An eine junge Dichterinn in Dresden

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Johann Christoph Gottsched: An eine junge Dichterinn in Dresden (1733)

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Poetinn, was ich jüngst von deiner Hand gelesen,
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Hat mich von Anfang zwar mit vieler Lust ergetzt:
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Doch schade! daß sie nicht auch dauerhaft gewesen,
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Weil mich der Schluß gelehrt, was du dir vorgesetzt.
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Du willst, so drohest du, den Musenberg verlassen,
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Den doch dein Auge schon, so nahe vor sich sieht;
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Und das gelehrte Chor der klugen Schwestern hassen,
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Ob deine Neigung dich gleich sie zu lieben zieht.
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Ists möglich? darf ich dir in diesem Stücke glauben?
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Und schreibt dein Kiel nicht mehr, als dein Gemüth gedenkt?
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So sprich, was kann dir wohl die Lust zum Dichten rauben?
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Und was hat dich so schnell auf diesen Schluß gelenkt?
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Hat Phöbus dich erzürnt? Hat eine von den Schönen,
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Die seine Schwestern sind, dich höhnisch angesehn?
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O nein, das thun sie nicht; ja selbst von ihren Söhnen
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Ist deiner Poesie bisher kein Leid geschehn.
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Du sprichst hier: Dieses ists, was ich hinführo scheue:
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Man schont euch Dichter nicht, und sticht euch oft den Staar.
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Geschieht nun auch an mir, was ich mir prophezeihe,
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So wird auch dermaleins mein Vorwitz offenbar.
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Doch, schöne Dichterinn! die Furcht ist ungegründet,
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Die weiter nichts besorgt, als diese Tadelsucht:
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Und wenn dein scharfer Sinn nichts mehr zu fürchten findet,
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So nimmst du vom Parnaß noch viel zu früh die Flucht.
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Erwäge nur einmal mit ungestörten Sinnen,
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Daß Männer unter sich ganz ungezwungen sind.
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Man schenkt einander nichts, und läßt sich nie gewinnen,
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So lange Momus selbst noch einen Tadel findt.
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So, wie mans andern macht, so machens andre wieder,
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Das Echo schallt zurück, wie man zum Walde schreyt.
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Ein aufgebrachter Kiel legt alle Sanftmuth nieder,
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Und weis aus Rachgier oft von keiner Höflichkeit.
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Ganz anders geht es zu, wo schöne Kinder singen:
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Wer wollte da so scharf auf ihre Lieder seyn?
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Wer ließe sich so gar den Unverstand bezwingen,
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Der zarten Laute gleich den Untergang zu dräun?
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Fürwahr! das hieße sich der Grobheit ganz ergeben,
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Das wäre zweifelsfrey der gröbste Baurenstreich!
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Wo bliebe wohl dabey die Art geschickt zu leben?
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Was wär an Aberwitz dergleichen Spöttern gleich?
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Sieh auf das Alterthum, und die darinn geschrieben;
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Sieh auch zu dieser Zeit die Dichterinnen an:
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Ja blick auf alle die, so Phöbus je getrieben,
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Und sprich, ob irgend dich ihr Schicksal schrecken kann?
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Wer hat die
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Wer hat die
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Kein Wunder! Phöbus selbst hat ihren Kranz geflochten,
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Und ihre Scheiteln auch mit eigner Hand gekrönt.
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Zwar hab ich auch gehört, daß kurz vor unsern Zeiten,
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Der Preußen
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Allein, was hatte doch das Unglück zu bedeuten?
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Da ihre Großmuth es mit Lachen überwand.
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Ihr Namen blüht gleichwohl, man ehret ihre Schriften;
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Doch ihrer Spötter Zahl deckt die Vergessenheit:
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Was säumst du denn so sehr, auch dir ein Lob zu stiften?
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Warum verachtest du den Beyfall später Zeit?
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Ermuntre deinen Fleiß, den Musen nachzueilen,
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Die dir mit solcher Pracht bereits vor Augen stehn!
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Wer Ruhm erjagen will, der muß nicht viel verweilen,
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Und niemals furchtsam seyn, auf edler Spur zu gehn.
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Entschleuß dich also nur, die Musen abzubitten,
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Die du, ohn ihre Schuld, so sehr beleidigt hast.
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Ich selber fleh sie an, den Zorn nicht auszuschütten,
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Den sie und Phöbus selbst schon wider dich gefaßt.
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Ich weis, sie werden dir den Fehler leicht verzeihen,
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Wenn du nur frömmer wirst, und Besserung versprichst.
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Und wie wird sich
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Wenn du den Lorber einst, als seine Tochter, brichst!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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