Auf den Namenstag Seiner geliebten Ehegattinn

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Johann Christoph Gottsched: Auf den Namenstag Seiner geliebten Ehegattinn (1733)

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Wie glücklich bin ich doch, mein auserwähltes Licht!
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Wie sehr ergetzet mich dein frohes Jahrfest nicht,
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Das dich zum erstenmal in meinen Armen findet,
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Seit dem ein ehlich Band uns beyderseits verbindet.
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Ein volles Jahr ist hin, seit ich zum erstenmal
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Den allzuschönen Tag, in werther Freunde Zahl,
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Mit wahrer Lust begieng; den Tag der
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Daran ich zwar schon oft die stille Lust empfunden,
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Die treue Liebe bringt; wenn man an das gedenkt,
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Was durch der Anmuth Macht das Herz in Fessel schränkt.
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Erst damals that ichs kund, daß du mich längst bestricket;
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Erst damals gab ichs zu, daß es auch mir geglücket,
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In deiner Huld zu stehn. Wie sonst zur Sommerzeit
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Sich oft, nach schwüler Luft, des Himmels Heiterkeit
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In dicke Wolken hüllt; die bald darauf zerfließen,
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Und sich, den Strömen gleich, auf Berg und Thal ergießen:
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Wie da ein kleiner Bach zuerst allmählich schwillt,
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Bald merklich höher steigt, sein hohes Ufer füllt,
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Und endlich überläuft; bis wir die nahen Auen
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Vollkommen überschwemmt und voller Wasser schauen:
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So hatte Freud und Lust mein Wesen übermannt,
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Daß kaum mein Herze Raum in meinem Busen fand.
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Warum? Die Sicherheit, in deiner Gunst zu stehen,
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Die Hoffnung, bald mit dir ein Bündniß einzugehen,
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Ein Bündniß steter Treu; o Freundinn! das war hier
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Der Ursprung aller Lust und Fröhlichkeit bey mir.
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Ein jeder sah mirs an, ein jeder hats gespüret,
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Mein Geist war gar zu stark von seinem Glück gerühret.
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Man kannte dich zwar nicht; doch merkte man daran,
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Wie sehr dein edler Blick ein Herz entzücken kann;
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Wie heftig Witz und Geist der muntern
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Mich vor sechs Jahren schon bezwungen und gebunden.

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So schloß man dazumal: allein, was denkt man itzt,
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Nachdem mein Arm den Schatz zehn Monden lang besitzt,
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Dem Wunsch und Hoffnung ihm vieleicht nur schätzbar machte,
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Und der doch schlechter war, als er entfernt gedachte?
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Ist nicht die Liebe blind, wie sonst das Sprüchwort sagt?
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Wie mancher hat nicht schon ihr Zauberwerk beklagt!
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Sie kehret Spreu in Gold; aus Raben macht sie Pfauen;
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Jedoch an Bräuten nur, und niemals an den Frauen.
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Der süße Honigseim wird oft in kurzer Zeit
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Ein herber Wermuthwein voll Gall und Bitterkeit.
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Was Freyern englisch dünkt, das fliehen sonder Zweifel
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Die Männer oft so sehr, ja ärger, als den Teufel.

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Ach Freundinn seltner Art! den Einwurf weis ich schon:
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So geht es oftermals. Dieß Unglück ist der Lohn,
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Den Wollust, Geiz und Stolz und Uebereilung bringen:
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Was kann daraus wohl mehr, als Reu und Leid, entspringen?
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Dieß ist der Lauf der Welt. Man liebt und weis nicht wie;
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Man wählt und weis nicht was: darum gelingts auch nie.
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Die allerschönste Braut ist über wenig Tage
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Des satten Herzens Qual, der ekeln Augen Plage.
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Was nur das Auge liebt, das macht sie leichtlich satt.
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Wer freyt nach Tugenden, davon er selbst nichts hat?
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Wer fragt nach Witz und Geist, darans ihm selber fehlet?
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Kein Freyer, der bereits im Geiste Thaler zählet;
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Auch keine Braut, die nichts, als Eitelkeit, vergnügt,
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Und die des Freyers Werth nach Kutsch und Pferden wiegt.
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Sie wünschte Putz und Gold, und bunte Livereyen,
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Die hat sie durch den Mann: nun mag sein Thun ihn reuen.
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Denn sie geht rechts, er links. Ich setze nichts hinzu.
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Wer kennt die Weltart nicht? Ganz anders liebtest du,
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Ganz anders war mein Sinn! Darum hat unser Hoffen
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Von beyden Theilen auch weit besser eingetroffen.

