundne
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Stehn geblieben in Gedanken.

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Sinnend starrt er in den Boden,
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Sein Verhängnis will Genüge;
63
Fallen muß er, stummes Leiden
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Zuckt um seine edlen Züge. –

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Horch! im Zwiespalt dieser Töne
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Klingt der Zeiten Wetterscheide,
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Jetzo rauschen sie Versöhnung
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Nach der Menschheit Kampf und Leide.

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In der Symphonien Rauschen,
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Heiligen Gewittergüssen,
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Seh ich Zeus auf Wolken nahn und
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Christi blutge Stirne küssen;

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Hört das Herz die große Liebe
74
Alles in die Arme schließen,
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Mit der alten Welt die neue
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In die ewige zerfließen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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