Die Hochzeitsnacht

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Joseph von Eichendorff: Die Hochzeitsnacht (1810)

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Nachts durch die stille Runde
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Rauschte des Rheines Lauf,
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Ein Schifflein zog im Grunde,
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Ein Ritter stand darauf.

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Die Blicke irre schweifen
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Von seines Schiffes Rand,
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Ein blutigroter Streifen
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Sich um das Haupt ihm wand.

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Der sprach: »Da oben stehet
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Ein Schlößlein überm Rhein,
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Die an dem Fenster stehet:
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Das ist die Liebste mein.

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Sie hat mir Treu versprochen,
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Bis ich gekommen sei,
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Sie hat die Treu gebrochen,
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Und alles ist vorbei.«

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Viel Hochzeitleute drehen
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Sich oben laut und bunt,
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Sie bleibet einsam stehen,
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Und lauschet in den Grund.

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Und wie sie tanzen munter,
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Und Schiff und Schiffer schwand,
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Stieg sie vom Schloß herunter,
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Bis sie im Garten stand.

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Die Spielleut musizierten,
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Sie sann gar mancherlei,
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Die Töne sie so rührten,
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Als müßt das Herz entzwei.

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Da trat ihr Bräut'gam süße
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Zu ihr aus stiller Nacht,
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So freundlich er sie grüßte,
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Daß ihr das Herze lacht.

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Er sprach: »Was willst du weinen,
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Weil alle fröhlich sein?
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Die Stern so helle scheinen,
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So lustig geht der Rhein.

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Das Kränzlein in den Haaren
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Steht dir so wunderfein,
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Wir wollen etwas fahren
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Hinunter auf dem Rhein.«

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Zum Kahn folgt' sie behende,
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Setzt' sich ganz vorne hin,
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Er setzt' sich an das Ende
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Und ließ das Schifflein ziehn.

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Sie sprach: »Die Tone kommen
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Verworren durch den Wind,
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Die Fenster sind verglommen,
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Wir fahren so geschwind.

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Was sind das für so lange
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Gebirge weit und breit?
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Mir wird auf einmal bange
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In dieser Einsamkeit!

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Und fremde Leute stehen
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Auf mancher Felsenwand,
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Und stehen still und sehen
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So schwindlig übern Rand.« –

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Der Bräut'gam schien so traurig
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Und sprach kein einzig Wort,
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Schaut in die Wellen schaurig
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Und rudert immerfort.

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Sie sprach: »Schon seh ich Streifen
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So rot im Morgen stehn,
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Und Stimmen hör ich schweifen,
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Vom Ufer Hähne krähn.

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Du siehst so still und wilde,
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So bleich wird dein Gesicht,
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Mir graut vor deinem Bilde –
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Du bist mein Bräut'gam nicht!« –

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Da stand er auf – das Sausen
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Hielt an in Flut und Wald –
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Es rührt mit Lust und Grausen
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Das Herz ihr die Gestalt.

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Und wie mit steinern'n Armen
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Hob er sie auf voll Lust,
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Drückt ihren schönen, warmen
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Leib an die eis'ge Brust. –

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Licht wurden Wald und Höhen,
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Der Morgen schien blutrot,
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Das Schifflein sah man gehen,
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Die schöne Braut drin tot.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph von Eichendorff
(17881857)

* 10.03.1788 in Ratibor, Oberschlesien, † 26.11.1857 in Neisse, Oberschlesien

männlich, geb. Eichendorff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

bedeutender Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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