Du aus den Händen der Natur

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Anna Louisa Karsch: Du aus den Händen der Natur Titel entspricht 1. Vers(1761)

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Du aus den Händen der Natur,
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Zu ihrem Ruhm hervorgegangene Schöne!
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Jetzt singet, auf der arm gewordnen Flur,
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Nicht mehr die Lerche. Jetzt verlernt die Thöne
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Selbst deiner Schwester Nachtigall. Sie schweigt
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In ihrem melancholischen Gehäuse;
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Tief denkend sitzt sie da – so sitzet oft der Weise,
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Der Menschenfreund, wenn fremde Noth ihn beugt,
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Wenn drückend Elend kommt mit jung gewordnen Tagen,
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Wenn durch das Vaterland die lautgestöhnten Klagen
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Erschallen allgemein: Dann sitzet traurig er,
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Verstummt von Schmerz, und blickt umher,
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Ob aufgeklärtre Tage kommen –
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Du holdes Mädchen, von zwey Frommen,
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Im Lande Friedrichs auf die Welt gebracht;
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Unmuthig siehest du den Bäumen ihre Pracht,
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Den Blumen ihren Reiz benommen.
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Der Maulbeerbaum – er stehet blätterlos;
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Wie liegen unter ihm, die stolz getragne Locken
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Zerstreut, auf schwarzer Erde Schooß,
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Den blassen Leichen gleich! O! ihre Sterbeglocken,
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Die rauhen Winde stürmten um sie her.
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Wie ist die Reben-Wand von ihrem Schmuck so leer!
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Nichts grünet mehr in dem beliebten Raume,
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Wo du Lustwandeln giengst, wo Blumen sich gebückt,
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Vor deines weissen Kleides Saume,
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Wann sie dein Angesicht erblickt.

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So nimmt die Zeit, einst Güter der Natur
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Dir schönes Kind! Dein Herbst, dein Winter werden kommen
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Mit räuberischer Hand. Dann wird, wie von der Flur,
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Der Reiz von dieser Wange weggenommen.
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Sie lassen dir des Herzens Schönheit nur!
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Nur den Verstand heraufgereift, nur Züge
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Der Seele, die mit Tugend ausgeschmückt
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Nicht von der Zeit, vom Zufall nicht erdrückt,
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Bezeuget, daß in ihr der Gottheit Funke liege!
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Wann achtzehn Erndten noch vorüber gehn,
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Und Krankheit nicht in Dir Verwüstung angerichtet;
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Dann ist vielleicht noch dieses Antlitz schön,
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Das alle Kunst der Mahlerey zernichtet.
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Wann aber funfzig Sommer du gelebt;
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Alsdann haucht alle Reize von den Wangen
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Die starke Zeit, vor der die Gärten sind vergangen,
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Die prächtig in der Luft geschwebt.
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Dein äußrer Bau, so künstlich er gewebt,
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So fein die Nerven auch sind überzogen worden,
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Ist nichtig, muß vergehn; wie Blüten im April,
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Wenn nächtlich sie ein Frost kommt in der Knospe morden,
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Und wenn ins Leben sie die Sonne wecken will,
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Noch ungestalt und welk an Zweige kleben –
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Dir aber sollen noch die Jahre Reizung geben.
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Dein Geist, der innre Mensch, soll, wirst du älter seyn,
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Durch größre Schönheit den erfreun,
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Der dir bestimmt, und deiner werth befunden,
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Mit dir durchlebet goldne Stunden.
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Uns nicht bekannt, ist dieser Jüngling noch.
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Du horchst hoch auf, wirst roth, und willst ihn wissen?
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Der Himmel kennet ihn, und der wird doch
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Dich nicht unedle Lippen lassen küssen.
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Nein, fromm und treu, verständig, zärtlich, ernst
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Sey der, von dem du leicht mehr Tugenden noch lernst.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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