An die Dichter

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Joseph von Eichendorff: An die Dichter (1811)

1
Wo treues Wollen, redlich Streben
2
Und rechten Sinn der Rechte spürt,
3
Das muß die Seele ihm erheben,
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Das hat mich jedesmal gerührt.

5
Das Reich des Glaubens ist geendet,
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Zerstört die alte Herrlichkeit,
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Die Schönheit weinend abgewendet,
8
So gnadenlos ist unsre Zeit.

9
O Einfalt, gut in frommen Herzen,
10
Du züchtig schöne Gottesbraut!
11
Dich schlugen sie mit frechen Scherzen,
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Weil dir vor ihrer Klugheit graut.

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Wo findst du nun ein Haus, vertrieben,
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Wo man dir deine Wunder läßt,
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Das treue Tun, das schöne Lieben,
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Des Lebens fromm vergnüglich Fest?

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Wo findest du den alten Garten,
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Dein Spielzeug, wunderbares Kind,
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Der Sterne heil'ge Redensarten,
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Das Morgenrot, den frischen Wind?

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Wie hat die Sonne schön geschienen!
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Nun ist so alt und schwach die Zeit;
23
Wie stehst so jung du unter ihnen,
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Wie wird mein Herz mir stark und weit!

25
Der Dichter kann nicht mit verarmen;
26
Wenn alles um ihn her zerfällt,
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Hebt ihn ein göttliches Erbarmen –
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Der Dichter ist das Herz der Welt.

29
Den blöden Willen aller Wesen,
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Im Irdischen des Herren Spur,
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Soll er durch Liebeskraft erlösen,
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Der schöne Liebling der Natur.

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Drum hat ihm Gott das Wort gegeben,
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Das kühn das Dunkelste benennt,
35
Den frommen Ernst im reichen Leben,
36
Die Freudigkeit, die keiner kennt.

37
Da soll er singen frei auf Erden,
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In Lust und Not auf Gott vertraun,
39
Daß aller Herzen freier werden,
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Eratmend in die Klänge schaun.

41
Der Ehre sei er recht zum Horte,
42
Der Schande leucht er ins Gesicht!
43
Viel Wunderkraft ist in dem Worte,
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Das hell aus reinem Herzen bricht.

45
Vor Eitelkeit soll er vor allen
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Streng hüten sein unschuld'ges Herz,
47
Im Falschen nimmer sich gefallen,
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Um eitel Witz und blanken Scherz.

49
Oh, laßt unedle Mühe fahren,
50
O klingelt, gleißt und spielet nicht
51
Mit Licht und Gnad, so ihr erfahren,
52
Zur Sünde macht ihr das Gedicht!

53
Den lieben Gott laß in dir walten,
54
Aus frischer Brust nur treulich sing!
55
Was wahr in dir, wird sich gestalten,
56
Das andre ist erbärmlich Ding. –

57
Den Morgen seh ich ferne scheinen,
58
Die Ströme ziehn im grünen Grund,
59
Mir ist so wohl! – die's ehrlich meinen,
60
Die grüß ich all aus Herzensgrund!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Joseph von Eichendorff
(17881857)

* 10.03.1788 in Ratibor, Oberschlesien, † 26.11.1857 in Neisse, Oberschlesien

männlich, geb. Eichendorff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

bedeutender Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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