Wie sehr ich dich bisher, mein

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Johann Christoph Gottsched: Wie sehr ich dich bisher, mein Titel entspricht 1. Vers(1733)

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Wie sehr ich dich bisher, mein
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Wie sehr mich dein Verstand und redlich Herz ergetzt,
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Und kurz, dein tugendhaft, gelehrt und kluges Wesen,
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Laß ich zum erstenmal in diesen Zeilen lesen.
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Ich hätt es längst gethan, aus Antrieb meiner Pflicht,
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Es fehlte mir dazu an Lust und Vorsatz nicht:
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Allein, ich wünschte stets, mit sehnlichem Verlangen,
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Mehr Anlaß, als bisher, zur Lobschrift zu empfangen.
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Ich dringe mich nicht gern durch Schmäucheleyen ein,
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Mein Griffel wollte nur der Wahrheit Herold seyn;
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Und wartete mit Fleiß auf öffentliche Proben,
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Um deine Trefflichkeit auch öffentlich zu loben.

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Daran gebrach es mir. Denn ob dir wohl kein Tag,
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Kein Augenblick vergeht, der nicht bezeugen mag,
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Wie nützlich dein Bemühn der Stadt, dem Vaterlande,
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Und Sachsens Nachbarn ist; indem man mit Bestande
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Gar wohl behaupten kann, daß deinen Witz und Fleiß
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Halb Deutschland schon genießt, und sehr zu rühmen weis:
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So war doch dieses mir, wenn ich dich loben wollte,
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Kein sattsamer Beweis, der andern zeigen sollte,
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Warum ich dich gerühmt. Die Welt verlangt was mehr,
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Und giebt uns eher nicht ein gütiges Gehör,
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Als bis man öffentlich was sonderbares findet,
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Worauf man denn das Lob berühmter Häupter gründet.
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Daher geschieht es denn, daß oft ein Namensfest,
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Oft noch was wenigers, den Anlaß finden läßt,
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Zu preisen, wen man ehrt. Allein das heißt gezwungen:
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Drum hab ich meinen Reim dir so nicht aufgedrungen.

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Das nächstverwichne Jahr versprach mir schon sehr viel;
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Das Schicksal zeigte mir das längstgesuchte Ziel,
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Indem ich schon vernahm, daß endlich Wunsch und Hoffen,
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Durch dein vergrößert Glück vollkommen eingetroffen.
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Man sprach, der Sachsen Haupt, (welch ein gerechter Held!)
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Der Hof und Land regiert. Es war auch kein Gedichte,
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Die Wahrheit schützte selbst das flüchtige Gerüchte.
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Du hattest in der That die Ehre längst verdient,
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Ob deine Demuth gleich sich niemals recht erkühnt,
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So hoch empor zu sehn; und gar das Glück zu zwingen,
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Durch Gunst und Geld, den Lohn für dein Verdienst zu bringen.
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Wie rühmlich war dirs nun, was dazumal geschah,
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Daß Hof und König selbst auf jeden Vorzug sah,
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Der dich vor andern schmückt; und, ohne dich zu fragen,
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Die neue Würde dir aus Gnaden angetragen.

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Allein hier zeigte sich auch die Bescheidenheit,
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Die deine Tugend ziert. Das Gift der Eitelkeit
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Hat dich wohl nie befleckt. Du pflegst durch bunte Schaalen,
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Darinn der Kern gebricht, der Welt nichts vorzupralen.
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Und hast du diesen nur, so achtest du es nicht,
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Wenn gleich von außen dir ein großer Schein gebricht.
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So gieng es denn auch hier. Du warest schon zufrieden,
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Mit dem, was dir das Glück und dein Verdienst beschieden;
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Und schienest, da sich schon des Alters Vorspiel zeigt,
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Zu keiner Aenderung der Lebensart geneigt:
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Zumal es besser bleibt, verdienen, und nicht haben;
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Als leer an Würden seyn, und sich an Titeln laben.

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So ward indessen mir der Anlaß auch geraubt,
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Den ich, zu deinem Ruhm, zu haben schon geglaubt.
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Ich schwieg also bisher, und lernte mit Ergetzen,
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Dein Wesen, theurer Mann! fast täglich höher schätzen.
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Dein Bruder, der wie du, des Landes Wohlfahrt stützt,
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Gerechtigkeit und Recht durch manchen Ausspruch schützt,
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War ebenfalls, wie du, ein Gegenstand der Augen,
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Und konnte mir, nebst dir, zum Musterbilde taugen;
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Zum Muster, daß sich noch ein tugendhafter Mann,
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Durch Fähigkeit und Fleiß zu Ehren bringen kann.
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Doch mußt ich alles das noch allezeit verschweigen,
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Und dorft es eher nicht, als heute, deutlich zeigen.

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Denn itzt erscheint der Tag, da dein geschickter Sohn
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Der schöne Lehrerschmuck im Philosophenorden,
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Mit allgemeinem Ruhm auch ihm zu Theil geworden.
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Ganz Leipzig sieht dabey die wohlgerathne Frucht,
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Das schönste Probestück von Wagners kluger Zucht;
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Des Vaters Ebenbild in seines Sohnes Jugend,
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Und diesen auf der Spur der väterlichen Tugend.
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Man siehts und lobet dich, und rühmt den Sohn zugleich,
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Und wer nicht neidisch ist, wird an Vergnügen reich;
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Und wünscht der Vaterstadt viel Väter deinesgleichen,
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Viel Söhne, wie dein Sohn, dem tausend Söhne weichen.

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Ich merke, daß man hier vieleicht den Einwurf macht:
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Es sey kein Lob für dich, was ich hier ausgedacht.
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Das hieße gar nicht viel, den Sohn dahin zu führen,
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Wo soviel andre stehn, und sich mit Lorbern zieren;
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Und wo die Würdigkeit nicht stets allein gemacht,
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Daß ihnen solcher Schmuck vor andern wird gebracht.
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Das sey kein großer Ruhm, den Sohn nach zwanzig Jahren
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Magistermäßig sehn; nachdem man oft erfahren,
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Daß hier und sonsten oft ein funfzehnjährig Kind,
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Bey dem Verstand und Witz noch gar nicht zeitig sind,
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Der weisen
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Und also hätt ich dir ein schlechtes Lob ersonnen.

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Jedoch, was ich gethan, ist mit Bedacht geschehn.
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Ich habe deines Sohns Geschicklichkeit gesehn,
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Und seinen Fleiß erkannt, und dich und ihn gepriesen,
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Wenn beyder edles Thun sich so gesetzt erwiesen;
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Nicht gar zu sehr geeilt, wie so viel andre thun,
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Die nachmals müde sind, und desto länger ruhn:
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Nein, sondern Schritt vor Schritt die rechte Bahn gegangen,
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Um desto sicherer zum Zwecke zu gelangen.

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Das wird gewiß geschehn; man sieht es schon voraus.
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Erfreue dich dabey, du hochgeschätztes Haus!
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In kurzem wird die Welt aus tausend Früchten lesen,
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Wie edel dieses Reis, wie schön sein Stamm gewesen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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