Das Blockhaus

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Nikolaus Lenau: Das Blockhaus (1835)

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Müdgeritten auf langer Tagesreise
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Durch die hohen Wälder der Republik,
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Führte zu einem Gastwirt mein Geschick;
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Der empfing mich kalt, auf freundliche Weise,
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Sprach gelassen, mit ungekrümmtem Rücken:
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»guten Abend!« und bot mir seine Hand,
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Gleichsam guten Empfangs ein leblos Pfand,
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Denn er rührte sie nicht, die meine zu drücken.
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Lesen konnt ich in seinen festen Zügen
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Seinen lang und treu bewahrten Entschluß:
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Auch mit keinem Fingerdrucke zu lügen;
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Sicher und wohl ward mir bei seinem Gruß.
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Wenig eilte der Mann, mich zu bedienen,
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Doch nicht fand ich die Kost so dürr und mager
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Wie sein Wort, ich sollte bei ihm ein Lager
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Finden weicher und wärmer als seine Mienen.
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Winter wars, ich starrte vom Urwaldfroste;
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Als ich eintrat in die geheizte Stube,
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Sprang mit Fragen heran des Farmers Bube,
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Was von meinem Gepäck dies, jenes koste?
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Emsig am Tisch sah ich die Weiber schalten;
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Und es wurde die Mahlzeit rasch gehalten.
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Später schwatzten die männlichen Hausgenossen
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Am Kamin, die scharfe Zigarr im Munde,
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Von Geschäft und Betrieb, bis eine Stunde
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Mir in traulicher Langweil hingeflossen.
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Hörbar vor allen sprach des Hauses Vater,
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Als ein vielerfahrner Lenker und Rater,
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Wechselnd raucht' er und sprach, und aller Augen
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Hingen an seinen Lippen, der Alte schien
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Aus dem Zigarrenstumpf Erfindung zu saugen;
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Schweigend ließ ich die Reden vorüberziehn.
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Endlich gewann der Schlaf den stillen Sieg,
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Und sie gingen zu Bett; ich blieb allein,
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Trank noch eine Flasche vom lieben Rhein,
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Als das englische Talergelispel schwieg.
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Und zur weit gewanderten deutschen Flasche
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Holt ich den Uhland aus meiner Satteltasche.
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Ferne der Heimat, tiefst im fremden Wald,
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Las ich mir laut den herrlichen ›Held Harald‹.
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Eichenstämme warf ich ins lustige Feuer,
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Mir die Stube zu hellen und zu wärmen,
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Denn die Elfen Haralds sind nicht geheuer,
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Lockend hörte ich sie schon im Walde schwärmen.
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Aber mit einmal war die Freude geschwunden,
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Und mir wollte der Rheinwein nicht mehr munden.
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›uhland! wie stehts mit der Freiheit daheim?‹ die Frage
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Sandt ich über Wälder und Meer ihm zu.
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Plötzlich erwachte der Sturm aus stiller Ruh,
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Und im Walde hört ich die Antwortklage:
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Krachend stürzten draußen die nacktgeschälten
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Eichen nieder zu Boden, die frühentseelten,
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Und im Sturme, immer lauter und bänger,
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Hört ich grollen der Freiheit herrlichen Sänger:
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»wie sich der Sturm bricht heulend am festen Gebäude,
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Bricht sich Völkerschmerz an Despotenfreude,
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Sucht umsonst zu rütteln die festverstockte,
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Die aus Freiheitsbäumen zusammengeblockte!«
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Traurig war mir da und finster zumut,
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Scheiter und Scheiter warf ich in die Glut;
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Mir erschien die bewegte Menscbengeschichte
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In des Kummers zweifelflackerndem Lichte.
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»diese Stämme verbrennen hier am Herde,
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Auf ein kurzes Stündlein mich warm zu halten,
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Der ich bald doch werde müssen erkalten,
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Der ich selber zu Asche sinken werde.
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Gibt es vielleicht gar keine Einsamkeit?
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Bin ich selber nur ein verbrennend Scheit?
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Und wie ich mich wärme am Eichenstamme,
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Wärmt sich vielleicht ein unsichtbarer Gast
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Heimlich an meiner zehrenden Lebensflamme,
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Schürend und fachend meine Gedankenhast?«
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Also führt ich mit mir ein wirres Plaudern;
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(hoffnungsloser Kummer ist ein Phantast,)
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Und ich blickte mich um – und mußte schaudern.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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