Der armen Schönheit Lebenslauf

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Joseph von Eichendorff: Der armen Schönheit Lebenslauf (1810)

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Die arme Schönheit irrt auf Erden,
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So lieblich Wetter draußen ist,
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Möcht gern recht viel gesehen werden,
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Weil jeder sie so freundlich grüßt.

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Und wer die arme Schönheit schauet,
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Sich wie auf großes Glück besinnt,
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Die Seele fühlt sich recht erbauet,
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Wie wenn der Frühling neu beginnt.

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Da sieht sie viele schöne Knaben,
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Die reiten unten durch den Wind,
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Möcht manchen gern im Arme haben,
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Hüt dich, hüt dich, du armes Kind!

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Da ziehn manch redliche Gesellen,
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Die sagen: »Hast nicht Geld, noch Haus,
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Wir fürchten deine Augen helle,
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Wir haben nichts zum Hochzeitsschmaus.«

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Von andern tut sie sich wegdrehen,
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Weil keiner ihr so wohl gefällt,
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Die müssen traurig weitergehen,
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Und zögen gern ans End der Welt.

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Da sagt sie: »Was hilft mir mein Sehen,
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Ich wünscht, ich wäre lieber blind,
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Da alle furchtsam von mir gehen,
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Weil gar so schön mein' Augen sind.« –

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Nun sitzt sie hoch auf lichtem Schlosse,
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In schöne Kleider putzt sie sich,
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Die Fenster glühn, sie winkt vom Schlosse,
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Die Sonne sinkt, das blendet dich.

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Die Augen, die so furchtsam waren,
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Die haben jetzt so freien Lauf,
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Fort ist das Kränzlein aus den Haaren,
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Und hohe Federn stehn darauf.

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Das Kränzlein ist herausgerissen,
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Ganz ohne Scheu sie mich anlacht;
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Geh du vorbei: sie wird dich grüßen,
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Winkt dir zu einer schönen Nacht. –

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Da sieht sie die Gesellen wieder,
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Die fahren unten auf dem Fluß,
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Es singen laut die lust'gen Brüder,
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So furchtbar schallt des einen Gruß:

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»was bist du für 'ne schöne Leiche!
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So wüste ist mir meine Brust,
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Wie bist du nun so arm, du Reiche,
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Ich hab an dir nicht weiter Lust!«

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Der Wilde hat ihr so gefallen,
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Laut schrie sie auf bei seinem Gruß,
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Vom Schloß möcht sie herunterfallen,
48
Und unten ruhn im kühlen Fluß. –

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Sie blieb nicht länger mehr da oben,
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Weil alles anders worden war,
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Vor Schmerz ist ihr das Herz erhoben,
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Da ward's so kalt, doch himmlisch klar.

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Da legt sie ab die goldnen Spangen,
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Den falschen Putz und Ziererei,
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Aus dem verstockten Herzen drangen
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Die alten Tränen wieder frei.

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Kein Stern wollt nicht die Nacht erhellen,
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Da mußte die Verliebte gehn,
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Wie rauscht der Fluß! die Hunde bellen,
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Die Fenster fern erleuchtet stehn.

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Nun bist du frei von deinen Sünden,
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Die Lieb zog triumphierend ein,
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Du wirst noch hohe Gnade finden,
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Die Seele geht in Hafen ein.

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Der Liebste war ein Jäger worden,
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Der Morgen schien so rosenrot,
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Da blies er lustig auf dem Horne,
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Blies immerfort in seiner Not.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph von Eichendorff
(17881857)

* 10.03.1788 in Ratibor, Oberschlesien, † 26.11.1857 in Neisse, Oberschlesien

männlich, geb. Eichendorff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

bedeutender Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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