Ueber das Absterben Hrn. D. Friedrich Heinrich Grafs, ber. Sachwalters des Königl. und Churfl. Oberhofgerichts zu Leipzig

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Johann Christoph Gottsched: Ueber das Absterben Hrn. D. Friedrich Heinrich Grafs, ber. Sachwalters des Königl. und Churfl. Oberhofgerichts zu Leipzig (1733)

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Nimm hin, erblaßter Graf! der treuen Wehmuth Zeichen,
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Nimm hin dieß Klagelied, das deine Gruft erzwingt:
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Und wenn wir unsern Zweck nicht bey dir selbst erreichen,
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Genug, wenn unsre Pflicht ein Thränenopfer bringt.
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Dieß fodert das Geblüt, es foderts unsre Liebe;
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Die Ehrfurcht selber spricht, daß wir es schuldig sind.
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Wer widerstünde wohl dem dreyfach starken Triebe,
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Der sich mit reger Kraft in unsern Seelen findt?
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O Himmel! mußte denn das feste Band zerreißen,
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Das zwischen ihm und uns dein eigner Arm verschränkt?
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Und sollten wir ihn denn nur darum Bruder heißen,
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Daß uns die Wehmuth itzt mit herben Zähren tränkt?
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Verwandtschaft! süßes Wort, wenn deine Knoten dauren,
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Wenn kein zufrüher Tod den Lebensfaden trennt!
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Verwandtschaft! herber Ton! wenn wir um Leichen trauren,
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In deren treuer Brust der Schwester Liebe brennt.
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Was hilft uns nun der Ruhm so naher Anverwandten?
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Da die Benennung uns so unverhofft betrübt:
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Was hilft es, daß wir ihn so zärtlich Bruder nannten?
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Da dieses Beywort uns zu Thränen Anlaß giebt,
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O hätt er sich nur nichts aus unserm Blut erkohren!
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So träf uns dieser Fall fürwahr nicht halb so hart.
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O hätten wir an ihm ein fremdes Haupt verlohren!
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So würd uns durch sein Grab nur halb so viel verscharrt.
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Jedoch erwägen wir auch seiner Freundschaft Proben,
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Betrachten wir den Trieb womit er uns geliebt:
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So bleibt sein seltner Ruhm vor Tausenden erhoben,
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So bleibt auch unsre Brust gedoppelt stark betrübt.
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Wie mancher Blutsfreund lacht bey seiner Freunde Jammer;
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Und leugnet durch die That die Wirkung der Natur?
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Verschließt man solche nun in ihre Todtenkammer:
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So sieht man nirgendwo der Thränen mindste Spur.
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Wir seufzen um ein Haupt, das uns mit Vatersinnen
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Von Herzen zugethan und stets gewogen war.
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Theils suchten wir sein Herz stets besser zu gewinnen,
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Theils both er selber uns stets neue Proben dar.
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Sein Umgang war beliebt, sein Scherz und Ernst erlesen,
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Sein Herz voll Redlichkeit, die Lippen voller Treu:
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Und kurz, sein ganzes Thun und ungemeines Wesen
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War edel und gerecht und von Verstellung frey.
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Wo bleibet sein Verdienst, warum wir ihn verehren?
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Die ächte Gottesfurcht und Rechtsgelehrsamkeit,
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Der Trieb, des Nächsten Wohl durch Rath und That zu mehren,
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Und was für Tugenden er sonsten sich geweiht.
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Ihr Stellen, wo das Recht in unserm Leipzig wohnet,
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Ihr Häuser, wo das Schwert der strengen Themis blitzt;
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Wo man die Bosheit straft, wo man die Tugend lohnet;
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Ihr wißt, wie oft sein Mund der Unschuld Haupt beschützt.
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Es lästre nur der Neid auf redliche Juristen,
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Die doch Asträens Volk, der Städte Seulen sind:
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Was man mit Grund verwirft, trifft schnöde Rabulisten,
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Dergleichen Unkraut sich in allen Ständen findt.
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Hier fällt ein wackrer Mann, ein Schutz gerechter Sachen,
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Ein Freund der Billigkeit, des Eigennutzes Feind:
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Der niemals sich bemüht das krumme gleich zu machen,
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In dessen Fürspruch noch die Wahrheit nie geweint.
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Hier spiegle sich die Zahl gelehrter Advocaten!
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Wer ihm recht ähnlich ist, der sey damit vergnügt:
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Wo nicht, so wähle man zum Beyspiel seiner Thaten,
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Den wohlverdienten
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Wie billig ist der Schmerz der thränenvollen Augen,
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Die so ein harter Fall mit herben Tropfen netzt?
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O könnte nur ihr Salz zu wahrer Lindrung taugen,
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So würd ihr bittrer Strom ganz billig fortgesetzt.
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Allein ermuntre dich, o Schwester! in dem Leide,
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Ein langer Kummer kürzt auch dir das Leben ab,
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Wir fühlen selbst die Last von deinem Trauerkleide,
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Doch kröne durch Geduld sein allzufrühes Grab.
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Ihr Weysen! fasset euch in dem gerechten Kummer;
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Der Himmel lebt ja noch, der euch den Vater nahm:
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Misgönnt ihm nicht die Ruh in seinem Todesschlummer,
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Obwohl er, wie es scheint, für euch zu zeitig kam.
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Sein Wandel bleibt auch euch ein Muster wahrer Tugend,
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Sein Leben dienet euch zur Sittenlehrerinn.
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Verlaßt euch nur auf Gott, den Vater frommer Jugend,
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Und küsset seine Ruth in demuthsvollem Sinn.
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Wir selber ehren hier das himmlische Geschicke,
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Das unser Lebensziel allein in Händen hat;
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Wir gehn von seiner Gruft weit muthiger zurücke,
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Und ehren lebenslang die theure Lagerstatt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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