Der Indianerzug

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Nikolaus Lenau: Der Indianerzug (1833)

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Wehklage hallt am Susquehannaufer,
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Der Wandrer fühlt sie tief sein Herz durchschneiden;
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Wer sind die lauten, wildbewegten Rufer?
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Indianer sinds, die von der Heimat scheiden.

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Doch plötzlich ihre lauten Klagen stocken.
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Der Häuptling naht mit heftig raschem Tritte,
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Ein Greis von finstern Augen, bleichen Locken,
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Und also tönt sein Wort in ihrer Mitte:

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»stets weiter drängen uns, als ihre Herde,
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Stets weiter, weiter die verfluchten Weißen,
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Die kommen sind, uns von der Muttererde
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Und von den alten Göttern fortzureißen.

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Mir ist es klar, ich sehs im Licht der Flamme,
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Die mir das Herz verbrennt mit wildem Nagen:
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Sie brachten uns das Heil am Kreuzesstamme,
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Den Mut zur Rache an das Kreuz zu schlagen.

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Den Wald, wo wir den Kindesschlaf genossen,
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Verlassen wir; der uns sein Wild geboten;
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Wo liebend wir ein teures Weib umschlossen;
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Den Wald, wo wir begraben unsre Toten.

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Naht ihr den Gräbern euch von euren Ahnen,
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Sei still von euch die Hügelschar beschlichen,
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Die Toten nicht zu wecken und zu mahnen,
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Daß wir von ihrem Glauben sind gewichen.

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Der Hohn wird kommen, früher oder später,
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Der gier'ge Pflug wird in die Gräber dringen;
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Dann muß die heilge Asche unsrer Väter
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Des tiefverhaßten Feindes Saaten düngen!« –

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Nun feiern sie der Toten Angedenken;
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Die Sonn im Westen wandelt ihre Neige,
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Die Gräber noch bestrahlend, und sie senken
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Viel Tränen drauf und grüne Tannenzweige.

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Da bricht die Wehmut plötzlich ihre Hemmung,
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Sie strömet laut und lauter in die Lüfte,
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Schon braust des Schmerzes volle Überschwemmung
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In wilden Klagen um die stillen Grüfte.

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Nun wenden sich zur Wandrung die Vertriebnen,
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Oft grüßend noch zurück mit finsterm Sehnen
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Die teuren Hügel der Zurückgebliebnen,
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Bestreuend ihre Bahn mit Flüchen, Tränen.

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Wie sie vorüberwandern an den Bäumen,
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Umarmend viele an die Stämme fallen,
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Zum Scheidegruß den trauten Waldesräumen
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Läßt jeder einmal noch die Flinte knallen. –

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Der Flintenruf, der Ruf gerührter Kehlen
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Ist an den Hügeln allgemach verrauschet,
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Wo nur dem Klagehauch der Totenseelen
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Die Dämmerung, die stille, tiefe, lauschet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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