An Seine Wohlehrwürden, Herrn Nicolaus Kelz, Pastorn zu Waldau in Schlesien, und der Königl. D. Ges. zu Königsberg Mitgliede, zu seiner Magisterpromotion

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Johann Christoph Gottsched: An Seine Wohlehrwürden, Herrn Nicolaus Kelz, Pastorn zu Waldau in Schlesien, und der Königl. D. Ges. zu Königsberg Mitgliede, zu seiner Magisterpromotion (1733)

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Glück zu, beliebter
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Dazu dein edler Fleiß dich selbst geschickt gemacht.
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Die Weisheit schmücket dich durch ihrer Lehrer Hände,
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Als ob sie sich dir selbst zum Eigenthum verbände.
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Sie hats mit Lust gesehn, wie deinen muntern Geist,
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Der sich mit aller Macht der Niedrigkeit entreißt,
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Die Wissenschaft genährt. Sie hat ihn selbst gestärket,
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So, daß man täglich fast dein Wachsthum angemerket.
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Du kennst nunmehr die Welt, dich selbst, und Gottes Kraft,
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Die allenthalben wirkt und lauter Gutes schafft.
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Du spürst der Weisheit nach, die jedes Gras uns lehret,
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Und nimmst der Güte wahr, die man erstaunend ehret.
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Du kennst auch das Gesetz der redenden Natur,
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Der Laster schnöden Schein, der wahren Tugend Spur;
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Und merkest klüglich an, warum der Menschen Thaten
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Nicht stets nach ihrem Zweck zu ihrem Heil gerathen.
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Du selbst bist auch bemüht, die rechte Bahn zu gehn,
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Dein wahres Wohl zu baun, dein Glücke zu erhöhn.
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Und darum konnte dirs
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Der weisen Meister Schmuck, den Lehrerhut, zu tragen.

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Das ist noch nicht genug. Auch
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Denn
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Es hieß: Du hättest dich mit vielem Ernst beflissen,
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Der größten Meister Kunst im Reden recht zu wissen;
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Du hättest jener Bahn der Alten nachgespürt,
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Die
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Und würdest dir einmal der Männer Preis erwerben,
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Die, was den Ruhm betrifft, in Wahrheit niemals sterben.
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Auch dieß hat dir, o Freund!
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Sie liebt die Reden sehr, darinnen Weisheit steckt:
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Drum scheinst du doppelt werth, den Titel zu erlangen,
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Womit von Alters her der Weisheit Lehrer prangen.

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Jedoch, belohnter Kelz! was sagt
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Wenn wir am Pleißenstrom, im Reden oder Dichten,
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Uns nicht nach jedem Ton der Odermusen richten.
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Du weist ja mehr als wohl, was deine Vaterstadt
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Für Eifersucht und Zorn auf unsre Linden hat.
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Du weist, wie sehr sie zürnt, wenn unsre Meißnerflöten
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Sich auch einmal erkühnt, mit Schlesiens Poeten
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Den Wettstreit einzugehn; wenn sich ein Grübler wagt,
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Den
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Wie kömmt es denn, o Freund! daß du dich nicht gescheuet,
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Und nebst der Weisheit, dich der Redekunst geweihet,
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So, wie sie Leipzig liebt? das itzt den Trieb verdammt,
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Der ehmals auch allhier die Geister angeflammt;
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Und das, nachdem es mehr Natur und Wahrheit kennet,
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Geschwollner Reden Dunst nur Schaum und Blasen nennet;

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Mich hat kein Schlesien, kein Meißnerland gezeugt:
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Das ferne Preußenland hat meinen Mund gesäugt;
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Den Geist mit Unterricht und Wissenschaft verpfleget,
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Und mir zugleich die Lust zum Dichten eingepräget.
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Drum gilt mir beydes gleich, ob dieses Meißnerfeld,
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Ob jener Oderstrom die Oberhand behält.
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Was geht es mich denn an, wenn gleich die Niedersachsen
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Die Franken in der Kunst zu Schreiben überwachsen?
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Was nützt ein solcher Zank, der nie zum Ende geht?
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Wer deutsch kann, ist mir werth, wenn er es recht versteht.
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Des Pöbels Redensart pflegt überall zu fehlen.
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Wer richtig schreiben will, der muß aus allen wählen.

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So geht mich denn, o Freund! der Oder Zorn nichts an.
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Ich weis, daß Schlesien und Meißen dichten kann.
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Ich lieb und hasse nicht das Vaterland der Dichter:
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Denn beyde zeugten sonst die allergrößten Lichter.
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Als dort ein
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Dem Preußen seinen
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Doch als dort
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Hat
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Durch sie ward dort und hier der reine Witz verderbt,
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Den von dem
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Bis dorten
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Wie

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Wo ist der Fehler nun, den Breslau eifrig schilt,
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Wenn
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Wenn wir vom Weizen Spreu, vom Golde Schlacken scheiden,
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Und keinen leeren Schwulst in stolzen Worten leiden?
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Wir ehren die Vernunft, wie
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Warum blieb
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Der Wahrheit und Natur? Was hat ihn doch getrieben,
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Den Wind der Spanier, der Wälschen Dunst zu lieben?
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Thats nicht sein großer
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Nur diesem gieng er nach, nur dieser schien ihm groß?
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Was Rom und Griechenland für Muster nachgelassen,
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Das war ihm viel zu schlecht, das schien er gar zu hassen.
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Ein Irrlicht später Nacht verführt den Wandersmann,
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Der nicht die Straße kennt. Wer ihn nur warnen kann,
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Der thut es freylich gern; wenn er den Freund nur höret,
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Der ihn zu retten denkt. Doch wenn ihn gar nichts störet;
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Wenn er sich klüger dünkt; den Freund für thöricht hält:
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So lachet man ihn aus, wenn er in Sümpfe fällt.
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Die Deutung ist gar leicht. Auch in gelehrten Sachen
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Pflegt Vorurtheil und Wahn oft taub und blind zu machen.

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Auf, edles
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Schau;
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Sey stolz auf diesen Held, durch den in Deutschlands Gränzen
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Die freyen Künste nun mit vollem Schimmer glänzen.
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Vier Jahre sind noch hin bis an sein Todesjahr:
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Begeh ein Jubelfest, und mach es offenbar,
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Wie sehr du ihn verehrst. Man ehrt ihn auch in Meißen,
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Und dürfte dir vieleicht den Vorzug gar entreißen.
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Mein Preußen ehrt ihn auch, denn es bewahrt sein Grab:
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Ein Grabmaal fehlt ihm nur, das ihm noch niemand gab.
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Wir müssen beyde Theil an solchen Pflichten haben,
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Weil

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Du aber, werther
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Der Ehre nachzugehn, so wie mans heute sieht:
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Damit auch Breslau einst, gleich andern seiner Söhne,
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Wie Leipzig heute thut, dich nach Verdiensten kröne.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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