Und endlich kömmt, o Freund! die schöne Zeit heran

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Johann Christoph Gottsched: Und endlich kömmt, o Freund! die schöne Zeit heran Titel entspricht 1. Vers(1733)

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Und endlich kömmt, o Freund! die schöne Zeit heran,
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Da Neid und Misgunst dich nicht länger hindern kann,
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Zum Kirchenlehreramt, dazu man dich beruffen,
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Dich eingeweiht zu sehn. Betritt nunmehr die Stuffen
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Des hohen Predigtstuhls, mit Eifer, Geist und Kraft.
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Es fehlt dir weder Muth, Verstand und Wissenschaft,
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Noch wahre Gottesfurcht; ob gleich die Feinde toben,
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Die durch ihr Lästermaul dich nur am schönsten loben.

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Beglückt ist, wer, wie du, der Schmähsucht Gift besiegt,
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Wenn seiner Unschuld Pracht ganz klar am Tage liegt.
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Beglückt! wer so, wie du, durch Großmuth überwunden,
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Was die Verläumdung auch für Lügen ausgefunden.
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Ich, dem die Poesie der Tugend Lob gebeut,
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Erinnre mich dabey der süßen Schuldigkeit,
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Die sie mir auferlegt. Ich soll nichts falsches dichten,
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Und mir durch Schmäucheley der Thoren Stolz verpflichten.
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Ich soll nicht ganz erstaunt vor kleinen Geistern stehn,
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Und was ich nie geglaubt, durch eiteln Ruhm erhöhn.
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Die Wahrheit winket mir, die Wahrheit, der ich diene,
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Wenn ich den Wahn der Welt zu stören mich erkühne.
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Ich weis, du siehest dieß mit muntern Sinnen an,
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Weil das, was dich nicht trifft, dich nicht verletzen kann.
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Wer sich getroffen fühlt, der mag sich kundbar machen;
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So kriegt die kluge Welt das Recht ihn auszulachen.

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Du wirst ein Geistlicher, und zwar zu einer Zeit,
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Da mancher, der sich auch dem Predigtstuhl geweiht,
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Die Hand vom Pfluge zieht: ein schreckliches Verbrechen!
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Wenn man den Pöbel hört sein altes Urtheil sprechen.
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Allein, wen wundert das, der auch nur halb bedenkt,
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Wie sehr die Mode schon die Kanzeln eingeschränkt,
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Und wie genau man sich, ein Aemtchen zu erhalten,
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Der eingeführten Art ganz ähnlich soll gestalten.
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Man redet hier, o Freund! von Glaubenslehren nicht,
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Die wahr und göttlich sind. Wer diesen widerspricht,
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Ist freylich selbst verkehrt. Man redet nicht von Kennern
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Der wahren Redekunst, als hochgelehrten Männern,
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Die unsers Sachsens Schmuck, der Kirchen Ehre sind:
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Wer diese schelten will, ist selbst aus Thorheit blind,
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Ja vieler Strafe werth. Man redet nur von Moden,
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Die Menschenwitz erdacht, und künstlichen Methoden.
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Die, die sind eine Last, die manche Schulter schreckt,
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Daß sie den Mantel flieht, der so viel Pein erweckt,
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Und unerträglich wird. Doch, ich kann alles sparen;
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Du, werthgeschätzter Freund! hast dieses selbst erfahren.

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Seit dem des Höchsten Geist, mit wunderbarer Kraft,
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Nicht mehr Propheten treibt, nicht mehr Apostel schafft;
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Seit dem die Sendung nicht unmittelbar geschiehet,
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Weil das geschriebne Wort allein die Herzen ziehet:
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Seit dieser ersten Welt muß Fleiß, Belesenheit,
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Der Sprachen Wissenschaft, und die Beredsamkeit
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Den frommen Lehrerstand, bey Bethen und bey Wachen,
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Zu der Gemeinen Dienst geschickt und tüchtig machen.
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Je weiter man es nun in diesen Stücken bringt,
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Je mehr man in den Schatz der Heiligthümer dringt,
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Je mehr man sich bemüht, die Wahrheit recht zu lehren,
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Um desto mehr ist auch ein solcher Mann zu ehren.
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Wer sein vertrautes Pfund nur redlich angelegt,
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Des Höchsten Weinberg baut, so, daß er Früchte trägt,
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Den darf kein fremder Knecht in seiner Arbeit schelten,
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Und dessen Sorgfalt muß, gleich andrer Diensten, gelten.

