Eines Sohnes an seine Bekümmerte Frau Mutter, über das Absterben Ihres Eheliebsten

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Johann Christoph Gottsched: Eines Sohnes an seine Bekümmerte Frau Mutter, über das Absterben Ihres Eheliebsten (1733)

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Bekümmerte Mama! dafern, vor Schmerz und Thränen,
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Ihr trübes Auge noch ein Schreiben lesen kann:
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So unterbreche sie ihr Aechzen, Flehn und Stöhnen,
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Und schaue dieses Blatt mit muntern Blicken an.
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Es kömmt von ihrem Sohn, durch mehr als sechzig Meilen,
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Aus Leipzig, welches ihn zu seinen Musen zählt;
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Und soll ihr itzt von ihm den Trost und Rath ertheilen,
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Daran es ihm doch selbst in seinem Kummer fehlt.
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Ihr Schatz, mein Vater stirbt! O Zufall, reich an Schmerzen!
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Sie klagt; mein Auge thränt, und mein Geschwister weint.
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Des Höchsten harter Schluß greift allen nach dem Herzen,
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Und rührt uns heftiger, als mancher denkt und meynt.
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Sie selbst bedauert den, den die geweihten Bande,
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Den ihr der Ehebund in Arm und Herz geschränkt;
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An dessen Liebe sie, auch itzt im Wittwenstande,
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Mit unaufhörlicher und zarter Wehmuth denkt.
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Es war das achte Jahr, seit dem sie sich verbunden,
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Seit dem sie ihm ihr Herz, seit er sich ihr geweiht:
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Und dieser Jahre Zahl glich einer Zahl von Stunden,
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So kurz, so angenehm bedünkte sie die Zeit.
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Ein Wille wohnte nur in zwo verknüpften Seelen,
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Ein einzig Herz schien nur in beyder Brust zu seyn:
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Sie konnten beyderseits einander nichts verhölen,
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Und so traf beyder Wunsch in allen Stücken ein.
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Ich selber, Theureste, ich selber weis zu zeugen,
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Was ihre Gütigkeit, was ihre Huld gethan:
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Denn alles Ihrige ward gleichsam unser eigen,
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So willig wandte sies zu unserm Besten an.
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O! wie viel tausend Dank muß ich ihr schuldig bleiben,
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Den meine Schwachheit ihr nicht zu entrichten weis.
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Dieß Blatt ist viel zu klein, denselben zu beschreiben,
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Denn keine kurze Schrift faßt ihrer Güte Preis.
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Dieß ist der beste Trost, da uns der Herr betrübet,
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Und durch des Vaters Tod zu armen Weysen macht;
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Daß seine Weisheit uns zwar schläget, doch auch liebet,
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Da er uns, sie, Mama, zur Mutter zugedacht.
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Sie selber wird sich schon getrost zu fassen wissen,
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Es ist das erste nicht, daß sie der Fall betrifft;
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Ihr Ehband wird ihr schon das andremal zerrissen,
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Drum kennt ihr Glaube schon der Schwermuth Gegengift.
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Sie weis sich in Geduld und Gottes Rath zu schicken,
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Wenn seine Hand gleich droht, so hält sie ruhig still;
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Und schreckt sein Auge gleich mit zornerfüllten Blicken;
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Ist sie doch überzeugt, daß er ihr Bestes will.
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Ich selber glaube das, doch Schmerzen und Betrüben
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Erweckt der Zuversicht oft Klein- und Zweifelmuth,
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Wer wird mich, fragt mein Herz, so, wie mein Vater, lieben?
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Wer ist in aller Welt, der mir was Gutes thut?
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Sie, wertheste Mama! Sie einzig ist die Stütze,
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Darauf, nächst Gottes Huld, itzt unser Wohl beruht:
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Denn trifft uns itzo gleich ein Stral entbrannter Blitze,
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Macht ihre Sorgfalt doch den meisten Schaden gut.
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Der Höchste schütze sie noch lange vor dem Grabe,
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Es fliehe sie der Tod, sie werde lebenssatt:
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Bis sie der Himmel einst für alle Tugend labe,
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Die sie allhier an uns, und sonst erwiesen hat.
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Wir werden sie indeß als treue Kinder ehren,
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Da sie so mütterlich für unser Wohl gewacht;
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Und niemals in der Welt was liebers sehn und hören,
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Als wenn der Herr ihr Haus zum Segenshause macht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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