Der Donaustrom

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Johann Christoph Gottsched: Der Donaustrom (1733)

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So sey mir nun gegrüßt, du deutscher Tyberstrom!
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Empfange mich, auf deinem breiten Rücken!
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Und führe mich mit dir, und laß mich bald erblicken
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Der neuen Zeit erhabnes Rom!
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Ich strebte längst, die Kaiserstadt zu sehen,
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Die aller Deutschen Haupt, der Fremden Wunder ist:
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Itzt soll mein Wunsch, mein alter Wunsch geschehen,
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Wo du der Absicht günstig bist;
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Wo deine Silberfluth mich nur in wenig Tagen
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Aus Bayerland nach Wien will tragen.

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Laß ein verführtes Herz, das nur nach Frankreich lechzt,
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Bloß nach Paris, als seinem Himmel stöhnen.
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Laß sich der Stutzer Schaar nach Modeschneidern sehnen,
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Wie der nach deutschen Thalern ächzt!
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Schleppt immerhin die ungrischen Ducaten,
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Den Feinden Ungarlands, und aller Deutschen zu:
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Laßt Deutschlands Mark in fremde Faust gerathen,
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Zu Störung unsrer künftgen Ruh:
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Mich soll der Kaisersitz, den so viel Thoren fliehen,
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In die berühmten Mauren ziehen.

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Mich dünkt, du bist bereit, und lockest mich zu dir.
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Hier bin ich, komm! und laß uns weiter eilen!
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Das Schiff stößt wirklich ab; du willst dich nicht verweilen:
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Und beyde Brücken fliehn vor mir.
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Ich seh den
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Darein du dich zertheilt, umarmest und umringst.
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Nun kannst du dich gedoppelt breiter zeigen,
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Da du dein ganzes Wasser bringst;
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Und, desto schöner noch mit starker Fluth zu prangen,
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Des

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Das große
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Der Thürme Pracht scheint nach und nach zu sinken.
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Das
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Wo mirs an Wollust nicht gebrach.
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Sein Büchersaal ist des Prälaten Ehre,
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Der prangt mit altem Witz und neuer Schätze Pracht.
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Sein stolzer Bau giebt jeder Stadt die Lehre:
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Daß Bauen Glanz und Ansehn macht.
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Und wird dieß Stift vollführt, so wird die Nachwelt lesen,
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Wie groß sein Bauherr itzt gewesen.

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Ich seh den alten
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Nach Gothenart, ein Wunderbau geheißen.
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Die Zeit, so stark sie ist, konnt ihn nicht niederreißen;
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Weil er zu fest gegründet war.
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Wo bleiben noch der andern Klöster Tempel;
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Und die gedritte Zahl, wo unsre Brüder flehn?
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Die alle blühn; zum deutlichen Exempel,
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Daß beyder Andacht kann bestehn;
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Daß Christen beyder Art, beysammen friedlich blühen,
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Wenn sie der Bürger Pflicht vollziehen.

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Ihr habt mir noch die alte Gunst erwiesen.
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Die Freundschaft Eurer Brust wird stets von mir gepriesen,
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Die ich ganz unverändert fand.
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Was sag ich Euch,
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Die
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Ihr schützt das Recht des Volks der Protestanten,
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Die man so eifrig unterdrückt.
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Der Himmel fördre stets das Werk von Euren Händen!
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Und helf es, uns zum Schutz, vollenden!

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Was seh ich dort vor mir? Das hohe
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Ein festes Schloß, die
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Es hatte vor der Zeit fast keines seines gleichen:
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Doch hub der Krieg dieß Vorrecht auf.
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Als
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Und durch sein siegend Schwert das ganze Reich durchdrang,
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Zerbrach er das, was ihm nicht ferner nützte.
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So spielt des harten Schicksals Zwang!
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Der, was der Menschen Hand seit langer Zeit verehret,
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Wenn seine Stunde kömmt, zerstöret.

