Die ihr schon ein halb Jahrhundert überlebt

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Anna Louisa Karsch: Die ihr schon ein halb Jahrhundert überlebt Titel entspricht 1. Vers(1756)

1
Die ihr schon ein halb Jahrhundert überlebt,
2
Und noch schöne Jünglinge bewundert,
3
Und nach ihrer Liebe strebt,
4
Wittwen! hört die Strafgeschichte
5
Einer alten Göttinn an,
6
Die das blühende Gesichte
7
Eines Jünglings liebgewann!
8
Euch zur Warnung, euch zur Lehre,
9
Sing' ich ihre Lust und Schmach,
10
Und wer Ohren hat, der höre,
11
Und wer klug ist, richte sich darnach.
12
Die Göttermutter, die thurinköpfige Cybele,
13
Ward endlich, zur Betrübniß ihrer Seele,
14
Zur Trauer ihres Herzens, alt,
15
Und tadelte nunmehr Gang, Mienen und Gestalt
16
An allen jüngeren Göttinnen;
17
Sie spottete zum Zeitvertreib;
18
Die große Juno war ein gar zu stolzes Weib,
19
Minervens Sittsamkeit war hölzern, steif und trocken,
20
Die blonde Ceres war, mit ihren goldnen Locken,
21
Zu plump gebaut, zu fleischigt um die Brust,
22
Diana ward so wild genennet,
23
Als der gejagte Hirsch, der durch Gebüsche rennet;
24
Und Cypria, die Göttinn süßer Lust,
25
Die Schöpferinn der inniglichsten Freuden,
26
War nichts, als eine freche Dirn';
27
Sie konnt' an ihr die glatte Stirn'
28
Und den beflammten Blick nicht leiden;
29
Es hieß ohn' Unterlaß: Vulkan, der arme Mann,
30
Wie herzlich muß ich ihn beklagen!
31
Zwar ich war einst auch schön und jugendlich,
32
Doch wer von mir kann so was sagen,
33
Den will ich sehn, der melde sich.
34
Sie sprachs, und brüstete dabey sich übermüthig
35
Auf ihre Tugend – und verfuhr
36
Mit allen Töchtern scharf, und mit den Söhnen – gütig.
37
Wenn Zeus zum Stiere ward, und listiglich Merkur
38
Ihm seine Donnerkeile mauste,
39
Und Bacchus taumelnd, wie der Most im Fasse brauste,
40
Und Gott Apollo manchen Streich
41
Bey hübschen Erdenkindern spielte,
42
Da war ihr Herz zu mütterlich, zu weich,
43
Als daß es Zorn darüber fühlte;
44
Da sprach sie nur: Die losen Söhne sind
45
Beweglich, wie das Meer, und flüchtig, wie der Wind;
46
Ihr ganzer Hohn fiel einzig auf die Töchter. –
47
Jedoch, die Strafe trifft am Ende die Verächter
48
Und bittre Spötter allemal.
49
Das Schicksal hatte sich die Rache vorbehalten,
50
Und wählete darzu in einem Phrygerthal
51
Den Wohlgestaltesten von allen wohlgestalten
52
Und jungen Schäfern, gleich dem jugendlichen May,
53
Wenn er vom Himmel fährt, die Erde zu beschwängern:
54
Er war in Phrygien von Tänzern und von Sängern
55
Der allerlieblichste, und auf der Feldschalmey
56
Und auf dem Haberrohr, und auf der süßen Flöte
57
Kam keiner diesem Atys gleich;
58
Sein lächelnd Angesicht war wie die Morgenröthe,
59
Sein schwarzes Auge feuerreich,
60
Und seine Lippen, wie Korallen;
61
Er tanzte bey Cybelens Fest,
62
Sie sah sein braunes Haar um weiße Schultern wallen;
63
Sie sah ihn, wie den jungen West,
64
Leichtfüßig über Blumen schlüpfen;
65
Da fieng ihr Herz im Busen an zu hüpfen;
66
Bey jeder Wendung, jedem Sprung
67
Des schlanken Jünglings, ward ihr Blut von neuem jung,
68
Und feuriger, als es vor Zeiten kaum gewesen,
69
Als sie den Marsias sich zum Gemahl erlesen.
