Ach, unser Vater stirbt! Es sinket Haupt und Herz

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Johann Christoph Gottsched: Ach, unser Vater stirbt! Es sinket Haupt und Herz Titel entspricht 1. Vers(1733)

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Ach, unser Vater stirbt! Es sinket Haupt und Herz;
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Die Glieder beben uns; o ungemeiner Schmerz!
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Verhängniß! halte still mit deinen Donnerschlägen;
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Sie sind für uns zu hart, o Herr! laß dich bewegen!
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Jedoch du hörest nicht. Man öffnet schon das Grab;
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Man senkt des Vaters Leib und unsre Lust hinab.
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O stürben wir mit ihm! so dürften unsre Klagen
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Ihn nicht voll Gram und Leid und Schmerz zu Grabe tragen.

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O zürnendes Geschick! warum bist du entbrannt?
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Und warum reißest du, mit zornerfüllter Hand,
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Nicht solche von der Welt, die durch verderbte Sitten,
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Fast stündlich Pflicht, Vernunft und Tugend überschritten?
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Die Gott ein Scheusal sind; die nur der Welt zur Qual,
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Den Frommen zum Verdruß, und ihrer Kinder Zahl
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Nur zum Verderb gelebt: indem ihr böses Leben
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Ein allzudeutlich Bild der Bosheit abgegeben.

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Warum stirbt dieses Haupt, des Adels Schmuck und Ruhm?
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Warum stirbt diese Brust, der Tugend Eigenthum?
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Warum weicht dieser Geist, ein Muster des Verstandes?
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Warum stirbt
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Der Vater, der sein Haus mit solchem Witz regiert,
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Der uns mit Wort und That zur Tugend angeführt!
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Warum wird solch ein Mann, den alle preisen müssen,
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So früh, so unverhofft der Unterwelt entrissen?

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O Tag! der unsre Lust, als dünnes Glas, zerschlägt;
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O Glockenschlag! der mehr ein kindlich Ohr bewegt,
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Als wenn ein starker Knall aus finstern Wolken brüllet,
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Die Stadt, das Feld, den Wald mit Bangigkeit erfüllet;
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Ja Thürme niederwirft und Eichen niederschmeißt,
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Den allerstärksten Stamm aus seinen Wurzeln reißt,
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Den dicken Strumpf zermalmt, die festen Aeste splittert,
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Und durch sein Krachen macht, daß Grund und Boden schüttert.

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Geliebtes Vaterherz! wir schauen noch zurück:
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Wie treulich sorgtest du für deiner Kinder Glück!
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Wir sehn dich itzo noch, mit ernstlichem Bemühen
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Und väterlicher Zucht, uns zu der Weisheit ziehen.
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Du sollst uns künftig auch, durch deiner Tugend Schein,
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Ein Leitstern auf der Bahn zum wahren Lobe seyn;
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Dein Beyspiel soll uns noch, zur Folge deiner Ahnen,
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Auch da das Grab dich deckt, die rechten Wege bahnen.

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Wie würdig hat dich sonst der Hauptmannsstab geschmückt;
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Wie tapfer hat dein Arm das scharfe Schwert gezückt,
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Das Vaterland beschützt, dem Fürsten treu gedienet,
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Der Billigkeit zu trotz, sich keiner That erkühnet!
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Nie Grausamkeit und Wuth in Kriegeszeit verübt;
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Auch mitten in der Schlacht Erbarmen ausgeübt;
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Und nicht, wie Barbarn thun, durch Eisen, Brand und Morden,
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Ergrimmten Bären zwar, nicht Helden gleich geworden.
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So wie ein junger Baum, der keinen Gärtner hat,
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Ohn alle Wartung steht; krumm, ungestalt und matt,
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Verwildert und verwirrt den schwachen Gipfel neiget,
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Weil ihn ein jeder Wind bis an die Erde beuget;
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Wo er im Kothe liegt, verfaulet und verdirbt,
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Wenn Rinde, Saft und Mark vor Feuchtigkeit erstirbt:
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So kann es uns ergehn, da wir bestürzt empfunden,
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Durch diesen Todesfall sey unsre Zucht verschwunden.

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Ihr Freunde! nehmt euch doch verlaßner Weysen an,
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Ersetzet, was uns fehlt, thut das, was der gethan,
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Der uns so weit gebracht; und zeigt an eurer Güte,
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Wo nicht ein väterlich, doch ein geneigt Gemüthe.
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Und, du Allmächtiger! der du der Weysen pflegst,
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Sie zarten Müttern gleich, in Liebesarmen trägst,
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Entzeuch uns nicht die Huld! Denn wo wir die nur haben:
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So ists, als hätten wir den Vater nicht begraben.

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Indessen ruhe wohl, du hochgeschätztes Haupt!
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Da dir ein früher Tod des Alters Krone raubt;
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So wird ein Sternenglanz, in Salems güldnen Zimmern,
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Als deiner Tugend Lohn, auf deiner Scheitel schimmern.
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Ach nimm den letzten Dank für deine Sorgen an!
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Denn da man deinen Leib nicht ferner ehren kann,
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Soll weder Tod noch Staub die Kindespflicht verwehren:
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Wir küssen deine Gruft, und netzen sie mit Zähren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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