An Seine Hochwohlgebohrne, Herrn Franz Christoph von Scheyb, auf Gaubickolheim, E. Löbl. Niederösterr. Landschaft Secretär

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Johann Christoph Gottsched: An Seine Hochwohlgebohrne, Herrn Franz Christoph von Scheyb, auf Gaubickolheim, E. Löbl. Niederösterr. Landschaft Secretär (1733)

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Denn dazu hat Dich mir des Schicksals Huld gegeben;
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Nachdem zwey Drittheil schon des Laufs vorüber sind,
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Und meiner Scheitel Höh schon Reif und Schnee gewinnt.
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Aus Costnitz! hätte mirs auch jemals träumen können?
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Aus Schwaben sollte mir
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Wer hätte das geglaubt? seit dem ein böser Schwab,
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Mir lebenslang von Stolz und Haß die Proben gab;
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Der bittern Rachgier Gift für ungeschehne Sachen,
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Durch höhern Arm geschützt, mir wußte schwer zu machen.
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Nun liegt er in der Gruft; beglückt, wie er geglaubt,
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Wenn ihm an Geist und Leib der Tod das Seyn geraubt.

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So lern ich denn an Dir, und wenig andern Proben
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Kein Volk sey überhaupt zu schelten und zu loben.
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Ein jedes Land erzeugt Gemüther edler Art;
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Wohl dem! dem eins davon in Freundschaft günstig ward.
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Dieß Glück ertheilest Du mir ferngebohrnem Preußen;
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Den jener Bernsteinstrand kann seinen Zögling heißen,
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Dem
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Bis ihn das Glück hieher in Deutschlands Kern gebracht.
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Hier hab ich Geist und Witz noch feiner ausgeschliffen,
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Was
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Durch fremder Sprachen Licht das Deutsche mehr gestärkt,
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Und aus der Alten Höh der Neuern Fall bemerkt.
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Hier fand ich
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So hab ich nach und nach die Wahrheit mehr verstanden:
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Daß auch das beste Feld von selbst nur Unkraut trägt,
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Wenn keines Gärtners Hand den Fleiß daran gelegt.
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Wie thöricht ist es denn, von Sonn und Luft zu sprechen,
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Da Griechenland und Rom der Regel Nachdruck schwächen?
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Behaupte wie du willst, hochweiser
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Das Clima mache klug. Ein Kluger lacht dazu!
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Und läßt zur Probe, dich die Menschen, gleich den Blüthen,
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Wie

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Allein bestätigt nicht, Dein Beyspiel,
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Was, überhaupt gesagt, so widersinnisch scheint?
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Ein wärmer Land hat Dir Empfindung Geist und Leben;
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Mir nur der kalte Belt ein Fünckchen Witz gegeben.
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Mit nähern Blicken schoß die Sonne Dir zu gut,
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Viel mildre Stralen ab, als sie am Pregel thut.
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Kein Wunder! daß Dein Geist sich über mich geschwungen,
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Als Du die Lust der Welt,
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So gern ich dieß gesteh, so falsch ist jens dabey.
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Schuff denn der Sonnenstral in Costnitz einerley?
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Wie kams, daß auf der Bank, wo
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Sie allen Schülern nicht gleichviel Witz zugemessen?
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Und hat sie das gethan; wo sind die andern nun?
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Warum verräth sie nicht ihr Denken, Schreiben, Thun?
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Wer kennet sie in Wien? O! wer kann das ergründen?
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In soviel Ländern ist doch nur
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So wie mein Vaterland nur
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Der durch erhabne Glut auch wälsche Geister beugt.

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Wohlauf,
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Komm, wage noch einmal Kalliopens Geschäffte.
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Nimm ihr heroisch Rohr der Göttinn aus der Hand,
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Und mach uns abermal
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Die so viel Thronen ziert; Die das Geschick erkohren,
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Der Zeiten Schmuck zu seyn, die Sie zur Welt gebohren.
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Dein Vorsatz ist so schön, als edel und gerecht:
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Denn wo der Gegenstand des Dichters Kraft nicht schwächt,
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Ja sie vielmehr erhöht; da muß es ihm gelingen,
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Der Dichtkunst höchsten Preis sich spielend zu erringen.

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Nur eins bekümmert mich von allem was Du schreibst;
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Daß Du voll Eigensinn bey jenen Mustern bleibst,
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Die Griechenland und Rom der Welt zuerst gewiesen,
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Wenn sie der Helden Lob nach der Natur gepriesen.
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Du liesest den
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Eh er die Stifter Roms,
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Nach Latien geführt. Der hieß ja wohl vor Jahren,
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Als Geist und Dichtkunst noch in ihrer Wiege waren,
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Das Augenmerk der Kunst, der Vater von dem Witz,
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Der alles aufgeklärt, als noch der Musen Sitz
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Im Grajerlande lag. Jedoch zu unsern Zeiten
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Hat alles sich verkehrt, bis auf der Dichter Seyten.
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Ich glaubte sonst wie Du: bis ich nur jüngst gelernt,
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Daß man durchs Alterthum sich von dem Ruhm entfernt,
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Ein Muster selbst zu seyn; daß man die Geister hindert,
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Wenn die Vernunft den Flug der Phantasey vermindert,
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Und klüglich schreiben lehrt. Drum gib ein wenig acht,
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Was mich seit kurzer Zeit auf andern Sinn gebracht.
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Wer zwanzig Jahre schon der Dichtkunst Regeln lehret,
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Verdient vieleicht ein Ohr! das ihn geduldig höret.

