Daß ein heutiger Gottesgelehrter auch in der Vernunft und Weltweisheit stark seyn müsse

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Johann Christoph Gottsched: Daß ein heutiger Gottesgelehrter auch in der Vernunft und Weltweisheit stark seyn müsse (1733)

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Glück zu, berühmter Mann! und auserlesner Freund!
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Wie freudig bin ich doch, indem der Tag erscheint,
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Da deine Würde steigt! Nun hat mein altes Hoffen
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Durch deinen Doctorhut doch völlig eingetroffen.
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Besinne dich nur selbst, was ich dir oft gesagt,
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Wenn du mir den Verfall der Gründlichkeit geklagt,
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Der unsern Glauben schimpft. Wir sahen ganze Rotten
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Den hohen Inbegriff des Christenthums verspotten:
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Und gleichwohl schien die Zahl der Eifrer viel zu klein,
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Im Streiten ungeübt, an Waffen schwach zu seyn,
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Die es verfechten soll. Hier regten, von der Liebe
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Zur Gottsgelahrtheit, sich in mir die alten Triebe.
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Indessen war mir auch dein gründlicher Verstand,
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Der Sprachen Wissenschaft und muntrer Witz bekannt.
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Ich wußte, wie geübt dein süßer Mund im Lehren,
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Dein Kiel im Schreiben war, der Kirche Wohl zu mehren.
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So gieng denn schon vorlängst mein ganzer Wunsch dahin:
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(du weist, gelehrter Freund! daß ich kein Schmäuchler bin.)
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Dich, werther
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Und unsers Glaubens Schutz, der Spötter Trotz zu nennen.

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Nunmehr trifft alles ein. Wir habens jüngst gehört,
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Was du zum Probestück und öffentlich gelehrt:
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Wie du von
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So bündig und gelehrt den seichten Grund gewiesen.
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Wir haben auch gesehn, wie du so meisterlich
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Den
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Ganz frevelhaft erkühnt, an Christi Wunderthaten
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Die Schwäche des Gehirns und Witzes zu verrathen.
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O! dacht ich, dieses thun die Waffen der Vernunft;
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Als deren Uebung ihm in unsrer Weisen Zunft
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So vielen Ruhm gebracht. Man kennt schon
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Man lobt die Gründlichkeit in jedem seiner Werke;
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Die Kenntniß der Natur, des Geistes und der Welt,
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Des Schöpfers, dessen Kraft sie schaffet und erhält;
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Die schnelle Fertigkeit im Denken und Erweisen,
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Und was wir sonst an ihm, seit vielen Jahren, preisen.
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Das alles steht ihm bey, das hat ihn stark gemacht,
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Daß er der Feinde Spott in Sicherheit verlacht;
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Der Glaubenslästrer Schwarm so ruhig widerleget,
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Und ihrer Zweifel Heer so leicht zu Boden schläget.

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So soll, so muß es gehn, wenn man den Glauben schützt!
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Hier hilft die Bibel nichts, die sonst so herrlich nützt,
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Wenn man mit Ketzern kämpft: denn deren freches Wagen
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Kann mancher starke Spruch gewaltig niederschlagen.
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Wer Gottes Wort erkennt, die Offenbarung ehrt,
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Des Geistes Sinn erforscht, die Männer Gottes hört,
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Der läßt sich durch die Kraft der Schrift am besten lenken;
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Da darf man außer ihr an keine Gründe denken.
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Wo aber die Vernunft sich selber Weihrauch streut,
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Die Schrift nicht hören will, von Vorurtheilen schreyt,
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Nur falsche Schlüsse macht, und aus vermeynten Gründen
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Die zweifelhafte Spur der Wahrheit sucht zu finden;
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Da muß ein Glaubensheld auch anders widerstehn;
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Er selbst muß in das Feld der Weisheitlehren gehn;
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Aus Quellen der Natur der Wahrheit Bäche leiten,
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Und die Vernünftler selbst aus der Vernunft bestreiten.

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Das fodert unsre Zeit, darinn sich jene Brut
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Der Spötter aufgemacht, die mit so frecher Wuth
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Des Glaubens Burg bestürmt. Es sind nicht Ketzereyen;
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Man will sich von dem Joch des Christenthums befreyen!
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Was
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Das wird gefährlicher von neuem auferweckt,
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Verstärket, ausgeputzt, ergänzet und vermehret:
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Dadurch wird hier und dar der Kirche Flor versehret.
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Denn was ein
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Was
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Was
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Das ist dem Christenthum zum Untergang ersonnen.
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Hingegen, was
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Das braucht itzt größre Kunst. So gar die gute Bahn,
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Die sonst
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Und die
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Der bündigste Beweis scheint itzo noch zu klein:
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Er soll noch gründlicher, ja unumstößlich seyn.
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So mußten endlich auch die Kirchenlehrer denken,
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Durch Regeln der Vernunft die Spötter einzuschränken.

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Dieß war schon
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In London, jedes Jahr, in diesem Glaubensstreit
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Ein Lehrer achtmal kämpft, die Wahrheit zu verfechten.
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Hier wußte
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So kämpfte
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Auch
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Wo bleibt ein
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Hier wies sich der Verstand in aufgeklärter Fülle!
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Die lauterste Vernunft verwarf der Thorheit Gift,
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Und rettete die Kraft und Göttlichkeit der Schrift.
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Die Weisheit schützte den, von welchem sie entsprossen,
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Und führte zu dem Quell, aus welchem sie geflossen.
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Der Schöpfer der Vernunft scheut ihre Prüfung nicht,
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Er haßt den Aberwitz, nicht des Verstandes Licht.
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Wer dieses recht gebraucht, der wird, aus guten Gründen,
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Den Weg zum Christenthum und zur Erleuchtung finden.

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Auf denn, gelehrter Freund! dieß Werk gehört für dich.
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Das Lutherthum steht fest, die Wahrheit freuet sich,
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Weil Leipzig dich erhöht, und dich auf größre Stuffen,
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Dem Glauben zum Gewinn, so feyerlich geruffen.
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Hast du nicht vormals schon in Schriften dargethan,
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Daß die Philosophie den Ketzern steuren kann?
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Itzt fährst du weiter fort, und hilfst die Spöttereyen
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Der starkvermeynten Brut, durch die Vernunft, zerstreuen.
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Geselle dich demnach den großen Männern bey,
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Die solches längst gethan. Verwirf die Phantasey,
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Daß ein
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Die Weisheit, die Vernunft und das Naturlicht hassen,
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Ja ganz verschwören muß. Sey stets der Wahrheit Freund,
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Dem Aberglauben gram, und aller Spötter Feind.
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Dein Beyspiel mache wahr, daß wohlerwiesne Lehren
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Des Glaubens Aehnlichkeit auf keine Weise stören;
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Daß Gott, der Weisheit Brunn, kein Freund der Tyranney,
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Und unser Lutherthum kein Köhlerglaube sey,
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Dem Licht und Ordnung fehlt: so wird in späten Tagen
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Die wahre Kirche noch von deinem Ruhme sagen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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