Am Rhein

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Nikolaus Lenau: Am Rhein (1837)

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Wir reisten zusammen mit andern
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Zu Schiff hinunter den Rhein,
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Es war ein seliges Wandern;
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Doch waren wir selten allein.

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Sie traten heran, zu lauschen,
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Du ließest nur hier und dort
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Mir fallen unter das Rauschen
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Des Stroms ein heimliches Wort.

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Ich sprach: Bald trennt uns die Reise!
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Ob hier wir uns wiedersehn?
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»dort vielleicht einst!« sagtest du leise,
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Ich konnte dich kaum verstehn.

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Wir flogen vorüber am Strande,
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Der Dampf durchbrauste den Schlot,
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Wie ein zorniger Neger die Bande
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Wildschnaubend zu sprengen droht.

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Und sie begannen zu preisen,
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Wie schnell man sich heute bewegt,
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Und wie das rührige Eisen
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Man über die Straßen legt;

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Als wollten zu Grabe sie tragen
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Des Elends türmenden Wust
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Und wieder das Eden erjagen,
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Den uralt bittern Verlust.

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Es hat doch den rechten Fergen
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Das Schifflein lange noch nicht,
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Solange noch Liebe verbergen
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Sich muß wie ein Sündergesicht,

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Noch lange nicht hat, ihr Gesellen,
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Das Eisen den rechten Guß,
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Wenn sich die Liebe bestellen
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Noch hinter die Gräber muß!

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So dacht ich und blickte verdrossen
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Hinab in die rollende Flut;
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Dich umringten deine Genossen
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Und scherzten; die hatten es gut.

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Die Nacht war dunkelnd gekommen,
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Da stiegen am Strande wir aus,
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Ich folgte dir stumm und beklommen
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Von ferne bis an dem Haus.

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Und als du, noch einmal nickend,
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Verschwunden im schließenden Tor,
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Stand ich eine Weile noch, blickend
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Nach deinem Fenster empor.

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Ich schied von deinem Quartiere
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Und ging hinüber in meins,
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Das lag im fernen Reviere
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Am andern Ufer des Rheins.

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Ich betrat mein trauriges Zimmer
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Und starrte unverwandt
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Hinüber zum Kerzenschimmer,
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Den mir dein Fenster gesandt.

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Die Lichter drüben am Strande
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Erloschen nach und nach,
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Doch wie zu traulichem Pfände
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Blieb deines immer noch wach.

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Wie ich im einsamen Leide
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Hinstarrte über die Flut:
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Als wären gestorben wir beide,
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Ward mir mit einmal zumut;

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Als trennten uns weite Welten,
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Ward mir mit einem Mal,
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Den Erdengram zu vergelten
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Mit ewiger Sehnsucht Qual;

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Als blinkte dein Lichtlein so ferne
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In meine Finsternis
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Von einem entlegenen Sterne,
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Der dich mir auf immer entriß.

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Mir spielten, wie Tränendiebe,
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Nachtwinde ums Augenlid,
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Wie der Geist unglücklicher Liebe,
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Der über die Erde zieht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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