Der Reitersmann

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Joseph von Eichendorff: Der Reitersmann (1810)

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Hoch über den stillen Höhen
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Stand in dem Wald ein Haus,
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Dort war's so einsam zu sehen
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Weit übern Wald hinaus.

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Drin saß ein Mädchen am Rocken
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Den ganzen Abend lang,
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Der wurden die Augen nicht trocken,
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Sie spann und sann und sang:

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»mein Liebster, der war ein Reiter,
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Dem schwur ich Treu bis in Tod,
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Der zog über Land und weiter,
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Zu Krieges Lust und Not.

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Und als ein Jahr war vergangen,
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Und wieder blühte das Land,
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Da stand ich voller Verlangen
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Hoch an des Waldes Rand.

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Und zwischen den Bergesbogen,
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Wohl über den grünen Plan,
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Kam mancher Reiter gezogen,
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Der meine kam nicht mit an.

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Und zwischen den Bergesbogen,
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Wohl über den grünen Plan,
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Ein Jägersmann kam geflogen,
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Der sah mich so mutig an.

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So lieblich die Sonne schiene,
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Das Waldhorn scholl weit und breit,
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Da führt' er mich in das Grüne,
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Das war eine schöne Zeit! –

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Der hat so lieblich gelogen
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Mich aus der Treue heraus,
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Der Falsche hat mich betrogen,
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Zog weit in die Welt hinaus.«

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Sie konnte nicht weitersingen,
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Vor bitterem Schmerz und Leid,
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Die Augen ihr übergingen
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In ihrer Einsamkeit.

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Die Muhme, die saß beim Feuer
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Und wärmte sich am Kamin,
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Es flackert' und sprüht' das Feuer,
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Hell über die Stube es schien.

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Sie sprach: »Ein Kränzlein in Haaren,
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Das stünde dir heut gar schön,
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Willst draußen auf dem See nicht fahren?
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Hohe Blumen am Ufer dort stehn.«

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»ich kann nicht holen die Blumen,
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Im Hemdlein weiß am Teich
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Ein Mädchen hütet die Blumen,
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Die sieht so totenbleich.«

49
»und hoch auf des Sees Weite,
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Wenn alles finster und still,
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Da rudern zwei stille Leute, –
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Der eine dich haben will.«

53
»sie schauen wie alte Bekannte,
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Still, ewig stille sie sind.
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Doch einmal der eine sich wandte,
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Da faßt' mich ein eiskalter Wind. –

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Mir ist zu wehe zum Weinen –
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Die Uhr so gleichförmig pickt,
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Das Rädlein, das schnurrt so in einem,
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Mir ist, als wär ich verrückt. –

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Ach Gott! wann wird sich doch röten
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Die fröhliche Morgenstund!
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Ich möchte hinausgehn und beten,
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Und beten aus Herzensgrund!

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So bleich schon werden die Sterne,
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Es rührt sich stärker der Wald,
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Schon krähen die Hähne von ferne,
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Mich friert, es wird so kalt!

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Ach, Muhme! was ist Euch geschehen?
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Die Nase wird Euch so lang,
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Die Augen sich seltsam verdrehen –
72
Wie wird mir vor Euch so bang!«

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Und wie sie so grauenvoll klagte,
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Klopft's draußen ans Fensterlein,
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Ein Mann aus der Finsternis ragte,
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Schaut' still in die Stube herein.

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Die Haare wild umgehangen,
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Von blutigen Tropfen naß.
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Zwei blutige Streifen sich schlangen,
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Wie Kränzlein, ums Antlitz blaß.

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Er grüßt' sie so fürchterlich heiter,
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Seine Braut wohl heißet er sie,
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Da kannt sie mit Schaudern den Reiter,
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Fällt nieder auf ihre Knie.

85
Er zielt' mit dem Rohre durchs Gitter
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Auf die schneeweiße Brust hin;
87
»ach, wie ist das Sterben so bitter,
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Erbarm dich, weil ich so jung noch bin!« –

89
Stumm blieb sein steinerner Wille,
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Es blitzte so rosenrot,
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Da wurd es auf einmal stille
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Im Walde und Haus und Hof. –

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Frühmorgens da lag so schaurig
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Verfallen im Walde das Haus,
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Ein Waldvöglein sang so traurig,
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Flog fort über den See hinaus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph von Eichendorff
(17881857)

* 10.03.1788 in Ratibor, Oberschlesien, † 26.11.1857 in Neisse, Oberschlesien

männlich, geb. Eichendorff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

bedeutender Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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