Die Heidelberger Ruine

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Nikolaus Lenau: Die Heidelberger Ruine (1833)

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Freundlich grünen diese Hügel,
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Heimlich rauscht es durch den Hain,
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Spielen Laub und Mondenschein,
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Weht des Todes leiser Flügel.

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Wo nun Gras und Staude beben,
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Hat in froher Kraft geblüht,
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Ist zu Asche bald verglüht
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Manches reiche Menschenleben.

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Mag der Hügel noch so grünen;
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Was dort die Ruine spricht
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Mit verstörtem Angesicht,
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Kann er nimmer doch versühnen.

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Mit gleichgültiger Gebärde
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Spielt die Blum in Farb und Duft,
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Wo an einer Menschengruft
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Ihren Jubel treibt die Erde.

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Kann mein Herz vor Groll nicht hüten:
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Ob sie holde Düfte wehn
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Und mit stillem Zauber sehn:
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Kalt und roh sind diese Blüten.

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Über ihrer Schwestern Leichen,
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Die der rauhe Nord erschlug,
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Nehmen sie den Freudenzug;
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Gibt der Lenz sein Siegeszeichen.

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Der Natur bewegte Kräfte
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Eilen fort im Kampfgewühl;
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Fremd ist weiches Mitgefühl
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Ihrem rüstigen Geschäfte. –

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Unten braust der Fluß im Tale,
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Und der Häuser bunte Reihn,
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Buntes Leben schließend ein,
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Schimmern hell im Mondenstrahle.

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Auf den Frohen, der genießet
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Und die Freude hält im Arm;
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Auf den Trüben, der in Harm
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Welkt und Tränen viel vergießet;

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Auf der Taten kühnen Fechter –
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Winkt hinab voll Bitterkeit
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Die Ruine dort, der Zeit
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Steinern stilles Hohngelächter.

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Doch hier klagt noch eine Seele.
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Sei gegrüßt in deinem Strauch!
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Sende mir den bangen Hauch,
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Wunderbare Philomele!

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Wohl verstehst du die Ruine,
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Und du klagst es tief und laut,
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Daß durch all die Blüten schaut
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Eine kalte Todesmiene;

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Folgst dem Lenz auf seinen Zügen;
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Und zu warnen unser Herz
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Vor der Täuschung bittrem Schmerz,
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Straft ihn deine Stimme Lügen.

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Doch – nun schweigst du, wie zu lauschen,
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Ob in dieser Maiennacht
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Heimlich nicht noch andres wacht
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Als der Lüfte sanftes Rauschen.

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Die der Tod hinweggenommen,
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Die hier einst so glücklich war,
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Der geschiednen Seelen Schar,
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Nachtigall, du hörst sie kommen;

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Von den öden Schattenheiden
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Rief des Frühlings mächtig Wort
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Sie zurück zum schönen Ort
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Ihrer frühverlaßnen Freuden.

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An den vollen Blütenzweigen
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Zieht dahin der Geisterschwall,
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Wo du lauschest, Nachtigall,
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Halten sie den stillen Reigen;

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Und sie streifen und sie drängen
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– Dir nur träumerisch bewußt –
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Deine weiche, warme Brust,
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Rühren sie zu süßen Klängen.

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Selber können sie nicht künden,
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Seit der Leib im Leichentuch,
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Ihren nächtlichen Besuch
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Diesen treugeliebten Gründen.

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Nun sie wieder müssen eilen
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In das öde Schattenreich,
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Rufest du so dringend weich
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Ihnen nach, sie möchten weilen. –

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Blüten seh ich niederschauern;
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Die mein Klagen roh und kalt
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Gegen die Gestorbnen schalt,
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Jetzo muß ich sie bedauern;

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Denn mich dünkt, ihr frohes Drängen
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Ist der Sehnsucht Weiterziehn,
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Mit den Blüten, die dahin,
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Um so bälder sich zu mengen.

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Hat die leichten Blütenflocken
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Hingeweht der Abendwind?
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Ist des Frühlings zartes Kind
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An dem Geisterzug erschrocken?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Nikolaus Lenau
(18021850)

* 13.08.1802 in Lenauheim, † 22.08.1850 in Oberdöbling

männlich, geb. Lenau

österreichischer Schriftsteller (1802-1850)

(Aus: Wikidata.org)

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