An Jungfer L.A.V. Kulmus

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Johann Christoph Gottsched: An Jungfer L.A.V. Kulmus (1733)

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Poetinn! zürne nicht, daß sich ein Fremder wagt,
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Und dir den treusten Dank in schlechten Reimen sagt,
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Den dein Geschenk verdient. Die allerliebsten Zeilen,
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Die du durch unsern Freund mir neulich zu ertheilen
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Geneigt beliebet hast, erfodern zweifelsfrey,
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Daß ich dir, schönes Kind! dafür erkenntlich sey.

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Allein, wie stell ichs an? Was giebt dein Knecht dir wieder?
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Ich lese ganz entzückt die geisterfüllten Lieder,
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Die du mir zugesandt, und seufz in meinem Sinn:
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Ach schade, daß ich doch so weit von Danzig bin!
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Wie zärtlich wollt ich dir allda zu danken wissen?
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Wie zärtlich wollt ich nicht die schönen Hände küssen,
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Die ein so muntrer Geist belebt, bewegt und rührt;
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Wann er den Dichterkiel, trotz allen Männern, führt.
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Jedoch, ich bin entfernt! Wer kann durch achtzig Meilen,
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Dir alle Dankbarkeit, die du verdienst, ertheilen?
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Ich kenne dich so gar nur deinem Geiste nach:
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Dem Geiste, der so stark aus jeder Zeile brach,
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Die du mir zugesandt; so, daß ich schweren sollen,
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Daß deine Mutter sich in dir verjüngen wollen.

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Ich weis, was Fischer mir von ihrer Klugheit pries;
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Als er und Gerlach sich in Leipzig sehen ließ.
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So spricht schon Famens Mund von ihrem seltnen Wesen!
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Wiewohl ich hab es selbst von ihrer Hand gelesen,
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Was sie für Geist, Vernunft und Wissenschaft besitzt,
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Und wie die Weisheit ihr aus allen Worten blitzt.
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Von solcher Mütter Zucht entstehen solche Kinder,
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Als du, o Schöne! bist. Vor allem, wenn nicht minder
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Die Väter eifrig sind, sie klüglich zu erziehn:
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Da müssen in der That dergleichen Pflanzen blühn.

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Ach dörft ich nur nicht selbst mein Unvermögen schelten!
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Wie gerne wollt ich dir die Gütigkeit vergelten,
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Die du mir schon erzeigt. Nimm diese Blätter an,
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Bis ich dir, schönes Kind! was bessers liefern kann.
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Das ist, du weißt es schon, die Poesie der Preußen;
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Dadurch ich auch so gar die Nymphen hier in Meißen
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Einst schamroth machen will. Denn sind dieselben gleich
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An Geist und Artigkeit, Verstand und Schönheit reich:
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So ist doch keine dir, so viel ich weis, in Sachsen,
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So jung und zart du bist, im Dichten recht gewachsen.
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Du ehrst dein Vaterland durch deinen schönen Kiel,
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Und Preußen wird dereinst dein reines Seytenspiel
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Aus Stolz verewigen. Drum fahre fort im Singen,
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Du Muse deiner Zeit! Denn deine Lieder klingen
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So rein, so angenehm, so munter, so beliebt,
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Daß jeder, der sie hört, dir Kranz und Lorber giebt.
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Was sonst die
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Das wird dein Danzig einst von seiner Kulmus lesen:
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Und ich will fröhlich seyn, wofern es einst geschieht,
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Daß auch die Welt dein Lob in meinen Reimen sieht.

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Laß deine Aeltern sehn, was dir dein Knecht geschrieben.
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Und sprich, er werde dich stets rühmen, ehren, lieben!
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Weil dein Verstand und Witz, der mehr sein Herze zwingt,
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Als alle Schönheit thut, auch in die Ferne dringt;
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Und mit vergnügter Brust gestehen, und bekennen,
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Er schätze sich beglückt, sich deinen Knecht zu nennen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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