Die Tieffen der Gottheit

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Johann Justus Ebeling: Die Tieffen der Gottheit (1747)

1
Herrlich! unbegreiflich Wesen!
2
Ewig undurchdringlich Licht!
3
Dich hab ich zum Ziel erlesen,
4
Laß dir doch mein Lobgedicht,
5
Und mein ungestimmtes Lallen,
6
Das die Ohnmacht bringt, gefallen:
7
Flöß mir durch den Gnadenschein,
8
Deines Geistes Triebe ein.

9
Geist der Geister! Sonnen Sonne!
10
Kein Verstand begreift dein Bild
11
Und mein Witz wird vor der Wonne
12
Deiner Herrligkeit verhüllt.
13
Wil ich nur an dich gedenken,
14
Muß ich mich zum Abgrund senken,
15
Wo man sich erstaunnt verliert,
16
Und nichts als nur Ehrfurcht spürt.

17
Ohne schwindelnd banges Grauen,
18
Kan mein Geist dich nicht ansehn:
19
Und mein ich dich anzuschauen
20
Muß er gleich zurükke gehn:
21
Jezt deucht mir das ich entzükket,
22
Deiner Hoheit Glanz erblikket:
23
Doch es fliegt des Geistes Blik
24
Starrend wiederum zurük.

25
Wil ich mich gleich selbst vergessen,
26
Und mit reger Denkungs-Kraft,
27
Wagen an die tieffen Grössen
28
Einer einzgen Eigenschaft:
29
O! so merken die Gedanken,
30
Jhre eingespannten Schranken.
31
Und gestehn daß du ein Geist,
32
Der ganz unbegreiflich heist.

33
Da erkennet meine Seele,
34
Und der tief verschlungne Sinn,
35
Wenn ich dich zum Vorwurf wähle,
36
Nicht was du, nur was ich bin:
37
Wil ich HErr! an dich gedenken,
38
Und den Geist von Körpern lenken;
39
So trift er den Abgrund an,
40
Darin er nichts sehen kan.

41
Ehrfurchtsvolle Dunkelheiten
42
Sind um deiner Majestät;
43
Deren unermesne Weiten
44
Sind für uns zu sehr erhöht.
45
Waget sich das arme Wissen,
46
Zu den heilgen Finsternissen:
47
So fält mir stets wieder ein,

48
Du bist warlich unermeßlich,
49
Und wirst in den tieffen Grund
50
Da du dich verbirgst, vortreflich
51
Und dennoch als herrlich kund.
52
Muß der Seelen Aug erblinden,
53
Daß dich suchet zu ergründen:
54
So faßt Erd und Himmel nicht,
55
Deiner Gottheit grosses Licht.

56
Geh ich zu den Sternenbühnen
57
Jm Gedanken, du bist da,
58
In der Welt der Seraphinen,
59
Dünkest du mir wieder nah.
60
Steigt mein Sin in tieffe Grüfte
61
Der verborgnen Erden-Klüfte,
62
Dein unsichtbahr Angesicht
63
Zeigt auch da sein Augenlicht.

64
Wil ich gleich zu denen Meeren,
65
Als der Erden äusren Rand
66
Auf des Geistes Flügeln kehren,
67
Da bist du mir auch bekandt:
68
Auf der Berge hohen Hügeln,
69
Finde ich als wie in Spiegeln
70
Deiner Grös Unendlichkeit,
71
Hoheit und Volkommenheit.

72
Wil ich aber weiter gehen,
73
Deine Herrligkeit recht schaun:
74
Bleibt der Wiz auf einmahl stehen,
75
Und verspürt ein banges Graun.
76
Wil ich mich hier träumen lassen,
77
Die Algegenwart zu fassen;
78
O! so starrt der scheuche Sin,
79
Und ich weis nicht wo ich bin.

80
Denk ich nach um zu begreiffen,
81
Deines Wesens Ewigkeit,
82
Wil ich Jahr auf Jahre häuffen
83
Sez ich immer Zeit auf Zeit,
84
Nehm ich Millionen Zahlen,
85
Tausend Millionen mahlen;
86
Und gedoppelt einst so viel,
87
So tref ich den noch kein Ziel.

88
Wil ich dieser Zieffern Heeren,
89
Und die ungeheure Zahl,
90
Jmmer immer fort vermehren:
91
So find ich doch allemahl,
92
Bei des Wizes vielen Zählen,
93
Noch so viele Zahlen fehlen
94
Und fang ich von neuen an:
95
So ist doch noch nichts gethan.

96
Endlich merkt bei diesen Grössen,
97
Der verdüsterte Verstand,
98
Daß ohnmöglich auszumessen,
99
Was uns gänzlich unbekand.
100
Du als der Unwandelbahre
101
Bist in keine Zahl der Jahre
102
Einzuschliessen, Gestern, Heut,
103
Ist bei dir stets Ewigkeit.

