Heimkehr

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Joseph von Eichendorff: Heimkehr (1810)

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Heimwärts kam ich spät gezogen
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Nach dem väterlichen Haus,
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Die Gedanken weit geflogen
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Über Berg und Tal voraus.
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»nur noch hier aus diesem Walde!«
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Sprach ich, streichelt sanft mein Roß,
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»goldnen Haber kriegst du balde,
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Ruhn wir aus auf lichtem Schloß.«

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»doch warum auf diesen Wegen
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Sieht's so still und einsam aus?
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Kommt denn keiner mir entgegen,
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Bin ich nicht mehr Sohn vom Haus?
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Kein' Hoboe hör ich schallen,
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Keine bunte Truppe mehr
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Seh ich froh den Burgpfad wallen –
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Damals ging es lust'ger her.«

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Über die vergoldten Zinnen
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Trat der Monden eben vor,
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»holla ho! ist niemand drinnen?
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Fest verriegelt ist das Tor.
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Wer will in der Nacht mich weisen,
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Von des Vaters Hof und Haus!«
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Mit dem Schwert hau ich die Eisen,
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Und das Tor springt rasselnd auf.

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Doch was seh ich! wüst, verfallen
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Zimmer, Hof und Bogen sind,
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Einsam meine Tritte hallen,
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Durch die Fenster pfeift der Wind.
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Alle Ahnenbilder lagen
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Glanzlos in den Schutt verwühlt,
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Und die Zither drauf, zerschlagen,
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Auf der ich als Kind gespielt.

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Und ich nahm die alte Zither,
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Trat ans Fenster voller Gras,
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Wo so ofte hinterm Gitter
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Sonst die Mutter bei mir saß:
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Gern mit Märlein mich erbaute,
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Daß ich still saß, Abendrot,
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Strom und Wälder fromm beschaute –
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»mutter, bist du auch schon tot?«

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So war ich in' Hof gekommen –
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Was ich da auf einmal sah,
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Hat den Atem mir benommen,
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Bleibt mir bis zum Tode nah:
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Aufrecht saßen meine Ahnen,
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Und kein Laut im Hofe ging,
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Eingehüllt in ihre Fahnen,
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Da im ewig stillen Ring.

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Und den Vater unter ihnen
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Sah ich sitzen an der Wand,
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Streng und steinern seine Mienen,
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Doch in tiefster Brust bekannt;
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Und in den gefaltnen Händen
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Hielt er ernst ein blankes Schwert,
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Tät die Blicke niemals wenden,
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Ewig auf den Stahl gekehrt.

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Da rief ich aus tiefsten Schmerzen:
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»vater, sprich ein einzig Wort,
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Wälz den Fels von deinem Herzen,
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Starre nicht so ewig fort!
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Was das Schwert mit seinem Scheinen,
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Rede, was dein Schauen will;
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Denn mir graust durch Mark und Beine,
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Wie du so entsetzlich still.« –

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Morgenleuchten kam geflogen,
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Und der Vater ward so bleich,
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Adler hoch darüber zogen
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Durch das klare Himmelreich,
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Und der Väter stiller Orden
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Sank zur Ruh in Ewigkeit,
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Steine, wie es lichte worden,
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Standen da im Hof zerstreut.

73
Nur der Degen blieb da droben
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Einsam liegen überm Grab;
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»sei denn Hab und Gut zerstoben,
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Wenn ich dich, du Schwert, nur hab!«
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Und ich faßt es. – Leute wühlten
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Übern Berg, hinab, hinauf,
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Ob sie für verrückt mich hielten –
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Mir ging hell die Sonne auf.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph von Eichendorff
(17881857)

* 10.03.1788 in Ratibor, Oberschlesien, † 26.11.1857 in Neisse, Oberschlesien

männlich, geb. Eichendorff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

bedeutender Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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