70
Sie lächelte ohn' Unterlaß;
71
Sie konnt' ihr Auge von dem Tänzer nicht verwenden.
72
Itzt glüht ihr Angesicht, itzt zittern ihre Lenden,
73
Itzt wird sie roth, itzt wieder blaß,
74
Und weil das Schicksal sie nun einmal will bestrafen,
75
So regt sich ihr Verstand und ihre Tugend nicht;
76
Nein, die sind tief in ihr entschlafen.
77
Zuweilen staunt sie zwar und denkt:
78
Ist das die Liebe, die mich zu dem Schäfer lenkt?
79
Nein, es ist Götterhuld, es ist ein wenig Gnade,
80
Womit ich ihm ergeben bin,
81
Wodurch ich nicht der Hoheit schade.
82
So dachte sie, und sah begierig nach ihm hin,
83
Schien mit den Augen ihn zu küßen;
84
Verstellte sich in eine Schäferinn;
85
Rief ihm, und sprach: O! laß mich, schöner Hirte, wissen:
86
Wer wand dir diese Rosen um das Haar,
87
Die nicht so blühend sind, wie deine Stirn und Wangen;
88
Verlaß die Hirtinn, die mit dir im Tanze war,
89
Du sollst von mir bald einen bessern Kranz empfangen.
90
Von mir – Von meiner eignen Hand –
91
So sprach sie freundlich und verschwand,
92
Fuhr gen Olymp zurück, und suchte
93
Daselbst die Einsamkeit, und frug sich tausendmal:
94
Liebst du Cybele? – Du, die sonst der Göttinn fluchte,
95
Die für den Mars entbrannt; du hast im Erdenthal
96
In einen Schäfer dich verliebet,
97
Der noch ein Jüngling ist? und ach! du bist schon alt? –
98
Doch ob gleich meine Stirn schon graues Haar umgiebet;
99
So bin ich dennoch von Gestalt
100
Nicht häßlich anzusehn, ich bin noch zu ertragen;
101
Und was den Unterschied des Standes anbelangt,
102
Davon ist weniger zu sagen.
103
Hat nicht die Venus, die mit so viel Reizen prangt,
104
Einst den Adonis und auch den Anchis geküßet?
105
Ihr Götter und Göttinnen nehmt
106
Mirs nur nicht übel: denn ihr wisset,
107
Die keusche Cynthia selbst hatte sich bequemt,
108
In eines Hirten Arm zu ruhn, und von Auroren
109
Weiß jedermann, sie war verliebt in Cephalus.
110
Was wunderts euch, wenn ich den Atys mir erkohren?
111
Ich sehe wohl, daß ichs ihm selber sagen muß.
112
Ich will mich gern herunter lassen,
113
Und ihm gestehn: ich liebe dich.
114
Das junge schöne Blut, er wird bestürzt erblassen;
115
Beym Jupiter, ich fürchte mich
116
Das er vor Freuden stirbt – Auch hab ich Muth vonnöthen.
117
Soll mir die Schaam das Wort nicht auf der Zunge tödten.
118
Sie sagts, und fasset den gefülleten Pokal,
119
Thut sieben Züge draus, und setzt ihn siebenmal
120
Von neuen an den Mund: itzt wachsen ihre Triebe;
121
Sie schmecket schon voraus des jungen Schäfers Liebe,
122
Schwingt sich auf ihres Löwenwagens Sitz,
123
Und fährt, geschwinder als der Blitz,
124
Herab ins Thal und sieht in einer kleinen Grotte
125
Mit Muschelschaalen ausgeziert,
126
Den Atys schlummern, gleich dem schönen Tagesgotte,
127
Als ihm sein Schicksal in die Schäferwelt geführt.
128
Er fährt erschrocken auf: – fällt ihr verstummt zu Fuße;
129
Sie aber hebt ihn auf, und spricht mit heißem Kuße:
130
Ich komme vom Olymp zu dir,
131
Um deine Tugenden durch Liebe zu belohnen.