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Du selbst berühmter Strom, kannst hier ein Zeuge seyn:
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Warst du nicht sonst die Brustwehr deutscher Lande?
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Und trugst du gleich einmal der Knechtschaft harte Bande,
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Bliebst du doch freyer, als der Rhein.
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Ein siegend Volk von unbezwungnen Gothen
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Kömmt vom Euxin herauf, und schützet deinen Strand,
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Hat alle Macht des Nordens aufgebothen,
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Und stürzet in der Römer Land;
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Und rächt den bittern Schimpf, der Deutschland sonst beschweret,
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Indem es Wälschland selbst verheeret.

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Was zeigt mir linkerhand dieß halb umschloßne Thal?
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Ists
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Ja, ja, ich seh es schon, mit sehnlicher Begierde,
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Und lobe seiner Thürme Zahl.
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Der Straßen Bau, die Lebensart der Leute,
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Verkündigt mir gewiß ein gutes Nachtquartier.
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Der Ort ward nicht des letzten Krieges Beute,
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Die tapfern Schützen fochten hier.
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Kein Haus ist hier versehrt, kein Tempel ward verletzet,
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So sehr man Straubing zugesetzet.

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Du armes
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Als sich der Krieg in Bayern angesponnen.
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Der Feind hat dich umringt, belagert und gewonnen,
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Land, Thürm' und Tempel zeigens mir.
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Wie kläglich tobt der Menschen Lust zum Morden!
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Was wirkt die Kriegswuth nicht, wenn sie einmal entbrannt?
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Sie schonet nichts, was kaum erbauet worden,
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Und stürzt das Volk in Jammerstand.
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Viel Jahre werden hier, ihr ungerechten Lilgen!
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Nicht eurer Herrschsucht Spuren tilgen.

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Berühmter
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Du kömmst herab von Münchens edlen Höhen.
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Durch deinen Freundschaftsbund mußt unsre Lust entstehen,
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Vermehrte deine Freude sich.
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Ist Sachsens Augenlust und deines Ufers Preis!
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Wie huldreich ist die Großmuth Ihrer Jugend!
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Wovon ich selbst die Proben weis;
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Hat
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Seit sie Dein Churfürst heimgeführet?

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Verbrannter
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Wie sehr der Krieg nicht längst bey dir getobet.
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Der Donau, seiner Fürstinn, ein.
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Nun thürmen sich auf beyden Seiten Berge,
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Des breiten Stromes Fluth fließt eingeschränkter fort.
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So sah man sonst die Schlösser kleiner Zwerge,
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Und dichtete so manchen Ort,
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Wo Ries' und Helden sich durch kühnes Unterfangen
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Im felsigten Gebirg vergangen.

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Fürst
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Beherrschten so der Alpen tiefste Gründe.
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Tyrol und Steuermark bewahrten solche Schlünde,
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Als itzt kein Mensch zu finden weis.
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Weg Fabelwerk! an diesen rohen Felsen
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Stehn gleichwohl hin und her noch Hütten angeklebt;
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Darinn ein Volk mit Kröpfen an den Hälsen,
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Vergnügt in seinem Jammer lebt.
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Es kennt den Rest der Welt auch kaum vom Hörensagen:
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Wie könnt es sonst sein Nest ertragen?

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Beglücktes Gemsenvolk! du weist nicht, was die Stadt
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Für Noth und Angst, bey ihrer Schönheit heget:
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Dir wird kein falsches Geld, zu deiner Quaal, gepräget,
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Das weder Werth noch Ansehn hat.
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Dich plagt kein Geiz, der Wucher ist verbannet;
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Die Ehrsucht quält dich nicht, bey Hofe groß zu seyn:
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Du wirst ins Joch der Großen nicht gespannet,
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Und machst auch keinen Großen klein.
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Ein Berg verstecket dich. Was ist dein Weltgetümmel?
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Dein Fels, die Donau und der Himmel.