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Als
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Drey Jahr, eh er erblich, mir dieses Amt befahl;
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(vieleicht weil ich sehr oft, des Helden Gnadenproben
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An Musen und Parnaß, der Wahrheit nach, erhoben)
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Beherrschte leider mich noch der verjährte Wahn:
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(wie
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Man müsse nach der Spur der alten Regeln gehen,
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Die Dichtkunst auf den Grad der Griechen zu erhöhen.
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Und den vermißte man. Ein dummes Quodlibet,
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Wo weder Kopf noch Schweif am rechten Ende steht,
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War damals Meißens Lust. Ein läppisch Zotenwesen
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Voll Unvernunft und Schmutz ward überall gelesen.
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Satiren nannte man, was doch Pasquille sind;
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Ein Trauerspiel, ein Stück, wo Harlekin gewinnt;
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Ein Lustspiel, wo Pandolf nebst zwanzig andern Thoren,
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Des Lederhändlers Zweck zu hindern sich verschworen;
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Wo sich ein Poltergeist auf hundert Arten zeigt,
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Und Doctor Faust das Volk zu Zauberkünsten neigt.
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Das epische Gedicht war vollends gar vergessen:
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Warum? solch hohes Zeug bringt keinem was zu essen.
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Brautsuppen kochte man für Braut und Bräutigam;
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Ein Chronodistichon, ein künstlich Anagramm,
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Ein Cabbalisticum, und, daß wir nichts versäumen,
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Manch Räthsel voller Schmutz, nebst Bild- und Leberreimen.

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Hier brach mein Eifer los! der Weise von
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Und sein unsterblich Buch vom Dichten, winkten mir.
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Ich las es öffentlich, und sucht es einzuschärfen,
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Und lehrte den Geschmack des Pöbelvolks verwerfen.
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Zum Muster wies ich an, die Schönheit der Natur;
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Wie meine Dichtkunst schon auf der Lateiner Spur
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Aus dem
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Der kurz vorher Vernunft und Tugend fast bezwungen.
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Ganz Leipzig dankte mir; man that die Augen auf;
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Der richtige Geschmack gewann nun freyern Lauf,
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Halb Deutschland fiel uns bey, und eiferte mit Sachsen
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Wo Geist, Vernunft und Witz am schönsten könnte wachsen.

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Doch leider! nur umsonst! Ein ungleich heller Licht,
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Das aus den Alpen quillt, und durch die Nebel bricht,
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Die unsre Geister noch mit Wahn und Irrthum deckten,
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Bestralt der Dichter Heer, die noch im Dunkeln steckten.
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Man sucht den
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Man lehrt ihn Schweizerdeutsch, man sucht ihn anzupreisen,
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Und seine Schönheit recht der blinden Welt zu weisen.
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Ein Auge blinzelt nur, das man aus dicker Nacht
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In helle Zimmer führt, vor vieler Kerzen Pracht.
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Wenn Spiegel ohne Zahl der Stralen Glanz verstärken;
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So wird es anfangs blind und kann fast nichts bemerken.
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So schien uns
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Wer es zuerst erblickt, empfand die Schönheit nicht,
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Wo Satan wider Gott erst
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Bis Gott und Mensch verspielt und Satan herrlich sieget.
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Doch endlich fiengen wir, auch in der finstern Kluft
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Wo Tod und Sünde haust, und von der heitern Luft
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Sich durch ein neunfach Thor, und soviel Mauren trennet,
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Das Feuer anzusehn, das
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Ein Kind scheut anfangs nichts von der Gespenster Macht,
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Es sieht, es hört sie nicht: doch, giebt es fleißig acht,
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Was kluge Vetteln uns von Poltergeistern lehren:
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So fängt es an zu sehn, so fängt es an zu hören.
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Wie Eulen auch bey Nacht mehr als am Tage sehn,
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So kann es itzt von uns
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Zumal seit dem man uns ästhetisch denken lehret,
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Vernunft und Licht verwirft, die Dunkelheit verehret.

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Jedoch ein größrer Geist, als Milton zeiget sich.
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O
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Ein deutsches Meisterstück, die Frucht von
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Die Zürch der Welt geschenkt, zu sehen und zu ehren.
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Schon seit so langer Zeit zu sehn begierig war;
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Nein, den ein ander Chor von unbeschnittnen Ohren,
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Sich in Gedanken längst zum Trost und Heil erkohren.
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Das aller Britten Stolz durch deutsche Kräfte bricht;
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Weit mehr als St.
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Den
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Wie
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Der Lehrer selbst erstaunt vor dem zu großen Schüler,
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Und bethet ihn fast an. Der heiße Wunsch so vieler,
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Ein deutsches Heldenwerk von solchem Schrot zu sehn,
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Dem Himmel sey gedankt! ist nicht umsonst geschehn.
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Hier stralt ein dunkler Glanz. Hier stützet man den Glauben
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Mit Fabeln neuer Art: wer will ihn uns nun rauben?
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Was kein Prophet gesehn und kein Evangelist,
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Was kein Apostel wußt, das lernst du hier, mein Christ!
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Der Schriftgelehrten Witz wird uns, mit tiefen Schlüssen,
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Dieß neue Bibelbuch hinfort erklären müssen.

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Auf nun,
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Und stelle Dir dieß Werk zum Musterbilde vor.
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Wer ihm nicht ähnlich schreibt, kann Deutschland nicht gefallen;
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Ein
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Dagegen
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Ein wenig hat
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Noch mehr war
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Der Grieche
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Wies noch am leidlichsten ein recht ästhetisch Bild.
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Doch
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Sind der Vergöttrung werth, und müssen Tempel haben.

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Wiewohl ich sehe schon: Du bleibst auf Deinem Sinn!
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Gehst Du von dem nicht ab, dem seit dreytausend Jahren,
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Die größten Geister auch zu folgen eifrig waren;
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Dem
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Dem
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Gut! folge Deinem Kopf. Du liebst ein deutlich Wesen?
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Vernimm das Donnerwort:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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