Die stille Gemeinde

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Joseph von Eichendorff: Die stille Gemeinde (1835)

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Von Bretagnes Hügeln, die das Meer
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Blühend hell umsäumen,
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Schaute ein Kirchlein trostreich her
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Zwischen uralten Bäumen.

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Das Kornfeld und die Wälder weit
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Rauschten im Sonntagsglanze,
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Doch keine Glocken klangen heut
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Vom grünen Felsenkranze.

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Denn auf des Kirchhofs schatt'gem Grund
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Die Jakobiner saßen,
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Ihre Pferde alle Blumen bunt
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Von den Grabeshügeln fraßen.

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Sie hatten am Kreuz auf stiller Höh
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Feldflasch und Säbel hangen,
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Derweil sie, statt des Kyrie,
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Die Marseillaise sangen.

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Ihr Hauptmann aber lehnt' am Baum,
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Todmüde von schweren Wunden,
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Und schaute wie im Fiebertraum
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Nach dem tiefschwülen Grunde.

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Er sprach verwirrt: »Da drüben stand
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Des Vaters Schloß am Weiher,
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Ich selbst steckt's an; das war ein Brand,
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Der Freiheit Freudenfeuer!

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Ich seh ihn noch: wie durch den Sturm
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Zwischen den feur'gen Zungen
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Mein stolzer Vater da vom Turm
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Sein Banner hat geschwungen.

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Und als es war entlaubt vom Brand,
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Die Fahn im Wind zerflogen:
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Den Schaft als Kreuz nun in der Hand
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Teilt' er die Flammenwogen.

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Er sah so wunderbar auf mich,
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Ich konnt ihn nicht ermorden –
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Da sank die Burg, er wandte sich
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Und ist ein Pfaff geworden.

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Seitdem hör ich in Träumen schwer
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Von ferne Glocken gehen
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Und seh in rotem Feuermeer
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Ein Kreuz allnächtlich stehen.

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Es sollen keine Glocken gehn,
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Die Nächte zu verstören,
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Kein Kreuz soll mehr auf Erden stehn,
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Um Narren zu betören!

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Und dieses Kirchlein hier bewacht,
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Sie sollen nicht Messe singen,
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Wir reißen's nieder über Nacht,
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Licht sei, wohin wir dringen!« –

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Und als die Nacht schritt leis daher,
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Der Hauptmann stand am Strande,
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So still im Wald, so still das Meer,
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Nur die Wachen riefen im Lande.

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Im Wind die Glock von selbst anschlug,
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Da wollt ein Hauch sich heben,
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Wie unsichtbarer Engel Flug,
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Die übers Wasser schweben.

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Nun sieht er auch im Meere fern
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Ein Lichtlein hell entglommen;
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Er dacht, wie ist der schöne Stern
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Dort in die Flut gekommen?

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Am Ufer aber durch die Nacht
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In allen Felsenspalten
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Regt sich's und schlüpft es leis und sacht,
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Viel dunkle, schwanke Gestalten.

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Nur manchmal von den Buchten her
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Schallt Ruderschlag von weitem,
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Auf Barken lautlos in das Meer
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Sie nach dem Stern hin gleiten.

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Der wächst und breitet sich im Nahn
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Und streift mit Glanz die Wellen,
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Es ist ein kleiner Fischerkahn,
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Den Fackeln mild erhellen.

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Und einsam auf des Schiffleins Rand
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Ein Greis kommt hergezogen
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In wunderbarem Meßgewand
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Als wie der Hirt der Wogen.

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Die Barken eine weite Rund
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Dort um den Hirten machen,
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Der laut nun überm Meeresgrund
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Den Segen spricht im Nachen.

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Da schwieg der Wind und rauscht' das Meer
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So wunderbare Weise,
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Und auf den Knien lag ringsher
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Die stille Gemeinde im Kreise.

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Und als er das Kreuz hob in die Luft,
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Hoch zwischen die Fackeln trat er –
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Den Hauptmann schauert im Herzensgrund,
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Es war sein alter Vater.

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Da taumelt' er und sank ins Gras
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Betend im stillen Grunde,
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Und wie Felsenquellen im Frühling brach
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Sein Herzblut aus allen Wunden.

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Und als die Gesellen kommen zum Strand,
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Einen toten Mann sie finden –
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Voll Graun sie sprengen fort durchs Land,
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Als jagt' sie der Tod in den Winden.

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Die stürzten sich in den Krieg so weit,
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Sie sind verweht und zerstoben,
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Das Kirchlein aber steht noch heut
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Unter den Linden droben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph von Eichendorff
(17881857)

* 10.03.1788 in Ratibor, Oberschlesien, † 26.11.1857 in Neisse, Oberschlesien

männlich, geb. Eichendorff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

bedeutender Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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