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So scheints: doch scheints auch nur. Wie elend lebt ein Mann,
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Den die Gestalt kaum läßt zu Menschen zählen?
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Wie viel gebricht ihm nicht, was sonder Gram und Quälen
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Uns die Gesellschaft liefern kann?
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Er lernt nicht sich, nicht andre Leute kennen.
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Sein Gott, wird jeder Klotz, vor dem er murmelnd kniet;
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Den Heiligen weis er oft nicht zu nennen,
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Den er mit dummer Ehrfurcht sieht.
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Wie will er, als ein Christ, das höchste Wesen ehren,
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Das niemand ihn will kennen lehren?

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Dort zeigt sich
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Sein Cardinal verdient der Bürger Liebe.
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Er drückt die Armen nicht, und folget keinem Triebe,
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Der ihre Quaal zur Wirkung hat.
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Kein Schwelgen, Spiel, kein Jagen und Stolzieren,
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In Kleidung und Gefolg, erschöpft des Landes Mark.
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Sein schöner Dom kann Aug und Herzen rühren,
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Und ist an alter Baukunst stark.
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Der
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Um ihre Fluth mehr aufzuschwellen.

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Wo bleibt der
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Ein seltner Schatz, den er dem Bischof reichet!
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Die Elster gleichet ihm, die Meißens Flur durchstreichet,
161
Wo sie bey Plauen sich ergeußt.
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O Deutschland! sey auf deinen Reichthum stölzer!
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Was fehlt dir ferner noch an Glück und Ueberfluß?
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Dein Boden zinst Metalle, Marmor, Hölzer,
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Die manches Land erborgen muß;
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Wild, Viehzucht, Ackerbau, und reiche Fischereyen,
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Die dich mit Perlen auch erfreuen.

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Nun fleußt die Donau schnell, und breitet ihren Strand
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Gedoppelt aus, wenns Berg und Fels gestatten:
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Zuweilen tritt sie auch in dichter Wälder Schatten,
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Wo ihre Fluth den Durchgang fand.
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Bald schweift sie auch in angenehmen Auen,
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Wo sich das Augenlicht an weiter Aussicht labt;
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Wo
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Womit es die Natur begabt;
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Die ungeschmolzner Schnee das ganze Jahr bedecket,
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Und deren Anblick schon erschrecket.

178
Was mir die Donau wies, sind Zwerge gegen euch,
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Ihr aber gleicht den ungeheuren Riesen!
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Da eure Gipfel sich zehn Meilen weit gewiesen,
181
Seyd ihr dem steilen Blocksberg gleich.
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Doch, da das Mark von euren Eingeweiden
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An Erzten, Zinn und Bley und Eisen fruchtbar ist;
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So mögt ihr euch von unsern Tiefen scheiden,
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Bis euch die höchste Wolke küßt!
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Mein Weg führt mich, Gottlob! nicht über eure Spitzen,
187
Auch nicht durch eurer Thäler Ritzen.

188
Das
189
O
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Man sieht der schönen Stadt erhabne Zinnen glänzen,
191
Und ihre Brücke zeigt sich hier.
192
Ein bärtig Volk, nach Art der alten Zeiten,
193
Umringt mein volles Schiff an ihren Ufern schon.
194
Der Mautner Schaar durchsuchts an allen Seiten,
195
Und spricht verbothnem Handel Hohn.
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So scheint die Donau mir, bey Inseln, Bergen, Schlössern,
197
Den Schauplatz immer zu vergrößern.

198
Die
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Man sieht die Stadt, der sie den Namen giebet.
200
Die Flur verschönert sich, die auch der Adel liebet,
201
Dem sie die schönsten Sitze gab.
202
Du
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Dein Schloß liegt ungemein und übersieht den Fluß.
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Der Wirbel nur mit seinen schnellen Kreisen
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Macht, daß man dich fast scheuen muß;
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Indem der starke Strom auf deine Felsen sprudelt,
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Und seitwärts in die Runde strudelt.

