1.

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Nikolaus Lenau: 1. (1838)

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Anna steht in sich versunken,
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Blicket in den See hinein,
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Weidet, eigner Schönheit trunken,
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Sich an ihrem Widerschein.

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Sie beginnt hinab zu reden:
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Wunderholde Jungfrau, sprich,
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Schönstes Bild im Lande Schweden,
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Bin ich du? und bist du ich?

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Nein, o nein, ich glaub es nimmer,
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Wenn es auch die Welt mir schwört,
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Daß so heller Rosenschimmer
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Meinen Wangen angehört.

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Dieser Mund, ist er der meine,
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Den dies süße Lächeln bricht?
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Seh ich doch, wie auch der deine
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Fragend mir entgegenspricht.

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Liebes Wasser, sag, erzähle,
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Hast mein Auge du gemalt?
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Oder ist des Himmels Seele,
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Was dein Spiegel widerstrahlt?

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Anna neigt vom grünen Strande
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Sich in ihres Bildes Näh,
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Streift vom Busen die Gewande,
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Läßt ihn leuchten in den See.

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Nach dem Bilde niederhangend,
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Starrt sie zweifelnd und beglückt,
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Und das Bild, ihr nachverlangend,
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Starrt bewundernd und entzückt.

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Fragt das Bild, im Wasser schwebend:
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Anna, hab ich dich erreicht?
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Fragt das Mädchen, freudig bebend:
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Bin ich schöner noch vielleicht?

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In den seligen Gebärden,
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Die das Bild ihr abgelauscht,
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Sieht sich Anna schöner werden,
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Und die Jungfrau steht berauscht.

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»wenn so schön ich immer bliebe!
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Muß dies Bild denn auch vergehn?«
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Ruft sie, eitler Eigenliebe,
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Horch! die Winde sausend wehn!

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Rauschend wird ihr Bild zertrümmert
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Im empörten Wellenschaum;
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Und das Mädchen sieht bekümmert
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Sich darin vergehn wie Traum.

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Und im Walde knarrt es knickend,
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Und am Ufer schwankt das Rohr,
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Aus den Weiden, freundlich nickend,
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Huscht ein altes Weib hervor.

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Alte spricht, und weint verstohlen:
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»wie dein Bild im Wind zerfuhr,
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Würden deine Kinder holen
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Deiner Schönheit letzte Spur.

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Denn die Schönheit ihrer Mutter
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Ist der Kinder liebster Fraß,
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Ist der Kinder feinstes Futter;
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Schöne Jungfrau, merk dir das!

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Wag es nur und kehre wieder
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Nach dem ersten Wochenweh,
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Komm und spiegle deine Glieder
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Dann im peinlich klaren See.

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Komm und schau dann mit Entsetzen
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Deine Brüste, junges Blut,
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Gleich gezognen Fischernetzen
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Zitternd schwimmen in der Flut.

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O dann frage deinen Schatten:
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Wangen, seid ihr mein, so bleich?
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Augen mein, ihr hohlen, matten?
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Weinen wirst du in den Teich.

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Kommt ein Mann, um dich zu freien,
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Eile du zu mir geschwind:
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Und ich will den Leib dir feien,
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Daß du nie empfängst ein Kind.«

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Anna spricht mit dunklen Schauern:
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»wenn du mir zu helfen meinst,
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Daß die Schönheit mir mag dauern,
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Mütterlein, so komm ich einst.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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