Gliphästion, mein Freund, der nicht zu träumen pflegt

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Anna Louisa Karsch: Gliphästion, mein Freund, der nicht zu träumen pflegt Titel entspricht 1. Vers(1761)

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Gliphästion, mein Freund, der nicht zu träumen pflegt,
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Nicht abergläubisch forscht, nicht Zeichendeuter frägt,
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Der Kuß und Freuden nimmt, die ungeweissagt kommen;
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Gliphästion, mein Freund, ist einer von den Frommen,
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Die Zeus, indem er schuf, schönherzig hat gemacht.

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Er lag in einer Winternacht
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Im besten Schlaf, den je das Gastmahl noch gebracht,
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Wo, mit dem Duft vom Wein, geselliges Vergnügen
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Den Freunden in den Kopf gestiegen,
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Und vom Gespräch ihr Herz berauscht gemacht.
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Er schlief so süß, als wie bey einem Wasserfalle,
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In welchem Graß, ein Wandrer schlafen liegt;
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Er sah im Traum Roms Helden alle
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Und Griechenlandes, das so oft mit Rom gekriegt.
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Der Luftcreyß war, als wie in Frühlingstagen heiter;
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Auf einmal aber ward prachtvolle Mahlerey
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Von Wolken in der Luft, da zogen grosse Streiter
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Mit glänzendem Gewehr vorbey.

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Der Macedonier, noch mehr besprützt mit Blute,
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Als beym niphatischen Gebürge, wo
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Der Perser, den er schlug, auf einer matten Stute
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Und über Leichenberge noch entfloh.
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Noch siegbegieriger, als bey den Donnerschlägen
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Wo starker Sturm den schnell herabgegoßnen Regen
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Ans Ufer des Hydaspes schlug,
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Ein Stück des Ufers nahm, und eine Insel machte,
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Die in dem Flusse schwamm und den Erobrer trug,
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Der halb im Wasser stand, den Tod des Porus dachte,
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Und Wuth und Sieg herüber brachte.

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Noch prächtiger sah in dem Traum
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Mein Freund ihn auf dem Thron des Persianers sitzen,
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Gefangne Könige zu seiner Füssen Raum,
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Und Nationen fliehn vor seines Auges Blitzen.

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Auch sah' er Cäsarn, der, den Feinden zu entkommen,
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Sich aus dem kleinen Schiff geworfen in die See,
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Mit einer Hand fortruderte
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Und in der andern Hand, die Briefe festgenommen
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Frey über seinem Haupte trägt,
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Ans Trockne kommt, noch feucht vom Meere,
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Den König der Egypter schlägt,
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Und dann mit seinem Heldenheere
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Bey Zella den Pharnaces sieht,
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Schlägt, überwindet, und als Sieger weiter zieht.

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Noch mehr! Es schilderte die wunderbare Wolke
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Den dritten prächtigen Triumph Pompejus ab,
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Und wie er Korn genug zu Rom dem armen Volke;
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Wie er die Sicherheit dem Meer vor Räubern, gab.

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Da waren Hercules, Achill, und alle Helden
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Des Alterthums, glorreicher vorgestellt,
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Als jemals die Geschichte melden,
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Und jemals noch ein Künstler in der Welt
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Erobrer, Sieger, Triumphirer,
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Mit kriegerischer Gluth im Antlitz vorgestellt.
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Mein Freund betrachtete die Bilder dieser Führer,
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Rief sein Gedächtniß auf, und fand,
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Daß diese Mahlerey da nicht gezeichnet stand.

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Er staunte, dachte tief, bewunderte die Bilder,
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Als vom Olymp Minerva zu ihm kam,
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Ihr feurig Auge blickte milder
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Ihn an, sie sprach, und er vernahm:
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»daß diese Schaar von Führern grosser Heere,
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Die Schilderey von einem Helden wäre,
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Den Rom und den das Griechenland
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So glänzend nicht gehabt, und der für seine Staaten
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Allein so viel gethan, als alle diese thaten.«
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Die Göttin sprach es, und verschwand.

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Und plötzlich stiessen Alexander,
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Und Cäsar mit dem Speer und Schilden an einander,
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Es ward ein stark Geräusch; die Wolken trennten sich,
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Und mein erwachter Freund rief: Groß ist Friederich!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Anna Louisa Karsch
(17221791)

* 01.12.1722 in Skąpe, † 12.10.1791 in Berlin

weiblich, geb. Karsch

deutsche Dichterin

(Aus: Wikidata.org)

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