104
Keine Zeiten, keine Stunden,
105
Messen dein stets ewges Sein,
106
Keine Jahre die verschwunden
107
Fassen dich in Zirkeln ein.
108
Morgen ist bei dir wie heute,
109
Keine Länge keine Breite
110
Die umschränket deinen Geist,
111
Der unendlich, ewig heist.

112
Denk ich den Vollkommenheiten
113
In der Stille weiter nach,
114
Und den Strahl der Herrlichkeiten:
115
So umgiebt mich allgemach,
116
Wiederum ein neuer Schatten,
117
Wo sich Licht und Dunkel gatten;
118
Und dein Licht wirft allemahl
119
Mich ins tieffe Abgrunds-Thal.

120
Sehe ich auf deine Hände,
121
Die das Bild der Allmacht sind,
122
So sind ich auch da kein Ende,
123
Und mein Geist wird wieder blind:
124
Will ich mir die hellen Strahlen
125
Der Allwissenheit abmahlen:
126
O! mein blödes Angesicht,
127
Wird geblendet durch dein Licht.

128
So wie unser Aug die Strahlen
129
An der Sonne nie erträgt;
130
So gehts mir auch allemahlen,
131
Wenn mein Geist dich recht erwegt.
132
Er wird wenn er heiter denket,
133
Wie durch einem Bliz versenket
134
In den Abgrund, wo dein Bild,
135
Sich ins heilge Dunkle hüllt.

136
Kaum kan er sich aus dem Schrekken,
137
Den die Ehrfurcht eingejagt,
138
Durch dein Licht gestärkt erwekken:
139
So will er doch unverzagt
140
Durch den Weg der Kreaturen,
141
Finden
142
Er sieht vieles darin an,
143
Was ihm

144
Aber auch in diesen Spiegeln,
145
Welche Erd und Himmel sind,
146
Wird der Wiz bei seinem Klügeln,
147
Abermahl von neuen blind.
148
Steigt er wie auf hohen Leitern,
149
Sein Erkentnis zu erweitern:
150
So ist kein Geschöpf so klein,
151
Es giebt mir die Warheit ein:

152
Gott will sich allhier nicht fassen
153
Sondern in der dunklen Spur,
154
Nur allein bewundern lassen;
155
D
156
Ebenfals von GOttes Höhen
157
Vieles das nicht einzusehen:
158
Himmel, Erde, alles spricht:
159
Gott ist ein unsichtbahr Licht.

160
Man kan dich in deinen Werken, Schöpfer! HErr der ganzen Welt!
161
Mächtig, weise, gütig merken;
162
Weil du darin vorgestellt:
163
Aber aller Dinge König!
164
Der Verstand ist viel zu wenig,
165
Vollenkommen zu verstehn,
166
Was wir klar vor Augen sehn.

167
Wenn wir zu den Himmels-Höhen,
168
Zu den tieffen Luft-Revier,
169
Ein geschärftes Auge drehen;
170
Stellen uns dasselbe für
171
Was in den entfernten Gründen,
172
Noch verborgenes zu finden,
173
So zeigt uns die Sternen Bahn,
174
Tieffen deiner GOttheit an.

175
Messen wir des Himmels Kreise,
176
An den blaugewölbten Rund,
177
Was macht uns das Luft-Gehäuse,
178
Nicht vor viele Tieffen kund?
179
Wer ist der in jener Ferne,
180
Zählt das Heer der lichten Sterne,
181
Wer ist der uns richtig lehrt
182
Wie die Welt sich dreht und kehrt?

183
Wer ist der uns kan erzählen
184
Aller Kreaturen Kraft?
185
Wenn wir nur die Erde wählen,
186
Wer kan uns die Eigenschaft,
187
Eines einzgen Krauts recht lehren,
188
Darin wir den Schöpfer ehren?
189
Kein Verstand ergründet das,
190
Was verbirgt ein Stengel Gras.

191
Denk ich nach wie GOtt regieret,
192
Diesen Bau der ganzen Welt,
193
Wie er das zum Zwekke führet,
194
Was die Vorsehung erhält:
195
Wie er uns als Menschen leitet,
196
Und aus Bösen Guts bereitet,
197
O! so seh ich allemahl
198
Dunkler Tieffen grosse Zahl.

199
Seh ich nur das Heer der Sünder
200
Die wie Lorbeer-Bäume blühn;
201
Seh ich wie die frömsten Kinder,
202
In den Trübsahls-Offen glühn:
203
Und will den Verstand befragen;
204
Warum
205
Alsobald sieht hier mein Geist,
206
Wie sich eine Tief aufschleust.

207
Seh ich die Veränderungen,
208
In dem Reich der Vorsehung,
209
Wie oft werd ein Land verschlungen,
210
So komt die Verwunderung
211
Und betäubet meine Sinnen,
212
Da werd ich gleich wieder innen:
213
Er will nur bewundert seyn.

