An eine Freundin

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Nikolaus Lenau: An eine Freundin (1837)

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Dichterherzen können segnen,
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Wen sie lieben; fremd und rauh
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Meinem Herzen zu begegnen,
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Hüte dich, du schöne Frau.

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Eine Sage läßt dich grüßen,
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So ich im Gebirg vernahm,
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Als ich einst vor Wettergüssen
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Flüchtend in ein Hüttlein kam:

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In den tiefsten Einsamkeiten,
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Zwischen Felsen, ruht ein See;
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Dem entstieg ein Geist vor Zeiten,
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Kam den Menschen in die Näh.

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Kam ins Dorf, erschien beim Feste,
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Brachte Segen in das Haus,
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Und es blickten Wirt und Gäste
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Oft gar sehnlich nach ihm aus.

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Plötzlich stand er unter ihnen,
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Trug ein dunkles Mönchs gewand,
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Und der Mann mit ernsten Mienen
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Freud an ihrer Freude fand.

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Gerne weilt' er eine Stunde,
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Nickte und verlor sich sacht
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In den See, zum stillen Grunde
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Taucht' er heim um Mitternacht.

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Glücklich ward die Braut gepriesen,
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Wenn er kam und ihr zum Tanz
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Brachte von verborgnen Wiesen
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Fremder Blumen einen Kranz.

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Wohlgeruch durchquoll das Zimmer,
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Schöner blühte dann die Braut,
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Ward im gleichen Jugendschimmer
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Viele Jahre noch geschaut.

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Mutter ward sie guter Kinder,
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Haus und Feld gedieh; bis spät
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Sie der Tod, ein leiser, linder,
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Überraschte beim Gebet.

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Einst mit rauher Ungebühre
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Sprach ihm eines was zuleid;
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Traurig schwieg er, und zur Türe
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Schwand der Saum von seinem Kleid.

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Und sie sahn vom Ufer nieder,
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Riefen, klagten je und je;
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Doch es kam der Geist nie wieder,
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Blieb in seinem tiefen See.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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