132
Von allen die dort oben wohnen,
133
Erkießt' ich keinen mir;
134
Dich hab ich auserwählt. Dir meine Hand zu geben,
135
That ich den sonderbaren Schritt –
136
Ich komm, und theile dir der Gottheit Würde mit:
137
Mein Arm soll dich gewaltiglich erheben,
138
Ich schwöre dir beym Styx den fürchterlichsten Eyd,
139
Dich soll an dampfenden Altären
140
Mit mir zugleich das Volk der Phrygier verehren;
141
Und dafür heisch' ich nichts, als deine Zärtlichkeit.
142
Hier bückt der Schäfer sich mit seinem Rosenmunde
143
Nach ihrer mütterlichen Hand,
144
Und küßt sie dreymal stark, aus dem Bewegungsgrunde
145
Des Stolzes, den sein Herz empfand;
146
Denn Liebe konnt er nicht empfinden.
147
Sie aber läßt, zu Hoffnung größrer Luft,
148
Dadurch ihr gierig Herz entzünden;
149
Drückt ihn voll Inbrunst an die Brust,
150
Will in Entzückungen sich ganz und gar verlieren;
151
Und zwinget ihn zu Gegenschwüren.
152
Er schwört, weil ers nicht ändern kann,
153
Bey dem Neptun und bey dem Pan,
154
Ihr ewig, ewig treu zu bleiben,
155
Drauf sinket sie mit ihm auf eine Bank von Moos;
156
Und welche Wollust da durch ihren Busen floß,
157
Dies kann nur Wieland euch beschreiben.
158
Sie ward berauscht von Süßigkeit
159
Und fiel in Schlaf der trunknen Leute;
160
Indessen schlich der Hirt mit leiser Schlauigkeit
161
Sich unvermerkt von ihrer Seite,
162
Und flog – Wohin? Dieß rathet, wenn ihr könnt.
163
Drey Stunden lang blieb er von ihr getrennt;
164
Sie blieb in einem honigsüßen Traume
165
Verwickelt, bis vom nächsten Baume
166
Minervens Vogel kläglich schrie.
167
Ihr Götter, nun erwachte sie;
168
Fuhr plötzlich auf, und rief vergebens:
169
Ach! Atys, du Vergnügen meines Lebens.
170
Wirst du schon meiner Küße satt.
171
Wo bist du? Welcher Dämon hat
172
Aus meinen Armen dich gerissen?
173
Wo wird mein Fuß dich suchen müssen?
174
Wo findet dich mein Blick, dem in der Unterwelt,
175
Und im Olympus selbst, nichts außer dir gefällt!
176
Sie sprachs, und schwang sich auf den Wagen,
177
Dem schönen Atys nachzujagen,
178
Der allzufrüh die Treue brach;
179
Fuhr über Stock und Stein und Hügel;
180
Und gleich wie Hektor einst mit seinen Pferden sprach,
181
So sprach sie jetzt durch manches Ach!
182
Mit ihren Löwen. Seyd, rief sie, wie Flügel,
183
Des Windes, bringet mich in einen jeden Hayn,
184
In jede Flur, bis ich mein Liebstes wieder finde!
185
Sie fuhr umsonst durch alle Gründe,
186
Durch jeden Hayn im Phrygerland:
187
Hier lenkte sie zurück, und fand
188
Nicht weit von der verlaßnen Grotte
189
Ein Myrtenwäldchen, wo mit Lust zu bittern Spotte,
190
Ein Satyr vor dem Eingang stand.
191
Hier stieg sie ab und gieng in eine dunkle Laube,
192
Auf der ein Tauber saß mit einer jungen Taube,
193
Und in der Laube selbst befand
194
Sich Atys, den ein Arm, ein schöner Arm umschlossen,
195
Und seine Seele war in Freuden wie zerflossen.
196
Er hörte nicht Cybelens Tritt;
197
Er sahe nicht, was ihre Götterseele litt.