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Freund! dieß ist sonnenklar: allein, wer weis auch nicht,
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Daß hier der Eigensinn ein strenger Urtheil spricht?
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Was? heißt es, sollte sichs ein junger Mensch erkühnen,
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Und unsrer Kirche bloß nach eignem Kopfe dienen?
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Nein, Regeln aufgesetzt! darnach der Lehrerstand
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Sich hier und anderwärts, ja durch das ganze Land,
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Gebührend richten muß. Gesetze vorgeschrieben!
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Die Pflicht des Predigens nach gleicher Art zu üben.
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Methoden ausgedacht! darnach man jedermann
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Die Kanzelrednerkunst recht mühsam zeigen kann.
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Was bloß die Bibel sagt, was die Vernunft erfunden,
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Läßt junge Leute noch zu frey und ungebunden.
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Drum spanne man sie mehr ins Joch der Lehrart ein,
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Und wer sich nicht ergiebt, der soll nicht zünftig seyn.
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Entfernet jemand sich, so muß man ihn verdammen:
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Man bring ihn in Verdacht; nehm alle List zusammen,
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Bis er gestürzet ist. Dann sage man der Welt:
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Er sey in Meynungen und Lehren schlecht bestellt;
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Man hab ihn, als die Pest des Glaubens, zu vermeiden,
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Und müß ein faules Glied vom Kirchenkörper schneiden.

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Dieß ist der Lauf der Welt, gelehrtberedter Freund!
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Der oft noch ärger wird, als mancher glaubt und meynt:
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Zumal, wer so, wie du, sich nicht an Moden bindet,
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Und doch erbaulich lehrt, und doch viel Beyfall findet.
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Da flucht der Handwerksneid; da schilt er auf die Art,
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Darnach, als er studirt, noch nicht gepredigt ward;
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Nennt alles Neuerung, was sich von dem entfernet,
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Was er zu seiner Zeit, doch auch als neu, erlernet.
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Wie kömmt es, daß er schmählt? Wie kömmts, daß er dich haßt?
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Bloß, weil dein Schuh sich nicht auf seinen Leisten paßt;
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Bloß, weil dein Hut sich nicht auf seinen Kopf läßt drücken,
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Und deine Kleider sich auf seinen Rumpf nicht schicken.

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Du wundergroßer Mann! vergötterter
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Durch dessen grundgelehrt- beredt- und frommen Kiel
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Ein tröstlich Werk entstund. O
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Und du, gepriesner
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Ihr habt der rohen Welt die rechte Kunst gezeigt,
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Wie man recht bibelfest auf seine Kanzel steigt.
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Ihr unterdrücket fast die Menge der Postillen,
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Und lehrt die Predigten aus Liederbüchern füllen.
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Wer die mit Sprüchen mischt, darf weiter nichts verstehn,
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Als mit den Texten selbst methodisch umzugehn;
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Nach der Zergliederkunst sie künstlich zu zertrennen,
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Die Theile sonderbar und klappend zu benennen.
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Die Fragen, wer? und was? warum? und wie? und wo?
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Wodurch? und wenn? besehn; heißt
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Hierinn steckt alle Kunst!
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Und

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Du lachest, werther Freund! und das nicht ohne Grund:
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Doch sage mir einmal, ob jener güldne Mund,
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Nach deiner Meynung wohl ein Redner sey gewesen?
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Vermuthlich sprichst du ja, und alle Welt stimmt ein:
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Allein, verzeihe mirs, ich selber sage Nein!
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Ists möglich, daß man den mit Recht beredsam nennet,
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Der nicht das A.B.C. der
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Nein! Nein!
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Macht keinen Eingang hübsch, formirt kein
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Theilt solches niemals ab, kann nicht exegesiren;
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Weis nicht der Sylben Kraft im Grundtext nachzuspüren;
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Citirt die Sprüche nicht, und plaudert ungefähr
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Nur lauter Menschenwitz und eigne Worte her;
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Gebraucht, an statt der Schrift, die Redekunst der Heyden,
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Und pflegt das Christenthum ganz weltlich einzukleiden.
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Ist das ein
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Ich hab es auch gedacht, ich hab es auch gemeynt:
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Doch, als ich neulich selbst sein Predigtbuch gelesen;
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Nahm ich erstaunend wahr, daß er ein Kind gewesen.

