So fällt denn unser Haupt? So muß des Landes Ehre

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Johann Christoph Gottsched: So fällt denn unser Haupt? So muß des Landes Ehre Titel entspricht 1. Vers(1733)

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So fällt denn unser Haupt? So muß des Landes Ehre,
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Des Reußenstammes Preis gleichwohl in Sarg und Grab?
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Ach ja! die Schmerzenspost, die ich erschrocken höre,
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Dringt meinen Augen Salz, dem Herzen Seufzer ab.
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So ists; das Trauerblatt, das wir vorlängst gescheuet,
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Stellt sich nach kurzer Frist vor unsern Augen ein.
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Die Krankheit, die ihm längst die lange Nacht gedräuet,
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Verlacht der Aerzte Kunst und heischt den Leichenstein.
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Ich sah schon ganz erstarrt auf jenes Berges Hügeln,
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Der unsre Burg bedeckt, des matten Bothen Lauf:
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Die Ahndung schreckte schon mit schwarzen Trauersiegeln,
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Und endlich hub sein Wort den ganzen Zweifel auf.
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Es hieß: der Herr ist todt! und ein beglaubtes Schreiben
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Bekräftigte darauf sein trübes Klaggeschrey.
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Was Wunder, wenn wir da vor Schrecken sprachlos bleiben?
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Denn unser aller Schmerz ist völlig einerley.
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Ach! seufzten wir zuletzt: so ist es doch geschehen,
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Was unsre Kümmerniß bisher besorget hat:
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So fand des Landes Gram, der treuen Diener Flehen,
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Bey dir, Barmherziger! für dießmal keine statt?
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Warum soll dein Geschick und zürnendes Entschließen,
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Zu ganzer Völker Qual so unerbittlich seyn?
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Wie? stellst du, strenger Arm! wenn unsre Thränen fließen,
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Das angedrohte Leid nicht mehr, wie vormals, ein?
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O nein! der edle Stamm der hochgepriesnen Reußen
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Verliert sein ältstes Haupt, das eine Stütze war;
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Ja, was wir unsern Schmuck und unsre Krone heißen,
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Liegt starr, entseelt und kalt auf einer Todtenbaar.
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Der
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Den Wissenschaften klug, Erfahrung reif gemacht;
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Dem der Geschichte Licht, von mehr als einem Lande,
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Von jedem Reich der Welt, die Staatskunst beygebracht;
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Ein rathender
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Der über alles Glück und Unglück Meister blieb,
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Und jedes Ungemach, mit ungemeinen Kräften
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Und festgesetzter Brust, beherzt zurücke trieb;
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Ein
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Der sich die Gnade stets zur Richtschnur auserwählt;
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Ja, wär es keine Pflicht, die Laster scharf zu lohnen,
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So hätt er wahrlich gern auch diese losgezählt.
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So ächzen Stadt und Land, die Berge sammt den Flüssen,
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So seufzet Hof und Volk und jeder Unterthan;
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Die
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Weil die erstarrte Fluth nicht freudig wirbeln kann.
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Die
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Ihr murmelndes Geräusch verstummt vor Mattigkeit:
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Nur bloß der Trauerton von unsern Klaggesängen
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Verdoppelt seinen Schall, und dringt noch eins so weit.
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Das ächzende Metall auf unsern Thürmen stöhnet,
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Das Erz der Glocken klagt und seufzt ohn Unterlaß:
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Und da sich alles so nach seinem Haupte sehnet,
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Macht mir der Kummer ja die Wangen billig naß.
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Mir, der ich mehr an ihm, als sonst ein Mensch, verlohren,
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Mir, dessen Vater schon so manche Gnad empfieng:
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Mir, den die Mutter fast zu seinem Knecht gebohren,
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Mir, dem es gar zu wohl in seinen Diensten gieng.
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O! sollte hier der Mund die Gnadenproben zählen,
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Die vierzehn Jahre lang mein treues Herz ergetzt:
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So würd, ich weis gewiß, es mir an Worten fehlen,
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Und ich vollbrächte nie, was ich mir vorgesetzt.
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Mein Glücks- und Schutzgestirn ist unser Graf gewesen,
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Mein Thau und Sonnenschein war seine Gnad und Huld;
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Drum läßt mein frommer Kiel hier diesen Nachruhm lesen:
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Ich bleibe bis ins Grab in seiner steten Schuld.
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Der Höchste lohne dir in jenem Freudensaale,
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Was deine milde Brust hienieden Guts gethan;
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Und labe dich dafür mit jenem Abendmahle,
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Wobey nichts Sträfliches zu Tische sitzen kann.
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Dieß eine, theurer Graf! erleichtert unsern Kummer;
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Dieß eine tröstet uns bey überhäufter Pein:
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Es wird dein ächter Sohn in unserm Trauerschlummer,
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Dein wahres Ebenbild, des Landes Sonne seyn.
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Es stralt ja schon der Glanz der väterlichen Tugend
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Aus seinem Angesicht, aus Wort und That hervor:
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Und so verjüngst du dich fast selbst in seiner Jugend,
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Ja steigst, als
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Der Himmel segne denn sein gnädiges Regieren,
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Und mach ihm stets die Last der neuen Herrschaft leicht:
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Bis ihn des Vaters Lob und hoher Preis wird zieren,
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Bis er die Ewigkeit durch gleichen Ruhm erreicht.
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Dein Bild, erhöhter Graf! dein theures Angedenken
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Entweicht aus meiner Brust, so lang ich lebe, nicht.
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Ja, wird man einst auch mich in kühlen Staub versenken:
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So denkt die Asche noch an ihre Schuld und Pflicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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