Der gute Gesell

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Nikolaus Lenau: Der gute Gesell (1838)

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Des Menschengeschlechts uralter Gefährte,
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Der nie von seiner Seite gewichen
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Seit dem Verluste des Paradieses,
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Wo er mitleidig sich angeschlossen;
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Der nie wird weichen von seiner Seite,
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Solang auf Erden ein Mensch noch atmet;
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Der unbekannte, der namenlose
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Wohltäter der armen sterblichen Menschen,
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Er sei gepriesen von meinem Liede,
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Der alte treue
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Als der Mensch gebrochen mit seinem Gotte,
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Und als der elektrische Schlag der Sünde
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Durch die ganze lange Kette der Herzen
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Vom ersten Ahne zum fernsten Enkel
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Erschütternd schlug das Geschick des Todes
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Und die weithin tönende Klage;
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Als die ersten Tränen auf Erden flossen,
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Der Morgentau des schmerzlichen Tages;
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Als hinter dem ersten Menschenpaare
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Sich donnernd geschlossen des Edens Pforte:
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Da folgte den weinenden Fortgewiesnen
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Der gute Gesell, nachtragend heimlich
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Auf dorniger Bahn ein Freudenbündel,
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Das er noch eilig zusammengerafft
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Im Eden, für ihre traurige Flucht. –

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Kein strenger Richter, kein scharfer Denker,
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Kein Weiser ist der gute Gesell;
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Doch ist er ein Cicerone der Schöpfung,
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Ein wortgewandter mit warmem Herzen.
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Er führt uns an die Werke des Meisters,
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Und weiß er nicht viel vom tiefen Geheimnis,
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Vom Sinn und Geiste des ewigen Meisters,
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So weiß er von den herrlichen Bildern
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Doch süß zu schwatzen, mit funkelndem Auge,
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Daß friedlich und wohl uns wird im Herzen.

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Kein Weiser ist der gute Gesell,
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Doch ein zauberkundiger Menschenfreund.
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Die Armut schmerzt und der bittre Mangel:
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Inmitten der irdischen Güter stehn,
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Wie sie blühn und vergehn, und selbst vergehn
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Und sie nie gekannt und genossen haben:
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Das schmerzt am Ende, wenn noch so leise. –
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Da kommt der gute Gesell in die Hütte,
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Wo der arme Mann mit Weib und Kindern
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Beim Abendmahl sichs behagen läßt,
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Den Kienspan zündend und seinem Häuflein
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Die Lust am kärglichen Mahl beleuchtend.
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Der Zauberer kommt und schüttet heimlich
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In die Schüssel allen Wohlschmack der Erde;
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Und der arme Mann ist froh und betrachtet
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Sein Weib, einst schön gepriesen und reizend,
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Nun welk von Sorgen und Mutterliebe;
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Doch sieht er es nicht, die blassen Wangen
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Hat ihr geschmückt der gute Gesell
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Mit unverwelklicher Herzensjugend. –
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Der einsame Wandrer im fremden Gebirg,
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Der ohne Heimat und Reisepfennig
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Entgegenzweifelt der Nachtherberge:
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Mit einmal fühlt er den Mut gehoben
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Und schreitet rüstig durchs dämmernde Tal,
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Und fester greift er den Wanderstab,
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Denn der unsichtbare gute Gesell
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Geht mit und lüpft ihm die schwere Bürde
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Und raunt ihm ein lustiges Hoffnungsliedlein;
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Er hat die Vögelein aufgestiftet
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Und das hüpfende Bächlein angemuntert,
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Ihm auch zu singen ein Hoffnungsliedlein.
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Und findet das Lied auch nie Erfüllung,
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So hats doch wohlgetan zur Stunde;
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Der gute Gesell nimmts nicht so genau. –
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Dort liegt an Ketten im finstern Kerker,
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Den Tod erwartend, ein Verbrecher;
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Jetzt naht dem Unglückseligen leise
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Der gute Gesell und schenkt erbarmend
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Ihm einen festen, gesunden Schlaf;
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Noch steckt er ihm zu den guten Bissen,
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Nachsichtig heimlich, hinter dem Rücken
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Des bösen Gewissens, der Todesfurcht. –

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Er weiß die trüben Erinnerungen,
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Die bangen Zweifel, verlorne Sehnsucht
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Allmählich der Seele zu entwenden,
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Wie die Mutter dem Kind ein schneidend Gerät,
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Womit es spielen möchte, verriegelt.
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Undankbar hab ich ihn fortgewiesen,
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Wenn er mich heilsam bestehlen wollte,
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Wenn er mich freundlich wollte beschenken.
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Dann ward er schüchtern und scheu zuletzt,
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Und immer seltner kam er und seltner.
89
Verscheuchter Gefährte meiner Jugend,
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O komm zurück und verzeih den Undank,
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Du lieber, milder, guter Gesell! –

92
Wer ist er denn, der gute Gesell?
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Woher des Weges? wie heißt sein Name?
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Wir spüren ihn alle, doch nennt ihn keiner.
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Es ist die Hoffnung vielleicht sein Kind,
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Es ist der Glaube vielleicht sein Bruder
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Und seine Mutter gewiß die Liebe.
98
Er ist ein heimlicher, namenloser
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Wohltäter der armen sterblichen Menschen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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