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Ja, Freundinn! ich fand mehr, als mir mein Herz versprach.
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Des Freyers Ahndung giebt des Manns Erfahrung nach:
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Dein weiser Geist ist mir, durch Hymens sanften Orden,
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Aus allem, was du thust, erst recht bekannt geworden.
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Dein anmuthsvoller Mund, dein Umgang, Witz und Scherz,
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Dein kluges Häuslichseyn, dein philosophisch Herz,
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Dein ungemeiner Kiel, der Männerwitz besieget,
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Hat mich bisher weit mehr, als alle Welt, vergnüget.
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Du hassest Stolz und Pracht, und liebst die Reinlichkeit;
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Die Kleidung ziert nicht dich, du zierst ein jedes Kleid.
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Dich reizt kein thöricht Spiel, der Abgott schwacher Sinnen;
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Ein Buch und die Musik kann dich weit mehr gewinnen;
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Die göttliche Musik, die manche Stunde kürzt,
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Und der Geschäffte Last durch Lust und Anmuth würzt;
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Dadurch es deiner Hand bey mir so sehr gelungen,
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Als jenes Meisters Kunst, der Baum und Fels bezwungen.
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So kannt ich dich kaum halb, als ich dich schon geliebt:
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Da die Erfahrung mir nun alles doppelt giebt;
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Da deine Tugenden mich täglich mehr ergetzen:
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Wie sollt ich mich bey dir nicht doppelt glücklich schätzen?

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Ich thu es: aber was? wo bleibt die reine Gunst,
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Die mir dein Herz geweiht? die Neigung ohne Kunst,
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Die mir das Leben giebt; dein ämsiges Bemühen,
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Mir das, was Unmuth wirkt, mit Sorgfalt zu entziehen;
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Mich stets vergnügt zu sehn? O Freundinn! was du thust,
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Das zielet sonst auf nichts, als deines Gatten Lust.
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Wie trefflich hast du jüngst des Freundes Art beschrieben,
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Der deine Wahl verdient! Die Kunst war hoch getrieben;
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Es war ein Meisterstück von Geist und Gründlichkeit:
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Die Schreibart ist so schön, als sie zu dieser Zeit
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Der Beste setzen mag. Ihr, fremde Schreiberinnen!
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Sollt alle nicht den Preis in
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Wenn sie nebst andern kämpft. Allein, wer glaubet dir,
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Geliebte! wenn du schreibst: der weise Freund sey mir
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In vielen Stücken gleich? Ach! könnt ich dieses sagen,
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So wär ich dich doch werth. Wiewohl ich muß beklagen,
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Dein Ziel ist mir zu hoch, und meine Kraft zu klein:
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Doch wär ich so ein Freund, so müßt ich deiner seyn.
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Ich wär es auch mit Lust; denn du allein auf Erden
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Verdienst, so zart, so treu, so klug geliebt zu werden.

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Der Himmel gönne dich so lange nur der Welt,
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Bis deine Tugend einst den rechten Lohn erhält;
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Bis dein Verstand und Witz durch jährlich neue Proben
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Dich auch an Glück und Ruhm, wie du verdienst, erhoben.
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Gott stärke künftig nur des schwachen Körpers Kraft,
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Und schenk ihm ehestens des Geistes Eigenschaft,
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Der Männerstärke zeigt: so wird die Nachwelt lesen,
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Daß niemand so beglückt, als ich, durch dich, gewesen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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