Warnung im Traume

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Nikolaus Lenau: Warnung im Traume (1833)

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In üppig lauter Residenz
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Verschwelgt mit reicher Habe
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Ein Jüngling seinen Lebenslenz;
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Die Eltern ruhn im Grabe.

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Die Mutter lag am Sterbepfühl
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Mit matten Herzensschlägen,
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Sie legte blaß und todeskühl
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Die Händ ihm auf zum Segen.

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Und sie verschwendet noch im Schmerz
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Der Kräfte letzten Glimmer,
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Daß nun das Kind ihr treues Herz
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Verlassen soll auf immer.

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Der Mutterliebe ewge Macht
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Hält sie dem Sohn vereinet,
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Wie mildes Mondlicht in der Nacht
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Des Wandrers Pfad bescheinet.

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Umschwebt sie auch im Geisterflug
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Still segnend den Bedrohten,
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Gewaltig ist der Sinnenzug,
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Und kraftlos sind die Toten.

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Sie sah, wie 's letzte Röslein sich
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Von seiner Wange stehle,
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Und wie die Unschuld ihm verblich,
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Die Rose seiner Seele.

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Sie sah den Sohn die Sinnengier
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Stets fesselnder umgarnen;
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Ein Trost nur war geblieben ihr:
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In Träumen ihn zu warnen.

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Nach einem wildverbrausten Tag,
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Verbuhlet und vertrunken,
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Der Jüngling auf dem Bette lag,
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Dem Schlafe heimgesunken.

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Da träumt ihm, daß er abends irrt
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Durch volkbelebte Straßen,
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Wo manche Dirne lockend kirrt
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Zu lüsternem Umfassen.

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Schon wandelt der Laternenmann
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Von Pfahl zu Pfahl und zündet
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Dem Laster seine Sterne an,
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Das hier sich sucht und findet.

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Der Jüngling sieht ein lockend Weib
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An ihm vorübergleiten,
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Um deren üppig schlanken Leib
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Sich Licht und Dunkel streiten.

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Das Licht ihm wenig nur erhellt,
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Die Lust nach dem zu wecken,
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Was ihm das Dunkel vorenthält
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Mit reizend schlauem Necken.

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Er will den Reizen sein zu Gast,
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Sie laden ihn so dringend,
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Er eilt ihr nach, der Schritte Hast
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Je mehr und mehr beschwingend.

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Doch wie er nach der Dirne setz,
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Er kann sie nicht erreichen,
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Er sieht die Dunkle weiter stets
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Und lockender entweichen.

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Sie gleichet einem Nebelbild
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Mit leisem, fernem Winken;
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Sein Blick dem Sonnstrahl heiß und wild,
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Den Nebel aufzutrinken.

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Schon haben sie im raschen Zug
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Die wache Stadt verlassen,
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Und schon durchkreuzt ihr schneller Flug
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Der Vorstadt öde Straßen.

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Nur hier und dort ein Licht noch brennt
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Bei Toten oder Kranken;
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Und fort und fort die Dirne rennt,
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Er nach mit giergem Zanken:

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»was rennst du, Tolle, so geschwind?
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Wo steht dein süßes Lager?«
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Da pfeift ums Ohr ein kalter Wind
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Dem ungestümen Frager.

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»halt an, halt an die tolle Flucht!
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Ich will dich fürstlich zahlen!«
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Also der Jüngling fleht und flucht,
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Schwerkrank an Wollustqualen.

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Nun ist kein Haus zu schauen mehr;
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Mit argbetroffnen Blicken
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Sieht er nur Gräber rings umher
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Und ernste Kreuze nicken.

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Da wendt sie sich im Mondenlicht,
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Zu seiner Qualgenesung:
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Mit grauverwischtem Angesicht
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Umarmt ihn – die Verwesung. –

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Doch fuhr er kaum vom Schlummer auf,
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Hat er den Traum versungen,
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Und hat der wüste Lebenslauf
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Ihn wiederum verschlungen.

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Bald ward des Traumes kalte Braut
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Am schweigenden Altare
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Dem Jüngling wirklich angetraut,
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An seiner Totenbahre.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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