Ein Herbstabend

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Nikolaus Lenau: Ein Herbstabend (1838)

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Es weht der Wind so kühl, entlaubend rings die Äste,
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Er ruft zum Wald hinein: Gut Nacht, ihr Erdengäste!

3
Am Hügel strahlt der Mond, die grauen Wolken jagen
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Schnell übers Tal hinaus, wo alle Wälder klagen.

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Das Bächlein schleicht hinab, von abgestorbnen Hainen
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Trägt es die Blätter fort mit halbersticktem Weinen.

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Nie hört ich einen Quell so leise traurig klingend,
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Die Weid am Ufer steht, die weichen Äste ringend.

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Und eines toten Freunds gedenkend lausch ich nieder
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Zum Quell, der murmelt stets: wir sehen uns nicht wieder!

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Horch! plötzlich in der Luft ein schnatterndes Geplauder:
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Wildgänse auf der Flucht vor winterlichem Schauder.

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Sie jagen hinter sich den Herbst mit raschen Flügeln,
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Sie lassen scheu zurück das Sterben auf den Hügeln.

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Wo sind sie? ha! wie schnell sie dort vorüberstreichen
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Am hellen Mond und jetzt unsichtbar schon entweichen;

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Ihr ahnungsvoller Laut läßt sich noch immer hören,
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Dem Wandrer in der Brust die Wehmut aufzustören.

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Südwärts die Vögel ziehn mit eiligem Geschwätze;
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Doch auch den Süden deckt der Tod mit seinem Netze.

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Natur das Ewge schaut in unruhvollen Träumen,
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Fährt auf und will entfliehn den todverfallnen Räumen.

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Der abgerißne Ruf, womit Zugvögel schweben,
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Ist Aufschrei wirren Traums von einem ewgen Leben.

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Ich höre sie nicht mehr, schon sind sie weit von hinnen;
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Die Zweifel in der Brust den Nachtgesang beginnen:

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Ists Erdenleben Schein? – ist es die umgekehrte
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Fata Morgana nur, des Ewgen Spiegelfährte?

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Warum denn aber wird dem Erdenleben bange,
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Wenn es ein Schein nur ist, vor seinem Untergange?

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Ist solche Bängnis nur von dem, was wird bestehen,
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Ein Widerglanz, daß auch sein Bild nicht will vergehen?

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Dies Bangen auch nur Schein? – so schwärmen die Gedanken,
34
Wie dort durchs öde Tal die Herbstesnebel schwanken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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