198
Matronen, die ihr oft, von Wollust hingerissen,
199
An junger Männer Herz den alten Busen drangt,
200
Und eurer Lüsternheit gerechten Lohn empfangt,
201
Matronen, sagts, ihr müßt mehr als die Muse wissen –
202
Wie dieser Göttinn ist geschehn;
203
Als sie den Atys und die Philaris beysammen,
204
Versunken in ein Meer von süßen Liebesflammen,
205
Unvorbereitet angesehn.
206
Sie war wie von dem Donner Jupiters getroffen;
207
Das Auge starrete, der Mund blieb gräßlich offen;
208
Doch endlich brach der Zunge Band.
209
Da schrie sie laut, wie der Cyklope,
210
Dem der Gemahl der Penelope
211
Sein einzig Auge weggebrannt.
212
Cybele schrie nicht mehr, sie brüllte
213
Und ihre Löwen brüllten drein.
214
Das junge Paar sprang auf und ein Gewölke hüllte
215
Sie beyde, wie den Paris, ein;
216
So daß sie der Gefahr entkamen:
217
Cybele blieb wie angewurzelt da,
218
Und wiederholete den hassenswerthen Namen
219
Des Hirten, den sie nicht mehr sah.
220
Ihr Mund, ihr Auge sprühten Funken
221
Des Grimmes, und ihr Herz in schwarzen Gram versunken,
222
Wollt immer brechen, und nun stammelte sie dies
223
In rauhen und gebrochnen Tönen:
224
Verwünschter Jüngling, o! verfluchte Philaris –
225
Nun ist mir Schimpf und Schmach gewiß.
226
Wie werden mich nunmehr die Göttinnen verhöhnen!
227
Was hilft, was nutzet mir mein ängstlich Klaggeschrey? –
228
Und itzt zog ihr Geheul den Cypripor herbey:
229
Der ohngefähr mit seinem siegesreichen Bogen
230
Von Tempe kam daher geflogen,
231
Wo seine Macht ein Paar zu spröde Seelen zwang.
232
Er jubelte, das ihm die feine List gelang,
233
Und wird erblicket von Cybelen;
234
Sie fährt nach Art empörter Seelen
235
Ihn zornigpolternd an und spricht:
236
Du Schalk, du kleiner Bösewicht,
237
Du Räuber meines Ruhms und meiner stolzen Ruhe,
238
Du sollst erfahren, was ich thue.
239
Warum hast du mein Herz entbrannt,
240
Und diesen Atys, mir zum Schimpfe,
241
Zu gleicher Zeit zu einer Thälernymphe,
242
Zu einer Bäuerinn gewandt.
243
Warum? sprach Amor; kannst du fragen?
244
Die Hirtinn ist dem Schäfer gleich
245
An Herkunft und an Reiz, und jugendlichen Tagen;
246
Und beyde sind sie flammenreich,
247
Und beyde hab ich längst verbunden.
248
Es ist ein gar zu schönes Band.
249
Verräther, schrie darauf die Göttinn mehr entbrannt,
250
Was sagst du – deine Bubenhand
251
Hat ihn und sie schon längst ins Liebesgarn gewunden?
252
Und dennoch freventlich, durch Mißbrauch deiner Macht,
253
Mein schon verloschnes Busenfeuer
254
Zu neuen Flammen angefacht?
255
O! fürchte, kleines Ungeheuer,
256
Den itzt erstarrten Arm, und zittere vor mir;
257
Ich will dirs nach Verdienst vergelten.
258
Der Gott der Liebe sprach: Wie kannst du mich so schelten?
259
Du wurdest nicht entflammt von mir.
260
Nein! Ahnfrau, nein! bey diesem Bogen schwör ichs dir,
261
Mit dem ich itzt zu meiner Mutter eile:
262
Die Thorheit stiehlt mir dann und wann
263
Wenn ich entschlummert bin, aus meinem Köcher Pfeile;
264
Und zielt damit, so schnell sie kann,
265
In abgelebte Weiberherzen:
266
Die Thorheit ist allein der Grund,
267
Ist die Urheberinn von deinen herben Schmerzen.
268
Er sprachs – und flog nach Amathunt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.