Der ewige Jude

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Nikolaus Lenau: Der ewige Jude (1836)

1
Ich irrt allein in einem öden Tale,
2
Von Klippenkalk umstarrt, von dunklen Föhren;
3
Es war kein Laut im Hochgebirg zu hören,
4
Stumm rang die Nacht mit letztem Sonnenstrahle.

5
Für ernste Wandrer ließ die Urwelt liegen
6
In diesem Tal versteinert ihre Träume;
7
Dort sah ich einen Geier durch die Bäume
8
Wie einen stillen Todsgedanken fliegen.

9
Nun kam ein Regen; daß der Himmel weine,
10
Erkennt das Herz an kahlen Felsenriffen,
11
Wo es vom Regen traurig wird ergriffen,
12
Daß er nicht wecken kann die toten Steine.

13
So ruft umsonst ein Strom von heißen Tränen
14
Den Trümmern ausgetobter Leidenschaften:
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Wach auf, blüh auf aus deinen Todeshaften,
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O Liebe! süßes Quälen! Hoffen! Sehnen!

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Das Erz nur kann ich aus den Schlacken zwingen,
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Mit Lebensgluten es dem Tod entlocken
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Und gießen zu lebendgen Liedesglocken,
20
Die, Wehmut weckend, durch die Welt erklingen.

21
»dahin, dahin des Lebens helle Stunden!
22
Mir nachtets, Tal, wie dir! ich wollt, ich wäre
23
Versunken, ein mein Licht versank, im Meere!«
24
Ich riefs und ließ aufbluten meine Wunden.

25
Und heftger regnets; von erwachten Winden
26
Ward Wolk an Wolke brausend zugetragen;
27
Wie zu des Herzens jüngsten Tränen, Klagen
28
Sich alter Schmerzen ferne Quellen finden. –

29
Stets dunkler wards im Tale, lauter immer,
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Sturzbäche durch die Felsengassen sprangen,
31
Es wimmerten die Winde, schluchtverfangen,
32
Und Donner schlug; – den Geier sah ich nimmer.

33
Wo war der Geier? wo der Todsgedanke?
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Der Geier muß in einer Ritze ducken,
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Solang die Klagen das Gebirg durchzucken;
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Sein Leben fühlt und liebt im Schmerz der Kranke.

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Nur Einem ist, ob schweigend oder stürmend,
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Die Welt stets einerlei und stets zuwider,
39
Denn rastlos muß er wandern auf und nieder,
40
Jahrtausendhoch die Todeswünsche türmend. – –

41
Schon sucht ich in den Bergeseinsamkeiten
42
Ein Lager mir, da kam ein Rauch geflogen,
43
Als wär er gastlich nach mir ausgezogen,
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Zur waldversteckten Hütte mich zu leiten.

45
Ich späht umher, bald sah ich Kerzenschimmer
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Durch dunkle Tannen, hörte Menschenworte;
47
Bevor ich einschritt in die offne Pforte,
48
Blickt ich durchs Fenster in das niedre Zimmer.

49
Ein Greis, bemüht, die braunen Rückenhaare
50
Zu einem Gemsbart weidgerecht zu schlichten,
51
Saß schweigend und wie sinnend auf Geschichten
52
Und Jägerstreiche seiner rüstgen Jahre.

53
Hoch stand sein Sohn, vom Ruß die Büchse putzend
54
Mit Schultern, die den Hirsch bergüber trügen,
55
Mit scharfen und entschlußgewohnten Zügen,
56
Wie sie der Raubschütz hat, dem Tode trutzend.

57
Die Hausfrau stand am Herd, die Mahlzeit kochend,
58
Rief durch die Tür herein, daß sie bald fertig,
59
Denn ihre Kinder saßen schon gewärtig,
60
Mit froher Ungeduld am Tische pochend.

61
Und ich empfand, als ich das Bild betrachtet:
62
Ein Herz, das Lieb und Sorge dicht umhegen,
63
Ist glücklich; und ein Herz auf stolzen Wegen,
64
Auf Irrfahrt großer Wünsche – herb verschmachtet.

65
Der Hütte Not manch bunter Schmuck verhüllte;
66
Viel Heilgenbilder, Braut- und Taufgeschenke
67
Verzierten blank die Wände rings und Schränke,
68
Trinkgläser auch, vielleicht noch nie gefüllte.

69
Schön ist die Armut, wenn sie, keusch verhangen,
70
Im rohen Sturm als eine Jungfrau schreitet,
71
Die Hüllen sorglich um die Blößen breitet,
72
Den Feind besiegend mit verschämten Wangen. –

73
Eintrat ich in die Stube, froh willkommen,
74
Dem Wildrer gab ich ehrlich meine Rechte,
75
Ihn nicht zu liefern an des Forstes Mächte,
76
Und ward zu Herberg herzlich aufgenommen.

77
Die Wirte suchten ihren Gast zu ehren
78
Mit derber Kost, mit derben Jägerstücken,
79
Wie sie die Wächter und das Wild berücken,
80
Von Gemsen, wie sie fielen, Luchsen, Bären.

81
Der Schütze wies und pries mir seine Stutze,
82
Mit welchen schon sein Vater einst, der Alte,
83
Als frischer Jung in diesen Bergen knallte;
84
Mir wies die Frau, was sie besaß an Putze.

85
Sie ließ mir, kindlich, bunten Flitter schauen;
86
Doch mehr als Ringlein, Perlenschnur und Spangen,
87
Hielt eine Münze meinen Blick gefangen
88
Und traf mein Herz mit wunderlichem Grauen.

89
Die Münze bleiern sah so traurig blinkend,
90
Fast wie ein brechend Auge, das Gepräge
91
War Christus mit dem Kreuz am Leidenswege,
92
Nach Ruhe schmachtend und zusammensinkend.