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Noch mehr!
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Verdient den Lobspruch nicht, daß er die Lehrart kann.
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Zwar ist sein Vortrag stets voll Eifer, Geist und Leben,
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Wie seine Schriften noch das sichre Zeugniß geben.
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Er dringt durch Mark und Bein, er strafet, drohet, schreckt,
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Ermahnet, tröstet, warnt, ermuntert und erweckt:
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Allein, was hilft ihm das, wenn die Methode fehlet,
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Und jeder, der sie sucht, sich ganz vergebens quälet?
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Ach stünde
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Er gäbe ganz gewiß sein Feuer in den Kauf,
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Und nähme Regeln an. Er würde gern bekennen,
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Sein ganzes Predigen sey ein Geschwätz zu nennen:
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Er kaufte sich den
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Er würde
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Und ganze Jahre lang, nach hundert Arten, lernen,
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Sich künstlich von dem Sinn des Geistes zu entfernen.

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Du lebest itzt, o Freund! und thust es dennoch nicht.
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Was denkst du immermehr? Ach! drehe, wie man spricht,
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Denn jeder Kluge thuts, den Mantel nach dem Winde.
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Wie zürnet nicht bereits
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Daß sein Gewerbe fällt! Es stürmet auf dich zu
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Bedenke doch dein Glück! bedenke deine Ruh!
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Es kann dich mit der Zeit noch in der That gereuen;
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So bald die Zunft nur wird:

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Allein, ich sehe schon, du nimmst kein Warnen an,
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Weil dein beherzter Muth so leicht nicht zittern kann.
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Du schreibest gar ein Buch, und suchest einzuschärfen,
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Was
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Das heißt zu viel gewagt! Freund! hast du auch bedacht,
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Wie arm dieß Unterstehn dich an Erfindung macht?
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Wie matt wird künftig nicht dein kaltes
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Was nicht
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Denn man versteht es gleich, und hat die Freude nicht,
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Daß der gemeine Mann zu seinem Nachbar spricht:
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»das ist was artiges! das ist schwer auszuführen!
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Im Texte wenigstens ist nichts davon zu spüren.«
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Du guter Läye, du! was weist doch du davon?
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Ein rechter
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Wer wird sich so genau an Christi Worte binden?
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Man muß in jedem Text auch jedes
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Denn wäre dieses nicht; wie wär es auszustehn,
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Ein
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Und dennoch allezeit die längst bekannten Sachen,
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Durch wahren Wortverstand, beliebt und neu zu machen?
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Ein hübscher Ueberguß macht saure Speisen süß:
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Und Dank sey dem gesagt! der uns die Lehrart wies,
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Was in dem Texte fehlt, durch Kunst hinein zu bringen,
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Und was nicht fließen will, ein wenig zu erzwingen.
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Kein Jahrgang ist so schlecht, er giebt ein Muster ab,
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Wie artig man dem Text die neue Deutung gab.
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Ich weis, daß Paulus selbst sich oft im Engelorden
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Gewundert, wie sein Text so schön verstümmelt worden.

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Vergieb den freyen Scherz, mein
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Du weist es ohnedem, wie gut mein Herz es meynt:
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Ich kenne dein Verdienst, und ehrete dein Lehren,
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So oft es mir geglückt, dein Predigen zu hören.
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Dein Merseburg gewinnt, und wir verlieren viel:
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Doch unser Wünschen ist nicht stets des Himmels Ziel.
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Noch mehr, ich freute mich, so oft ich nur bedachte,
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Wie viel dein Unterricht geschickte Schüler machte.
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Ach! sprach ich bey mir selbst, der Mann wird ungemein,
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Wird unserm Leipzig einst ein andrer
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Er wird den bunten Kram der Kunstmethoden stören,
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Und die Beredsamkeit der alten Väter lehren;
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Die ungezwungen fließt, und voller Geist und Kraft,
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Verstand und Willen lenkt und tausend Nutzen schafft.
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Wie glücklich sind nicht die, die schon von dir gelernet,
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Wie löblich sich der Mund vom
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Der alles überschwemmt. Wiewohl ich hoffe noch!
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Wer weis, was bald geschieht? So kann dich Leipzig doch
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Auf seinem Lehrstuhl sehn. Kommt, kommt, erwünschte Zeiten!
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Und helft zu

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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