Der traurige Mönch

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Nikolaus Lenau: Der traurige Mönch (1836)

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In Schweden steht ein grauer Turm,
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Herbergend Eulen, Aare;
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Gespielt mit Regen, Blitz und Sturm
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Hat er neunhundert Jahre;
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Was je von Menschen hauste drin,
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Mit Lust und Leid, ist längst dahin.

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Der Regen strömt, ein Reiter naht,
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Er spornt dem Roß die Flanken;
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Verloren hat er seinen Pfad
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In Dämmrung und Gedanken;
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Es windet heulend sich im Wind
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Der Wald, wie ein gepeitschtes Kind.

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Verrufen ist der Turm im Land,
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Daß nachts, bei hellem Lichte,
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Ein Geist dort spukt in Mönchsgewand,
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Mit traurigem Gesichte;
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Und wer dem Mönch ins Aug gesehn,
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Wird traurig und will sterben gehn.

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Doch ohne Schreck und Grauen tritt
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Ins Turmgewölb der Reiter,
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Er führt herein den Rappen mit
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Und scherzt zum Rößlein heiter:
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»gelt du, wir nehmens lieber auf
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Mit Geistern als mit Wind und Trauf?«

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Den Sattel und den nassen Zaum
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Entschnallt er seinem Pferde,
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Er breitet sich im öden Raum
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Den Mantel auf die Erde
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Und segnet noch den Aschenrest
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Der Hände, die gebaut so fest.

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Und wie er schläft und wie er träumt
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Zur mitternächtgen Stunde,
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Weckt ihn sein Pferd, es schnaubt und bäumt,
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Hell ist die Turmesrunde,
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Die Wand wie angezündet glimmt;
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Der Mann sein Herz zusammennimmt.

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Weit auf das Roß die Nüstern reißt,
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Es bleckt vor Angst die Zähne,
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Der Rappe zitternd sieht den Geist
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Und sträubt empor die Mähne;
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Nun schaut den Geist der Reiter auch
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Und kreuzet sich nach altem Brauch.

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Der Mönch hat sich vor ihn gestellt,
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So klagend still, so schaurig,
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Als weine stumm aus ihm die Welt,
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So traurig, o wie traurig!
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Der Wandrer schaut ihn unverwandt
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Und wird von Mitleid übermannt.

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Der große und geheime Schmerz,
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Der die Natur durchzittert,
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Den ahnen mag ein blutend Herz,
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Den die Verzweiflung wittert,
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Doch nicht erreicht –
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Im Aug des Mönchs, der Reiter weint.

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Er ruft: »O sage, was dich kränkt?
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Was dich so tief beweget?«
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Doch wie der Mönch das Antlitz senkt,
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Die bleichen Lippen reget,
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Das Ungeheure sagen will:
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Ruft er entsetzt: »Sei still! sei still!« –

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Der Mönch verschwand, der Morgen graut,
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Der Wandrer zieht von hinnen;
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Und fürder spricht er keinen Laut,
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Den Tod nur muß er sinnen;
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Der Rappe rührt kein Futter an,
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Um Roß und Reiter ists getan.

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Und als die Sonn am Abend sinkt:
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Die Herzen bänger schlagen,
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Der Mönch aus jedem Strauche winkt,
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Und alle Blätter klagen,
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Die ganze Luft ist wund und weh –
72
Der Rappe schlendert in den See.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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