93
Nie war ein Bild, gemalt vom heilgen Schmerze,
94
In all den reichen kunstgeschmückten Hallen
95
So klagend an die Seele mir gefallen,
96
Wie dieses Bild, geprägt im grauen Erze.

97
Nun schien der Mond herein; die Kinder schliefen,
98
Der Alte murmelte den Abendsegen,
99
Dann ward es still; vorbei war Sturm und Regen
100
Nur draußen hört ich noch die Tannen triefen.

101
Und als ich starrt aufs mondbestrahlte Bildnis,
102
Ward mir, ob sichs in meiner Hand belebe,
103
Als ob sein Geist mit mir von hinnen schwebe,
104
Ich war hinausentrückt zur Felsenwildnis.

105
Und Alpenlerchen hört ich jubelnd schmettern,
106
Und Adler sah ich steigen in die Lüfte,
107
Die scheue Gemse springen über Klüfte,
108
Den Jäger nach im Morgenrote klettern.

109
Die Büchse knallt, die Gemse stürzt vom Felsen,
110
Sie hört nicht mehr das Echo donnernd wandern
111
Von Berg zu Berg; doch hören es die andern
112
Und lauschen schreckhaft mit gespannten Hälsen.

113
Des toten Tieres zitternde Genossen
114
Stehn still, solang die Widerhalle dauern,
115
Sie hören Schüsse rings von allen Mauern,
116
Wohin sie flüchten sollen, unentschlossen;

117
Jetzt eilen sie windschnell davon und schwinden
118
Im Felsgeklüft; ob sie nur Angst durchzittert?
119
Daß man die Weide ihnen so verbittert,
120
Ob sie des Menschen Unrecht nicht empfinden?

121
Der Bock, den dieser Schuß herabgerissen
122
Vom Felsenhang, wo ihn sein Leben freute,
123
Hängt von des Jägers Schulter nun als Beute,
124
Hält in den Zähnen noch den Kräuterbissen.

125
Wie jetzt der Raubschütz auf geheimen Wegen
126
Mit seinem Raube will davon sich machen,
127
Hört ers Gerüll von schweren Tritten krachen,
128
Ihm kommt ein riesenhafter Greis entgegen.

129
Der Alte blickt aus dichten Augenbrauen,
130
Die Föhrenbüscheln, glutversengten, gleichen;
131
Der Urkalk rings scheint mit dem starren, bleichen
132
Antlitz des Manns aus einem Stück gehauen.

133
Er ruft dem Jäger: »Halt!« mit einer Stimme,
134
Daß lauter als zuvor die Berge schallen,
135
Daß fliehend vom Geklipp die Gemsen fallen,
136
Und seine Keule schwingt der Greis im Grimme.

137
Doch steht er fest im engen Schluchtenpfade
138
Und harrt mit hocherhobner Todeswaffe,
139
Daß der bestürzte Jäger auf sich raffe
140
Und seine ausgeschoßne Büchse lade.

141
Indes in seiner Rechten droht die Keule,
142
Reißt seine Linke von der Brust die Hülle,
143
»schieß her!« ruft sein toddürstendes Gebrülle,
144
»sonst stirb!« ruft sein todlechzendes Geheule.

145
Erstaunen und Entsetzen überschleiern
146
Des Jägers Blicke; doch die Büchse faßt er
147
Und schüttet Pulver, drückt darauf das Pflaster,
148
Und in den Lauf treibt er die Kugel bleiern.

149
Er zielt und schießt aufs Herz dem wilden Recken;
150
Doch wie geprallt an eine Felsenscheibe,
151
So klatscht die Kugel ab von seinem Leibe,
152
Den Jägersmann zu Boden wirft der Schrecken.

153
An ihm vorüber rauscht der grause Alte,
154
Den's weiter treibt, umsonst den Tod zu suchen;
155
Der Schütze hört noch lang sein fernes Fluchen,
156
Bis ihm der letzte Laut im Wind verhallte.

157
Der ewge Jude rief: »Nur ich von allen
158
Kann unglückselig nie die Ruhe finden!
159
O könnt ich sterben mit den Morgenwinden
160
Und wie mein Wehruf im Gebirg verhallen!

161
Ich bin mein Schatten, der mich überdauert!
162
Mein Widerhall, am Felsen festgenagelt!
163
Ein Halm, auf den es ewig niederhagelt!
164
Ein flüchtger Lichtstrahl, in den Stein gemauert!

165
Weh mir! ich kann des Bilds mich nicht entschlagen,
166
Wie er um kurze Rast so flehend blickte,
167
Der Todesmüde, Schmach- und Schmerzgeknickte,
168
Muß ewig ihn von meiner Hütte jagen!« – –

169
Und als es stille war im Felsenschlunde,
170
Erhob sich scheu und schlich zur grausen Stelle,
171
Wo seine Kugel traf, der Weidgeselle
172
Und nahm sein plattgequetschtes Blei vom Grunde.

173
Und zitternd kam er auf mich zugeschritten
174
Und reichte mir das Blei, ich nahms mit Grauen:
175
Zur Münze wars geprägt, auf der zu schauen
176
Des ewgen Juden Herzqual eingeschnitten.

177
Die Münze bleiern sah so traurig blinkend,
178
Fast wie ein brechend Auge, das Gepräge
179
War Christus mit dem Kreuz am Leidenswege,
180
Nach Ruhe schmachtend und zusammensinkend. –

181
Da weckten meine wirtlichen Genossen
182
Mit lautem Ruf zurück mich in das Zimmer,
183
Als ich erwacht, hielt meine Hand noch immer
184
Das Zauberbild, vom Mondenlicht umflossen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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