208
Der blöde Schiffer zagt, sein Steuermann ist bleich,
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Die Reisenden bedroht der Wellen Sausen:
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Man hört von weitem schon die Fluth auf Steinen brausen.
211
Und näher schreckt der Blick zugleich.
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Hier steht ein Fels, um dessen scharfe Spitzen
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Der Strom jahraus jahrein mit wildem Strudel schäumt.
214
Der weiße Jäscht beginnt empor zu sprützen,
215
Wenn sich die nächste Welle bäumt:
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Doch Klugheit und Geschick, entziehn uns den Gefahren,
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Bevor wir recht erschrocken waren.

218
Wer keine See gesehn, der fürchtet hier den Tod;
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Wenn Fluth und Schaum sich etwas lebhaft zeigen.
220
Doch wer dich,
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Der sieht allhier noch keine Noth.
222
Und sollt ein Schiff, im Wirbel sich zerschmettern;
223
Des nahen Ufers Rand erhält mein Leben schon.
224
Wer rettet sich im Schiffbruch, als auf Brettern?
225
Wer spricht wohl da den Stürmen Hohn?
226
Hier kann mein langer Kahn den Strudel leicht bezwingen:
227
Dort muß das größte Kriegsschiff springen.

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Was sag ich von dem Schloß, das die von
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Und weiter her,
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Wer diese Gegend sieht, der kann sie nicht vergessen,
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Als aller Klugen Augenmerk.
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Ihr Klöster! ihr, die ihr an so viel Stellen,
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Pallästen ähnlich seht, und halbe Wunder zeigt!
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Besonders du, um das mit treuen Wellen,
235
Der Donaustrom sich schmiegend beugt;
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O Mölk! dein hoher Bau beschämet Fürstenhäuser,
237
Und regt den Neid erhabner Kaiser.

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O sollt ich dich doch auch mit eifriger Begier,
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Von innen her durchwandern und betrachten!
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Wie hoch würd ich den Schatz der Alterthümer achten,
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Als deiner Mauren schönste Zier.
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Der Alten Witz lebt hier in tausend Büchern,
243
Und könnte meinem Geist ein süßes Labsal seyn.
244
Ein gleiches könnt ich mich von dir versichern,
245
O
246
Allein der schnelle Fluß, der mich vorüber führet,
247
Macht, daß mein Fuß kein Land berühret.

248
Du weiser Antonin, desgleichen keine Zeit
249
Noch auf dem Thron als Herrscher hat gesehen.
250
Mich dünkt, ich seh den Zug, der sonst von dir geschehen,
251
An Spuren deiner Menschlichkeit.
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Die
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Doch sah sie auch an dir die Weisheit, den Verstand;
254
Und ehrte stets bey fehlgeschlagnen Siegen,
255
Den Kiel in deiner klugen Hand:
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Der, wenn der Krieg dich gleich in Zelt und Harnisch brachte,
257
Im Lager dich geschäfftig machte.

258
Nun nimmt der Berge Grund des Bachus Leibtracht an,
259
Da wo sich
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Der Reben süße Frucht hängt schon auf schweren Zweigen,
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Und zeigt ein halbes Canaan.
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Der Boden sinkt und zeigt nun mildre Flächen,
263
Ein ungemeines Land an Lag und Fruchtbarkeit;
264
Der Donaustrom, statt seinen Lauf zu schwächen,
265
Verdoppelt seine Lüsternheit:
266
Und eilt viel schneller fort, auf meinem nassen Wagen,
267
Mich in den

268
In einer Stunde geht mein Lauf zwo Meilen fort:
269
Ein schnelles Roß kann kaum geschwinder eilen.
270
Es zeigt sich
271
Wir suchen einen andern Port.
272
Was seh ich dort mit seinen Kronen prangen?
273
Ach!
274
Mit was für Gegenden bist du, o
275
Ich seh die Thürme, die du hast!
276
Ihr Musen, itzt genug! Die Stadt will näher rücken:
277
Laßt künftig mir die Reime glücken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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