Das Lied vom armen Finken

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Nikolaus Lenau: Das Lied vom armen Finken (1835)

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Der Finkler ist ein Schlauer;
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Wann dürr die Blätter sinken,
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Dann sperrt er in den Bauer
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Den eingefangnen Finken.

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Er macht den Finken kirre,
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Daß er zu finden lerne
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Das Wasser im Geschirre
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Und seines Futters Kerne.

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Und weiß das arme Finklein
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In seinen Sprossenwänden
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Bescheid in jedem Winklein,
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So geht es an ein Blenden.

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Der Vögelpotentate
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Brennt nun dem armen Tropfe
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Mit glutgehitztem Drahte
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Die Äuglein aus dem Kopfe.

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Und fragst du nach dem Witze
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Von solchem schnöden Werke?
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Ei, daß im Kerkersitze
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Der Fink den Lenz nicht merke.

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Der Vogler kann nicht brauchen
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Des Finken Schlag im Märzen.
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Daß Lust und Lied ihm tauchen
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Aus lenzgewecktem Herzen.

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Da sitzt er nun gefangen
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Im traurigen Verstecke,
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Gar fleißig überhangen,
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Daß ihn kein Lüftlein wecke.

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Und sollte seine Seele,
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Die doch den Frühling spüret,
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Sich wagen auf die Kehle,
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Wenn sich der Sänger rühret:

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Vertreibt ihm bald sein Dränger
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Die frohen Lenzgedanken,
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Er spritzt dem kecken Sänger
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Kalt Wasser in die Flanken.

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Und läßt sich nicht bezwingen
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Der Fink mit kalten Bädern,
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Will selbst der Nasse singen,
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So rupft man ein paar Federn.

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Er soll sein lautes Schlagen
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Und seinen Frühlingsglauben
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Bis in den Herbst vertagen,
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Wo sich die Hain' entlauben.

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Dann wird er singen dürfen
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Und seine Flügel dehnen,
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Die Waldeslüfte schlürfen
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Und sich im Frühling wähnen.

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Dann auf dem Vogelherde
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Beginnt der Narr zu preisen
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Die freudenwelke Erde
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In frohen Frühlingsweisen.

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Dann hören sein Frohlocken
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Und seine Frühlingslüge,
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Verwirrt und süß erschrocken,
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Der Vögel Wanderzüge.

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Und voller Lenzverlangen,
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Dem Finkler zum Ergetzen,
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Fallen sie ein und fangen
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Sich auch in seinen Netzen. –

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Nun ist es Lenz, nun sitzet
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Der Fink in seiner Steige,
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Der Vogler rupft und spritzet,
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Daß er den Lenz verschweige.

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Ich aber vorempfinde,
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Was droht aus Ost und Norden,
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Das Heer der kalten Winde,
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Die unsre Wälder morden.

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In den zerstörten Hagen
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Hör ich am Vogelherde
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Auch schon den Finken schlagen:
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›wie schön ist Gottes Erdel‹

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Doch wirds dann wieder heller
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Nach trüben Winternissen,
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Wenn einst dem Vogelsteller
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Sein altes Garn zerrissen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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