Die verlorene Braut

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Joseph von Eichendorff: Die verlorene Braut (1822)

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Vater und Kind gestorben
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Ruhten im Grabe tief,
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Die Mutter hatt erworben
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Seitdem ein ander Lieb.

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Da droben auf dem Schlosse
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Da schallt das Hochzeitsfest,
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Da lacht's und wiehern Rosse,
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Durchs Grün ziehn bunte Gäst.

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Die Braut schaut' ins Gefilde
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Noch einmal vom Altan,
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Es sah so ernst und milde
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Sie da der Abend an.

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Rings waren schon verdunkelt
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Die Täler und der Rhein,
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In ihrem Brautschmuck funkelt
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Nur noch der Abendschein.

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Sie hörte Glocken gehen
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Im weiten, tiefen Tal,
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Es bracht der Lüfte Wehen
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Fern übern Wald den Schall.

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Sie dacht: »O falscher Abend!
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Wen das bedeuten mag?
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Wen läuten sie zu Grabe
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An meinem Hochzeitstag?«

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Sie hört' im Garten rauschen
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Die Brunnen immerdar,
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Und durch der Wälder Rauschen
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Ein Singen wunderbar.

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Sie sprach: »Wie wirres Klingen
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Kommt durch die Einsamkeit,
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Das Lied wohl hört ich singen
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In alter, schöner Zeit.«

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Es klang, als wollt sie's rufen
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Und grüßen tausendmal –
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So stieg sie von den Stufen,
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So kühle rauscht' das Tal.

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So zwischen Weingehängen,
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Stieg sinnend sie ins Land
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Hinunter zu den Klängen,
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Bis sie im Walde stand.

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Dort ging sie, wie in Träumen,
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Im weiten, stillen Rund,
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Das Lied klang in den Bäumen,
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Von Quellen rauscht' der Grund. –

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Derweil von Mund zu Munde
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Durchs Haus, erst heimlich sacht,
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Und lauter geht die Kunde:
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Die Braut irrt in der Nacht!

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Der Bräut'gam tät erbleichen,
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Er hört im Tal das Lied,
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Ein dunkelrotes Zeichen
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Ihm von der Stirne glüht.

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Und Tanz und Jubel enden,
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Er und die Gäst im Saal,
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Windlichter in den Händen,
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Sich stürzen in das Tal.

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Da schweifen rote Scheine,
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Schall nun und Rosseshuf,
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Es hallen die Gesteine
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Rings von verworrnem Ruf.

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Doch einsam irrt die Fraue
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Im Walde schön und bleich,
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Die Nacht hat tiefes Grauen,
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Das ist von Sternen so reich.

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Und als sie war gelanget
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Zum allerstillsten Grund,
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Ein Kind am Felsenhange
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Dort freundlich lächelnd stund.

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Das trug in seinen Locken
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Einen weißen Rosenkranz,
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Sie schaut' es an erschrocken
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Beim irren Mondesglanz.

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»solch Augen hat das meine,
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Ach meines bist du nicht,
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Das ruht ja unterm Steine,
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Den niemand mehr zerbricht.

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Ich weiß nicht, was mir grauset,
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Blick nicht so fremd auf mich!
79
Ich wollt, ich wär zu Hause.« –
80
»nach Hause führ ich dich.«

81
Sie gehn nun miteinander,
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So trübe weht der Wind,
83
Die Fraue sprach im Wandern:
84
»ich weiß nicht, wo wir sind.

85
Wen tragen sie beim Scheine
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Der Fackeln durch die Schluft?
87
O Gott, der stürzt' vom Steine
88
Sich tot in dieser Kluft!«

89
Das Kind sagt: »Den sie tragen,
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Dein Bräut'gam heute war,
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Er hat meinen Vater erschlagen,
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's ist diese Stund ein Jahr.

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Wir alle müssen's büßen,
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Bald wird es besser sein,
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Der Vater läßt dich grüßen,
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Mein liebes Mütterlein.«

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Ihr schauert's durch die Glieder:
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»du bist mein totes Kind!
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Wie funkeln die Sterne nieder,
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Jetzt weiß ich, wo wir sind.« –

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Da löst' sie Kranz und Spangen,
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Und über ihr Angesicht
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Perlen und Tränen rannen,
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Man unterschied sie nicht.

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Und über die Schultern nieder
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Rollten die Locken sacht,
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Verdunkelnd Augen und Glieder,
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Wie eine prächtige Nacht.

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Ums Kind den Arm geschlagen,
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Sank sie ins Gras hinein –
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Dort hatten sie erschlagen
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Den Vater im Gestein.

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Die Hochzeitsgäste riefen
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Im Walde auf und ab,
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Die Gründe alle schliefen,
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Nur Echo Antwort gab.

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Und als sich leis erhoben
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Der erste Morgenduft,
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Hörten die Hirten droben
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Ein Singen in stiller Luft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph von Eichendorff
(17881857)

* 10.03.1788 in Ratibor, Oberschlesien, † 26.11.1857 in Neisse, Oberschlesien

männlich, geb. Eichendorff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

bedeutender Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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