»mich nun verlassen? Cynthio!

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Johann Georg Jacobi: »mich nun verlassen? Cynthio! Titel entspricht 1. Vers(1777)

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»mich nun verlassen? Cynthio!
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Mich nun auf ewig? Liebst du so
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Die zärtliche Rosette?
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Belohnst sie mit Verrätherey,
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Und achtest nicht ihr Klaggeschrey
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Am naßgeweinten Bette?

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Verschmähst getreuer Liebe Gunst,
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Da sie, behülflich deiner Kunst
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Den Marmor zu beleben,
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Zu deinen Venusbildern dir,
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Was schön und artig war an ihr,
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In Unschuld Preis gegeben?

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Wohlan, Verräther! so vergiß,
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Wer diese Hülle mir entriß
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Mit seinen Schmeicheleyen.
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Und ach! mit Küssen ohne Zahl,
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Wer durfte mir zum ersten Mahl
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Die junge Brust entweihen?

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Du fliehst Rosettens Angesicht?
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O Cynthio! so sprachst du nicht,
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Als ich, von deinem Flehen
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Erweicht, die Hülle faßte, gieng,
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Und meine Heiligen behieng,
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Aus Furcht, sie möchten sehen;

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Als noch mein unverstellter Blick
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Zu manchem hohen Meisterstück
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Am Morgen dich entzückte;
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Als ich, so bald der Abend kam,
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Das Werkzeug deinen Händen nahm,
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Und dich mein Kuß beglückte.«

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»verzeih, Geliebteste! verzeih;
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Mein Ruf ist eine Wüsteney,
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Verborgen deinen Küssen;
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In Wäldern muß ich, fromm und wild,
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Für jedes allzuschöne Bild,
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Nach dir geformet, büßen.

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Im Himmel, o du gutes Kind!
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Bekenn' es nur, im Himmel sind
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Nicht Heben und Dianen:
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Da treffen wir uns wieder an:
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Ich will indeß, so gut ich kann,
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Für uns die Wege bahnen.«

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Das treue Mädchen weinte Blut;
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Und dennoch wandelte, voll Muth,
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Der Heilige von dannen,
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Bereits im Haar den goldnen Schein,
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Im Kopfe nichts als Engelein,
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Agnesen und Susannen.

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Nach einer kurzen Reise kroch
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Er in ein dunkles Felsenloch,
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Und baute seine Zelle.
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Zusammen trug er in den Wald
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Sich Steine dann, die wurden bald
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Zur artigen Kapelle.

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In tiefer Reue schnitzt' er nun,
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Vom Beten dann und wann zu ruhn,
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Sich eine Magdalene,
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Mit blonden Locken, dünner Tracht,
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In allen Theilen wohl gemacht,
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Bis auf die kleinste Thräne.

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Sie lag am Felsen jämmerlich,
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So schön, daß auch ein Türke sich
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Mit ihr betrübet hätte.
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Und wißt ihr, wem sie ähnlich war?
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An Auge, Busen, Mund und Haar,
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Der weinenden Rosette.

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»was seh' ich? Welche Prüfung? O!
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Der Himmel will, des bin ich froh,
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Die stolze Brust zermalmen.
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Ich folge williglich.« Er bringt
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Das Bild in sein Kappellchen, singt
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Ihm lauter Klage-Psalmen;

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Und pflegt es mit geweihter Hand,
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Und schenkt ihm täglich allerhand
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An Blumen und an Kerzen;
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Er seufzet, kniet ohn' Unterlaß;
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Jedoch auf einmal schreckt ihn was
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In seinem bangen Herzen.

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Er geht, mit Zweifeln angefüllt,
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Und sucht, und flieht das schöne Bild,
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Verändert ihm die Stelle;
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Berührt es, jammert, bebt zurück,
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Und schließet jeden Augenblick,
84
Und öffnet die Kapelle.

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Berühmt im ganzen Lande ward
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Herr Cynthio mit seinem Bart,
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Und seiner Magdalene.
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Da kamen Pilger weit und breit,
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Matronen voller Heiligkeit,
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Und manche junge Schöne.

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Die opferten. Was hilft es ihm?
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Und was dem innern Ungestüm
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Sein Beten und Casteyen?
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Er schmachtet, er verzehrt sich ganz;
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Kein Festtag und kein Rosenkranz
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Vermag ihn zu befreyen.

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An einem kühlen Morgen schlug
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Sein Herz ihn wach, der Arme trug
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Ein Lämpchen in die Mette:
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O Bild! so reizend warst du nie!
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Sein Geist verirrte sich, er schrie:
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Ach heilige Rosette!

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Und alsobald erwärmte sich
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Der Marmor; seine Blässe wich,
105
Der Busen schien zu beben;
106
Die Augen glänzten allgemach;
107
Da lächelte das Bild, und sprach:
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O Cynthio, mein Leben!

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Rosette war es. Sie vergaß
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Den Liebling nicht. Rosette saß
111
Bey seiner Magdalene.
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Vergönne, daß, in frommer Ruh,
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Ich mit den Heiligen, wie du,
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Geliebter! mich versöhne.

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Zu deinen Bildern hielt ich still,
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Wenn du sie formtest; und ich will
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Zur Buße mich bequemen;
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Du magst zu einer Ursula,
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Walpurgis und Cäcilia,
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Von mir die Züge nehmen.

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Das that er; und im ganzen Land,
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Auf Märkten und an Wegen, stand,
123
Von allen um die Wette
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Bekränzt, in Weihrauch eingehüllt,
125
Mit einer Glorie, das Bild
126
Der lachenden Rosette.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Georg Jacobi
(17401814)

* 02.09.1740 in Düsseldorf, † 04.01.1814 in Freiburg im Breisgau

männlich, geb. Jacobi

deutscher Dichter und Publizist

(Aus: Wikidata.org)

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