214
Dieser steigt und jener sinket,
215
Wie des Schiksals Sphere geht,
216
Die wenn
217
Sich im Augenblik verdreht.
218
Was zum Trost der eitlen Zeiten,
219
Vor die späten Ewigkeiten,
220
Als ein Denkmal aufgesezt,
221
Wird im Augenblik verlezt.

222
Und dasselbe bleibet stehen,
223
Was auf leichten Grund gebaut,
224
Und wird bey dem Untergehen,
225
Gleichsam wieder neu geschaut.
226
Alle diese Wunderdinge,
227
Die da scheinen gros, geringe
228
Alle diese kommen mir,
229
Wie verborgne Tieffen für.

230
Wagt sich das begierge Wissen
231
In der Höchsten Macht-Gericht
232
Zu der Vorsicht dunklen Schlüssen,
233
Was vor Tieffen sieht es nicht?
234
Was vor Räthsel künftger Zeiten,
235
Sind in den Begebenheiten
236
Dieser Welt? was wird geschehn,
237
Eh dies Rund wird untergehn?

238
Nimmermehr -- was wilt du wagen,
239
Blöder Geist halt plözlich ein!
240
Du kanst nicht den Glanz ertragen
241
Von der GOttheit Sonnenschein:
242
Schweig und fasse dein Gemüthe,
243
Denke
244
Des Verstandes enger Kreis,
245
Faßt nicht was

246
Auch der GOttheit dunkle Tieffen,
247
Gleichen einem breiten Meer,
248
Woraus Seegensströme trieffen:
249
Es gereicht zu seiner Ehr,
250
Daß wir eingestehen müssen
251
Daß wir nichts mehr von ihm wissen,
252
Als was jezt nur dem Verstand,
253
Aus Natur und Schrift bekant.

254
Eine GOttheit zu ergründen,
255
Das heist blos Ohnmöglichkeit;
256
Und sich das kühn unterwinden,
257
Das heist aus Verwegenheit,
258
Etwas klärlich fassen wollen,
259
Was wir hier nur gläuben sollen,
260
Da das Auge nicht geschikt,
261
Daß es einen

262
Das Erkenntnis ihn zu lieben,
263
Haben wir in dieser Welt,
264
Wer sich darin wird recht üben,
265
Komt in jenes Himmels-Zelt,
266
Dort in den verklärten Auen,
267
Ist er deutlicher zu schauen:
268
Wo des Abgrunds Dunkelheit,
269
Jmmer helle Strahlen streut.

270
Sehnet euch ihr regen Sinnen,
271
Von des Körpers Last befreit,
272
Nach den lichten Himmels-Zinnen,
273
Der verklärten Ewigkeit.
274
Schwinge deiner Sehnsucht Flügel,
275
Geist! nach jenem Sternen-Hügel,
276
Wo die Tieffen erst vergehn,
277
Und der GOttheit Licht zu sehn!

278
Doch so lange du im Wallen,
279
In der Unvollkommenheit,
280
Trachte dem stets zu gefallen,
281
Der ein HErr der Herrlichkeit.
282
Jhr geflügelten Gedanken,
283
Bleibt in den gemeßnen Schranken,
284
Und wagt euch mit euren Sin,
285
Nie zu

286
Ewig undurchdringlich Wesen,
287
Laß mich deine Herrlichkeit,
288
An den Kreaturen lesen;
289
Gib daß ich hier in der Zeit,
290
Dich in deinem Bibelbuche,
291
Weiter zu erkennen suche:
292
Daß ich aber deine Höh,
293
Dabei ohne Vorwiz seh!

294
Was ich nicht vermag zu kennen,
295
Davon kehre meinen Blik;
296
Laß mich nicht in Tieffen rennen,
297
Sondern ziehe mich zurük;
298
Laß mich nur im Heilgen bleiben,
299
Wenn mich will der Wiz antreiben,
300
In das Heiligste zu gehn:
301
Hier hab ich genug zu sehn.

302
Laß mich Andachts-voll betrachten,
303
Wie du ein verborgner
304
Der im Dunklen hoch zu achten:
305
Laß mich grosser Zebaoth
306
Bei den schwindelnd bangen Grauen,
307
Dein Licht auch dabei anschauen;
308
Zeig mir deine Herrlichkeit,
309
Auch hienieden in der Zeit.

310
Wenn das Sterbliche verschlungen,
311
Und das Stükwerk dreinst vergeht,
312
Wird mein Lied das matt geklungen,
313
In der Geister-Welt erhöht,
314
Da soll mein hier kindisch Lallen,
315
Dir, im höhern Chor erschallen,
316
Wenn dein Licht mir das anzeigt,
317
Was Natur und Schrift verschweigt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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