Täuschung

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Nikolaus Lenau: Täuschung (1836)

1
Das Käuzlein traurig ruft in öder Felsenritze
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Und grüßt mit seinem Lied des Himmels wilde Blitze.

3
Als wie ein schwarzer Aar, des Flügel Feuer fingen,
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So schlägt die schwarze Nacht die feuervollen Schwingen.

5
Es glänzt die Regenflut, der finstern Nacht entsunken,
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Manchmal im Wetterschein wie diamantne Funken.

7
So kann in banger Nacht ein Strom von heißen Zähren
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Im hellen Wetterschein des Unglücks sich verklären.

9
Verfangen in der Schlucht, die lauten Winde rasen,
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Die zu der Wolkenschlacht die Riesentuba blasen.

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Mit Stimmen mannigfalt hör ich den Gießbach klingen,
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Wie Donner, Kauz und Wind scheint er zugleich zu singen. –

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Doch nein! mich täuscht mein Sinn, als ob zum Wettergrimme
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Mit kläglichem Geschrei das Felsenkäuzlein stimme;

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Daß Wolkenschlachtmusik die lauten Winde keuchten,
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Und daß der Blitz geflammt, den Regen zu beleuchten;

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Und daß der Felsenbach den Wetterstimmen allen
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Antworten will zugleich in dumpfen Widerhallen.

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Einsame Klagen sinds, weiß keine von der andern,
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Wenn sie zusammen auch im wilden Chore wandern.

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Drum ist die Erde ja ums Paradies betrogen,
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Daß ihre Luft ertönt von dunklen Monologen.

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Wenn alle Klagen einst in diesen Erdengründen,
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Was jede heimlich meint, einander sich verstünden:

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Dann wäre ja zurück das Paradies gewonnen,
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In einen Freudenschrei das Klaggewirr zerronnen. –

27
Trotz allem Freundeswort, und Mitgefühlsgebärden,
28
Bleibt jeder tiefe Schmerz ein Eremit auf Erden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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