Die Brautfahrt

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Joseph von Eichendorff: Die Brautfahrt (1814)

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Durch des Meeresschlosses Hallen
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Auf bespültem Felsenhang,
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Weht der Hörner festlich Schallen;
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Froher Hochzeitgäste Drang,
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Bei der Kerzen Zauberglanze,
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Wogt im buntverschlungnen Tanze.

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Aber an des Fensters Bogen,
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Ferne von der lauten Pracht,
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Schaut der Bräut'gam in die Wogen
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Draußen in der finstern Nacht,
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Und die trunknen Blicke schreiten
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Furchtlos durch die öden Weiten.

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»lieblich«, sprach der wilde Ritter
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Zu der zarten, schönen Braut,
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»lieblich girrt die sanfte Zither –
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Und der Wogen dumpfes Brausen
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Hebt das Herz in kühnem Grausen.

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Ich kann hier nicht müßig lauern,
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Treiben auf dem flachen Sand,
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Dieser Kreis von Felsenmauern
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Hält mein Leben nicht umspannt;
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Schönre Länder blühen ferne,
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Das verkünden mir die Sterne.

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Du mußt glauben, du mußt wagen,
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Und, den Argonauten gleich,
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Wird die Woge fromm dich tragen
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In das wunderbare Reich;
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Mutig streitend mit den Winden,
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Muß ich meine Heimat finden!

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Siehst du, heißer Sehnsucht Flügel,
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Weiße Segel dort gespannt?
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Hörst du tief die feuchten Hügel
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Schlagen an die Felsenwand?
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Das ist Sang zum Hochzeitsreigen –
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Willst du mit mir niedersteigen?

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Kannst du rechte Liebe fassen,
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Nun so frage, zaudre nicht!
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Schloß und Garten mußt du lassen
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Und der Eltern Angesicht –
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Auf der Flut mit mir alleine,
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Da erst, Liebchen, bist du meine!«

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Schweigend sieht ihn an die milde
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Braut mit schauerlicher Lust,
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Sinkt dem kühnen Ritterbilde
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Trunken an die stolze Brust:
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»dir hab ich mein Los ergeben,
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Schalte nun mit meinem Leben.«

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Und er trägt die süße Beute
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Jubelnd aus dem Schloß aufs Schiff,
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Drunten harren seine Leute,
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Stoßen froh vom Felsenriff;
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Und die Hörner leis verhallen,
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Einsam rings die Wogen schallen.

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Wie die Sterne matter blinken
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In die morgenrote Flut,
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Sieht sie fern die Berge sinken,
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Flammend steigt die hehre Glut,
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Überm Spiegel trunkner Wellen
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Rauschender die Segel schwellen.

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Monde steigen und sich neigen,
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Lieblich weht schon fremde Luft,
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Da sehn sie ein Eiland steigen
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Feenhaft aus blauem Duft,
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Wie ein farb'ger Blumenstreifen –
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Meerwärts fremde Vögel schweifen.

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Alle faßt ein freud'ges Beben –
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Aber dunkler rauscht das Meer,
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Schwarze Wetter schwer sich heben,
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Stille wird es ringsumher,
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Und nur freudiger und treuer
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Steht der Ritter an dem Steuer.

72
Und nun flattern wilde Blitze,
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Sturm rast um den Felsenriff,
74
Und von grimmer Wogen Spitze
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Stürzt geborsten sich das Schiff.
76
Schwankend auf des Mastes Splitter,
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Schlingt die Braut sich um den Ritter.

78
Und die Müde in den Armen,
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Springt er abwärts, sinkt und ringt,
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Hält den Leib, den blühend warmen,
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Bis er alle Wogen zwingt,
82
Und am Blumenstrand gerettet,
83
Auf das Gras sein Liebstes bettet.

84
»wache auf, wach auf, du Schöne!
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Liebesheimat ringsum lacht,
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Zaubrisch ringen Duft und Töne,
87
Wunderbarer Blumen Pracht
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Funkelt rings im Morgengolde –
89
Schau um dich! wach auf, du Holde!«

90
Aber frei von Lust und Kummer
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Ruht die liebliche Gestalt,
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Lächelnd noch im längsten Schlummer,
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Und das Herz ist still und kalt,
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Still der Himmel, still im Meere,
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Schimmernd rings des Taues Zähre.

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Und er sinkt zu ihr vor Schmerzen,
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Einsam in dem fremden Tal,
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Tränen aus dem wilden Herzen
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Brechen da zum erstenmal,
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Und vor diesem Todesbilde
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Wird die ganze Seele milde.

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Von der langen Täuschung trennt er
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Schauernd sich – der Stolz entweicht,
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Die kein Segel hier erreicht,
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Und an echten Schmerzen ranken
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Himmelwärts sich die Gedanken.

107
Scharrt die Tote ein in Stille,
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Pflanzt ein Kreuz hoch auf ihr Grab,
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Wirft von sich die seidne Hülle,
110
Leget Schwert und Mantel ab,
111
Kleidet sich in rauhe Felle,
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Haut in Fels sich die Kapelle.

113
Überm Rauschen dunkler Wogen
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In der wilden Einsamkeit,
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Hausend auf dem Felsenbogen,
116
Ringt er fromm mit seinem Leid,
117
Hat, da manches Jahr entschwunden,
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Heimat, Braut und Ruh gefunden. –

119
Viele Schiffe drunten gehen
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An dem schönen Inselland,
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Sehen hoch das Kreuz noch stehen,
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Warnend von der Felsenwand;
123
Und des strengen Büßers Kunde
124
Gehet fromm von Mund zu Munde.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph von Eichendorff
(17881857)

* 10.03.1788 in Ratibor, Oberschlesien, † 26.11.1857 in Neisse, Oberschlesien

männlich, geb. Eichendorff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

bedeutender Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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