Die nächtliche Fahrt

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Nikolaus Lenau: Die nächtliche Fahrt (1837)

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Zu öd und traurig selbst den Heidewinden
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Sind diese winterlichen Einsamkeiten,
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Nur Schnee und Schnee ringsaus in alle Weiten,
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Nur stiller, keuscher, kalter Tod zu finden.

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Hier ists umsonst, nach frohem Ton zu lauschen,
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Singvögel sind geflohn von diesem Grabe,
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Der Schnabel in die Federn hüllt der Rabe,
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Und eingefroren ist der Bäche Rauschen.

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Sieht man den Wald so tief in Tod versunken,
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Will mans nicht glauben, daß er jemals wieder
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Aufgrünt im Lenz, daß je hier seine Lieder
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Ein Vogel singt, vom Frühlingshauche trunken.

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Es glänzt der Eichenwald in Eisesklammern;
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Jetzt Wölfe heulen am verschneiten Grunde,
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Wie Bettler, hungerwach, in nächtger Stunde
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Am Grabe eines milden Königs jammern.

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Dort fährt ein Schlitten auf der blanken Wüste,
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Der Kutscher treibt die ausgestreckten Pferde,
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Als ob mit seinem Fuhrwerk er die Erde
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Vor Sonnenaufgang noch umrennen müßte.

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Drei Hengste sinds, rasch wie des Nordens Lüfte,
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Ein jeder trägt das werte Probezeichen
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Der Schnelligkeit im rüstigen Entweichen,
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Die Narbe des Wolfsbisses an der Hüfte.

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Ein Glöcklein trägt das Mittelroß der Gabel,
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Zum Glöcklein tanzend fliehn vorbei die Bäume
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Am Schlitten, trüb, wie schnellvergeßne Träume,
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Der Wald entflieht wie eine bleiche Fabel.

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Die schnellen Renner sind mit Eis behangen,
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Das klirrend an den schwarzen Mähnen zittert,
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Der Rosse Rücken ist mit Reif umgittert:
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Der Tod will sie mit kaltem Netze fangen.

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Gekauert sitzt, gehüllt vom Bärenkragen,
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Der Wojewod im Schlittenkorbgeflechte
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Still hinter seinem pelzverhüllten Knechte,
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Der manchmal pfeift, die Pferde anzujagen.

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Dem Schlitten folgt in klarer Mondeshelle
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Ein zweiter nach, mit gleichgeschwinden Rennern,
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Befrachtet auch mit zwei verhüllten Männern,
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Und auf der Heide klingelt seine Schelle.

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Die Nacht ist grimmig kalt; o Wandrer meide
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Den Schlaf; hörst du das Glöcklein nicht mehr schlagen,
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So wirds vom Rosse dir vorangetragen,
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Dein wandernd Sterbeglöcklein auf der Heide.

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Der Bäume Leben floh zum Grund hinunter;
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Gib, Wandrer, acht, daß nicht auch deine Seele
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Zu ihrem Grunde sich hinunterstehle,
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Wenn du einnickest; Wandrer, halt dich munter!

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Bist du ein Jäger, denke an ein Wildern;
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Hast du ein Lieb, denk an ihr süßes Lager;
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Wenn Haß dich wurmt, der scharfe Herzensnager,
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So halt dich wach und warm mit Rachebildern! –

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Ha! Wölfe! seht, ein ganzes Rudel Tode!
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Sie folgen, eine nachgeschleifte Kette,
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Die Todesangst, der Hunger rennen Wette,
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Und ohne Furcht bleibt nur der Wojewode.

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Es kracht der Schnee, schnell sind die grauen Horden,
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Doch schneller sind, gottlob! die braven Hengste,
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Die Rappen sind im Drang der Todesängste
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Plötzlich wie junge Raben flügg geworden.

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So fliehn sie weite Strecken, angstgetrieben;
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Die Männer schießen schreckend die Gewehre
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Vom Schlittenborde nach dem grausen Heere,
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Bis nach und nach es ist zurückgeblieben.

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Nun halten sie; die Pferde dampfend schwitzen
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Und schnauben aus den Nüstern sich das Bangen;
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Drei treten in die Schenke und verlangen
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'nen Becher Wein, doch bleibt der Woiwod sitzen.

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Da springt der Wirt, ein Jude, an den Schlitten
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Und macht dem Gaste tiefe Reverenzen:
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»darf ich, Herr Wojewod, Euch nicht kredenzen
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Wein, Brot und einen feinen Bratenschnitten?«

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Und mit Gelächter ruft der Kutscher drinnen:
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»dem schmeckt kein Braten und kein Gläschen Roter,
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Der ißt nicht, trinkt nicht, friert nicht, ist ein Toter,
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An dem, Hebräer, wirst du nichts gewinnen!

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Im Zweikampf ist der gute Herr geblieben,
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Sein Erzfeind, Russe, hat ihn totgeschossen;
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Ich fahre meinen schweigenden Genossen
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Heim in die Gruft vorausgegangner Lieben.

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Bald aber hätt ich ihm die Treu zerrissen,
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Denn wären uns die Wölfe näher kommen,
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So hätt ich ihn nicht weiter mitgenommen,
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Ich hätt ihn, uns zu retten, hingeschmissen.

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Ich meine immer noch sein Blut zu schauen,
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Wies rauchend in den weißen Schnee gequollen,
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Wie sichs nicht bergen konnte in den Schollen;
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Das Bluteis darf im Frühling erst zertauen!«

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Sie fahren weiter mit verhängtem Zügel
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Fort über Brücken, Zäune, Teich' und Bäche,
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Denn alles hat der Schnee gefüllt zur Fläche
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Und gleichgefegt der Wind mit seinem Flügel.

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Nur manchmal blickt der Kutscher nach dem Toten;
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Noch sitzt er da, das Haupt vorunterneigend,
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Wie er gesessen, unbekümmert, schweigend,
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Als hinterher die grimmen Wölfe drohten.

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Das Mordblei, das den Wojewoden fällte
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Und stecken blieb in seinem Eingeweide;
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Der Schnee, der rings bedeckt Podoliens Heide;
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Sein Herz – sind alle drei von gleicher Kälte.

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Der Wind erwacht und rasselt an der Föhre,
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Das Glöcklein schallt, es dunkelt vor den Rossen,
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Am Himmel zieht der bleiche Mond verdrossen
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Den Wolkenmantel zu, als ob er fröre. –

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Das mahnt uns an die Träume eines Zaren,
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Der gerne möcht in winternächtgen Stunden,
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Das Ruhmesglöcklein an sein Roß gebunden,
108
Das

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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